Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 29. Dezember 1998

Wird der Mensch zum Objekt?

von Hans Paul Lichtwald

Wir Menschen sind stolz darauf, handelnde Subjekte zu sein. Das wissen die Werbepsychologen sehr genau. Unvergessen ist die Camel-Werbung, die erstmals konsequent aus einem Genußprodukt, der Zigarette, einen ganzen Lebensstil entwickelt hat. Der Mensch pflegt sein Ego. Das war und ist der Stil dieses Jahrhunderts. In Deutschland gab es vor hundert Jahren noch kein gleiches und allgemeines Wahlrecht. Unsere Vorfahren lebten noch im Kaiserreich. Nach kurzer erster Republik kam die „Deutsche Diktatur", die der Historiker Karl-Dietrich Bracher so bezeichnet hat. Viele Deutsche erlebten dann den real existierenden Sozialismus. Inzwischen haben alle den aufrechten Gang gelernt, doch kurz vor dem Jahr 2000 erfaßt viele eine merkwürdige Beugung des Menschen. Der Stolz des Volkes der Dichter und Denker, das mit Daimler und BMW die internationale Szene aufmischt, ist merkwürdig gebrochen.

Der Deutsche will Klarheit und Sicherheit. Das braucht er im Beruf, im Privatleben und in der Politik. Hat er die aber noch? 40 Prozent der Ehen werden im Kreis Konstanz unverändert geschieden. Singen hat 15 Prozent Arbeitslose. Und die Politik? Im Kreis Konstanz reduziert sich das Image der politischen Klasse ganz schnell auf den Müll.

Mobil muß der künftige Mensch sein, immer lernbereit, stets anpassungsfähig. So wird aus dem Subjekt schnell ein Objekt. Handeln tun andere. Oftmals Mächtige, die der einzelnen garnicht kennt. Und in dieses System soll man dann Vertrauen haben? Warum zittern viele Mitarbeiter bei der Alu? Sie haben Jahre mit schlechter Stimmung im Unternehmen überstanden. Darauf können sie stolz sein. Doch was ist die Belohnung? Sie ist viagral sagen Spötter.

Was ist der Gegensatz von mobil? Man hat Wurzeln geschlagen. Die Kinder haben Freunde gefunden. Der Erfolg der zweiten deutschen Demokratie ist in dieser Bodenständigkeit begründet. Am Ende steht ein Reihenhaus. In anderen Ländern werden Häuser gekauft und verkauft. Bei uns entscheiden die Kacheln in der Küche über das häusliche Glück. Der Rest sind dann die 40 Prozent . . .

Welche Sicherheit haben die Menschen, nicht am Ende der sozialen Sprossenleiter zu landen? Keine. Trennung, Scheidung, Arbeitslosigkeit haben viele tief abrutschen lassen. Und dennoch gibt es ganz da unten auch noch ein Glück, das ein Geheimnis unseres Erfolgs ist. Der Deutsche strebt und müht sich, solange er lebt. Rechtschaffen und brav. Darin überholen ihn nur die Portugiesen auf dieser Welt. Auf diesen verfügbaren Menschen setzen große Teile der Wirtschaft: Arbeiten um fast jeden Preis!

Doch die Angst bleibt: Wer zieht an den Strippen dieser kleinen deutschen Weltbühne? Und Wer setzt die Normen fest, nach denen wir alle zu handeln haben werden? Wer von uns handelt wirklich noch? Und wer ist längst Objekt seiner eigenen Augenwischerei geworden?

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