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* Mittwoch 27. Dezember 2001

Säulen der Gesellschaft

von Andrea Jagode


Selbsthilfe ist im Trend. Alleine in diesem Jahr haben sich im Landkreis 15 neue Gruppen gegründet, 130 gibt es insgesamt im Kreis, rund 70.000 Selbsthilfegruppen bundesweit. Was als Alkoholikerhilfe in den USA begann, hatte bereits in den 70er Jahren in Deutschland fußgefasst. Zunächst noch rein auf Suchterkrankungen bezogen, gibt es heute zu fast jedem Krankheitsbild eine Selbsthilfegruppe - das schließt auch jene ein, die kein augenfälliges Gebrechen haben, seien es Psychischkranke oder kinderlose Eltern. Selbsthilfegruppe helfen, das Leben wieder in den Griff zu bekommen - gemeinsam mit Gleichbetroffenen, denn gemeinsam macht stark.

Es geht um mehr als nur um die Beseitigung von Krankheitssymptomen, es geht um den ganzen Menschen und die Lebensqualität im Alltag. Das hat auch mit der gestiegenen Lebenserwartung zu tun, die einem zwar älter, aber auch gebrechlich und oft unzulänglich werden lässt. Die Frage nach der Lebensqualität stellt sich da immer mehr.

Selbsthilfegruppen sind der Ausdruck eines erstarkten Bewußtseins der Eigenverantwortung. Wer nicht, wenn ICH ist für sich selbst, seinen Körper, seine Lebensweise und seine Gesundheit verantwortlich? Nur ein kritischer Patient ist ein guter Patient, denn nur er hat es verstanden, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, statt blind dem Halbgott in Weiß zu trauen. Zu lange das blinde Vertrauen in die Expertenmeinung: Was einem gut tut, weiß jeder selbst am Besten.

Doch noch immer sind viele Ärzte nicht Partner, sondern weisungsgebende Autorität für viele Patienten. Die Apparatemedizin hat Hochkonjunktur, der Mensch bleibt auf der Strecke. Die Unmut über lange Wartezeiten beim Arzt und immer kürzer werdende Sprechstunden, die Fokussierung auf die Krankheit statt auf den ganzen Menschen, das bloße Vertrauen in Pharmazie, Therapie und Technik und ständige Kürzungen im Gesundheitsbereich machen unzufrieden und ersetzen nicht, was dem Patienten eigentlich wichtig ist: ein offenes Ohr, ein helfendes Gespräch.

Das findet er bei Gleichbetroffenen in der Gruppe. Hier findet er Halt und Rat, lernt mit seiner Krankheit, seiner Unzulänglichkeit umzugehen, sie akzeptieren und einbauen ins tägliche Leben. Das persönliche Gespräch in Zeiten der Schnelllebigkeit, Infomationsflut und Leistungsdruck, der Globalisierung, dem Verlust der familiären Strukturen und Anonymisierung ist gerade für jene wichtig, die nicht dem Ideal entsprechen, nicht schön, jung, dynamisch und gesund sind (und das ist die Mehrheit!).

Darum gilt es Selbsthilfegruppen zu stärken und zu pflegen, denn sie haben nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen gesellschaftlichen Nutzen, der nicht unterschätzt werden darf. Sie sind eine tragende Säule der Gesellschaft. Es wird Zeit, dass dies auch der Gesetzgeber erkennt und für eine systematische Förderung sorgt - und zwar für alle Selbsthilfegruppen gleichermaßen. Andrea Jagode

Informationen zum Thema Selbsthilfegruppen sind erhältlich beim Gesundheitsamt, Referat Gesundheitsförderung beim Landratsamt Konstanz, Tel. 07531/800-782, -787 oder -783.

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