Jahresrrückblick 2002
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*  Donnerstag 02. Januar 2003

ABC Sonderseite

Arbeitslose sind zum traurigen Dauerthema geworden. Kein Jahr vergeht ohne das berühmte A! Was wird mit Hartz und ohne Hartz 2003 passieren? Initiativen für Jugendliche und andere Randgruppen im Bereich der Arbeitslosigkeit kommen in Finanzierungsnöte. Sollten ABM-Maßnahmen tatsächlich künftig nur noch im Osten stattfinden, dann gehen hier im südbadischen Zonenrandgebiet vielerorts die Lichter aus. Wenn das Arbeitsamt Konkurrenz bei der Vermittlung in freie Stellen verstärkt bekommt, ist dies einerseits gut so. Wer als Politiker aber seine eigene Arbeitsverwaltung als unfähig hinstellt, der trifft nur sich selbst.



Bäder sind zum Streitpunkt geworden. Überall am Bodensee schießen Thermalbäder aus dem Boden: Überlingen, Meersburg und jetzt auch noch Friedrichshafen samt Bürgerentscheid. Wieviel Bad braucht der Mensch? Und wie viel kann er zahlen? Singen hat im letzten Augenblick die Kurve gekratzt und saniert 2003/4 das Aachbad mit 3,5 Millionen Euro trotz aller Finanzknappheit. Kluge Experten wollten der Stadt schon eine Bäderlandschaft unter Dach mit Sauna und jede Menge Firlefanz aufschwätzen. Dafür gibt es aber andere Träger. Und das ist auch gut so.



CDU ist ein Wort mit Nachhall. Zwar hat Hans-Peter Repnik die Bundestagswahl wieder klar im Kreis gewonnen, doch wie ein Donnerhall war die Botschaft, dass er als Vorstandsvorsitzender ab 1. Januar 2003 zum Grünen Punkt geht. Wie der Spagat zwischen Berlin, Köln und Markelfingen aussieht, wird man sehen. Dass der Spitzenmann der Union aus der ersten Reihe im Bundestag auf die Plätze ganz hinten wechselt, ist der Ausstieg des Jahres 2002. Der Stern hat ihn vor über zehn Jahren als einen jener auserkoren, der in der freien Wirtschaft Karriere machen könnte. Das muss er 2003 beweisen. Viel mehr beweisen muss die MIT, die Mittelstandsvereinigung der CDU. Was wird nach Klaus E. Bregger auf

Landesebene und wie verlaufen die Fronten hier im Kreis. Wir kennen doch alle die Steigerung von Feind? Erzfeind, Parteifreund.



Demokratie lebt von einer intakten kommunalen Selbstverwaltung. Doch welchen Spielraum haben die Gemeinderäte und Kreisräte noch? GmbHs, Eigenbetriebe und Zweckverbände haben längst die zentralen Funktionen übernommen. Und was entscheiden die Gemeinderäte noch? Ob Schulden aufgenommen werden oder gleich nicht gebaut wird! Das wird sich 2003 nicht verändern. Und dann ist bald wieder Gemeinderatswahl, für die Kandidaten herbeigetrommelt werden müsse. Schöne Demokratie.



Euro wird Teuro? Viele haben es behauptet, einige Beispiele aus der letzten Zeit zeigen, dass beim Preisvergleich merkwürdige Anpassungen zustande gekommen sind. Wurde die DM tatsächlich in Euro umgezeichnet? Bei Nischenprodukten fiel es nicht einmal auf. Glückwunschkarten sind so ein Beispiel. Langsam aber haben wir uns an den strammen Euro gewöhnt und rechnen langsam auch mit ihm. Das gibt neue Transparenz am Markt, weil der Faktor Irrtum bei der Umrechnung wegfällt.



Flugsicherung hat seit dem Überlinger Unglück gerade für Kloten eine neue Dimension gewonnen. Ob Skyguide in Zürich zu vertrauen ist, ist sekundär. Deutschland hat Hoheitsrechte abgegeben, die 2003 zurückzuholen sind. Statt mit heißem Herzen ist jetzt mit klarem Kopf operiert werden. Die Fluglärm-Gegner im Kreis Konstanz sollen allesamt beim Waldshuter Landrat Dr. Bernhard Wütz Nachhilfe nehmen. Einer blickt durch, wäre das Moto für den Polit-Film des Jahres 2003.



Gesundheitswesen ist das Dauerstreithema seit Jahren. Es geht um die Finanzierung des Systems insgesamt und die regionale Verteilung. Die Politik wird die regionale Zusammenarbeit im Kreis Konstanz nicht mehr richten, dafür aber die Kostenträger. Und deshalb darf man optimistisch sein, dass in einem Jahr auch Konstanz mit seinen Kliniken im gemeinsamen Boot sitzt. Die Vertreter der Heilberufe werden im kommenden Jahr streiken. Ministerin Ulla Schmidt wird mit ihrem Programm komplett scheitern. Der Wettlauf der Krankenkassen um mehr Mitglieder wird im Ruin vieler enden.



HegauFuchs ist zum Erfolgsmodell geworden, das selbst des Dilletantismus des Verkehrsverbunds und seiner Geschäftsführung wie bei der Einführung im Stockacher Großraum nicht zerstören hat. Das gehört zur neuen Demokratie-und Verwaltungsdiskussion: Die Bürger wollen endlich Leistung von den Leuten sehen, die sie finanzieren. Wer das 2003 nicht kapiert, wird von einer Welle der nötigen Einsparungen der öffentlichen Hand einfach weggespült.



Innovation ist angesagt, Existenzgründer sind gesucht. Viele setzten auf die Konstanzer Fachhochschule, aus der heraus Ideen sprudeln sollen. Das RIZ in Radolfzell hatte mit Lothar Späth fast schon einen Paten zu Besuch. Es wird mit anderen Standorten künftig konkurrieren müssen. Singen legt mit dem Technologiezentrum für gewerbliche Neuentwicklungen und mit dem Hegau-Tower als Symbol der künftigen Dienstleister kräftig nach. Viele Träume sind unterwegs, mögen doch viele realisiert werden.



Jammern ist das Gebot der Stunde - und das auf hohem Niveau. Manchmal tut es weh, wenn man auf den Standard anderer Völker schaut. Noch mehr High-Tech-Medizin? Noch mehr Bildung? Oh, peinlich! Bei PISA waren wir ja gerade Schlusslicht. Da würden wir besser mit den Finnen in die Sauna hocken und uns gelesene Märchen erzählen. Also über Politik reden! Wer eben dauernd meint, er sei der Größte, fällt dann tief! Da kommen schwere Zeiten auf unserer Ego zu.



Kreiseln muss man im Kreis Konstanz, wenn man dazugehören will. Was die Engländer schon vor 60 Jahren hatten, entdecken wir jetzt. Und wir führen das Kreiseln zur Perfektion. Wir sind so gut, dass wir wie in Stockach gar einen U-Boot-Turm darauf setzen wollen. Fahren wir also 2003 durch den Landkreis und suchen Plätzchen, wo noch ein Kreisel fehlt. Es muss ja kein U-Boot darauf passen, es reicht ja ein Schnorchel von einem. Das ist dann ein Denkmal für erlebte Demokratie: Schließlich handeln wir alle zum Wohle des Bürgers, egal ob er es merkt oder nicht!



Landkreis zu sein, ist schon schwer. Wer hat schon eine Beziehung dazu, außer dass er ihn alle fünf Jahre zu wählen hat. Da wählt man seinen Schultes, vorausgesetzt er hat alles so laufen lassen, wie es halt nötig ist. Und das ist am Ende gut so. Da dealen die Kreisräte mit den Bürgermeistern die künftige Kreisumlage aus und lassen alle leben. Wenn es Konflikte gibt, dann schweigt der Landrat und keiner kreidet es ihm an. So war es bei der Krankenhausfusion und wird es bei der Volkshochschule auch sein. Und bei der Hegau-Kreislaufwirtschaft fragt nicht einmal mehr ein Grüner an, wie der Stand der Vertragsauflösung ist.



Marketing ist mehr denn je gefragt. Und so konnte das Bodensee-Marketing endlich aus der Taufe gehoben werden. Wo nun die ganzen Interessenten rund um den Bodensee bleiben, wird im neuen Jahr gefragt werden müssen. Alter Wein in neuen Schläuchen kann es nicht sein. Die Clusterbildung von Dr. Gerd Springe ist ein wichtiger und richtiger Ansatz: Die Region muss mit ihren Pfunden wuchern. Eine Ausbildungsinitiative im Bereich Verpackung ist schon sicher. Dafür hat Dr. Springe auch die Ausbildungsbetriebe im Boot.



Notstand besteht bei den Ehrenamtlichen im Kreis. Sie werden schlicht weniger. Viele Vereine sind zu Seniorenvereinigungen geworden, Mitgliederwerbung und Verjüngung ist kein Thema mehr. Fast muss man stolz sein, als Ehrenamtlicher keine Landesehrennadel zu besitzen, denn dieses Instrumentarium gehört zu den Dingen, die nichts gebracht haben. Das motiviert leider keine jungen Menschen, sich zu engagieren. Sie beteiligen sich spontan und themenorientiert. Mehr nicht. Schwierige Zeiten kommen auf uns zu.



Oberzentrum wollte Singens OB Andreas Renner auch werden. Doch da hatte sein Konstanzer Alt-Freund Horst Frank etwas dagegen. Seither herrscht Funkstille zwischen den Großen im Kreis. Mittelzentrum wurde nach Radolfzell auch Stockach, wo eitel Freude herrschte. Singen ist nun auch nicht mehr - formal zumindest. Wer seine Aufgaben wie erfüllt, ist eine ganz andere Frage. Und da werden wir 2003 unsere wahre Freude daran haben.



Politik ist immer im Spiel, wenn es um Fusionen geht. Die Sparkasse Singen-Radolfzell schmeckte vielen nicht. Als sich dann Konstanz nach Übersee begab, als Singen die Liebe zu Überlingen entdeckte, ist auch schon Historie. Bei der Volksbank räumte Wilfried Luig in Radolfzell nach der Fusion alles ab, um anschließend selbst draußen vor der Tür zu laden. Weitere Fusionen stehen außerhalb der Finanzinstitute an: Die Karten in der Region werden neu gemischt. Und an Singen kommt bedingt durch Andreas Renner kaum jemand nochmals vorbei.



Querdenker sind weiterhin nicht gefragt. Die Parteien dümpeln vor sich hin, Kritik gibt es höchstens wegen Untätigkeit. Die Pfarrer haben auch nicht mehr die charismatische Luft: Sie leben in Seelsorgeeinheiten und vertreten die leeren Stellen. Das ist die katholische Seite - und auf der evangelischen Seite fehlt nicht das Personal sondern das Geld. Wer soll da noch aufbegehren?! Ruhe wird immer mehr zur ersten Bürgerpflicht: Zahl Deine Steuern und Deine Strafzettel!



Rivalitäten bestimmen die Großprojekte: Wer baut nun die Kongresshalle in der Region? Geld hat niemand, Renner setzt auf Investoren. Doch da ist er nicht allein. In Konstanz ist die erste Euphorie gewichen, Stadthallen brauchen eben auch eine Auslastung. Nur in einer Atmosphäre ängstlicher Standortsicherung wachsen Träume wie vom Tourismustempel auf der Weiherhof bei Böhringen. Investorengeld ist nirgends auf dem Markt sichtbar!



Sozialämter werden im Kreis zusammengelegt. Singen hat die Rückdelegation an den Kreis beschlossen, jetzt werden die Konditionen ausgehandelt. Und Konstanz kommt einen Schritt zu spät. Jahrelang wurde der Luxus dreier Sozialämter im Kreis verteidigt, obwohl es längst keine drei Fachleute für die Leiterstellen mehr gab. Am Schluss geht es um Kompetenz. Die hat der Landkreis zu bieten.



Tatort am Bodensee, das ist ein Thema für das neue Jahr. Nach furchtbarer Schelte für das Erstlingswerk war der zweite um Selbstmord übers Internet grandios. Peter Lenks Hübschlerin im Konstanzer Hafen gewann eine neue Dimension. Grenzsituationen machen unser Leben hier aus. Und da dürfen wir auf die weiteren Folgen gespannt sein.



Untersee, das ist die Geschichte vom etwas anderen Tourismus. Er soll ökologisch wertvoll sein, muss sich irgendwann aber auch in Gourmet-Sternchen niederschlagen. Das Falkonera in Schienen war hier der Newcomer des Jahres. Das tut der ganzen Region gut, denn der Bodenseeraum ist als Feinschmecker-Region Deutschlands immer noch ein unbekanntes Wesen. Aber das will ja auch keiner glauben.



Volkshochschule ist im neuen Jahr auf dem Prüfstand. Wagen wir einen Tip: Es wird eine Lösung ohne Konstanz geben, möglicherweise aber mit Radolfzell. Dr. Jochen Schmidt-Liebich muss alles abspecken, was er im Kampf um private Anbieter sich aufgeladen hat. Was andere auch können, sollen sie machen. Selbstfindung bei Kaffee und Plätzchen hat künftig keinen Platz mehr in der öffentlichen Erwachsenenbildung.



Wunder gibt es zwar immer wieder, im Kreis Konstanz aber auch 2003 nie. Harte Arbeit steht vor allen Akteuren. Packen wir es an.



X-mas haben wir gerade hinter uns, merkwürdigerweise immer mit Filmen mit Tom Cruise. &quotl;Eyes wide shut&quotl; gab es in diesem Jahr als harten Kontrast zum Weihnachtsbaum: Lasst uns zur schwarzen Messe mit fleischlicher Orgie gehen! Da wird Weihnachten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Farce degradiert. Das kennt man sonst nur von Scientology!



Xylophon steht für die gute Arbeit der Musikschulen im Kreis, die junge Menschen begeistern. Die Orchester zu erleben, ist eine positive Welt, die wir brauchen.



Zuversicht muss das Wort für 2003 sein! Wir müssen raus aus dem Jammertal und wieder die Werte erobern, die uns einst stark gemacht haben. Stärke statt Stütze, das muss in den Köpfen wieder reifen.

Hans Paul Lichtwald

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