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Zahlenspiele mit dem Wandel
von
Anatol Hennig
So
viel Wandel war noch nie, so viel Wandel wie jetzt, zur Jahrtausendwende.
Der Wahlkampf der diesjährigen Bundestagswahl gab uns einen
Vorgeschmack: Gerhard Schröder schritt zum Wahlsieg, den
Wandel gleich Vogelfutter aus seinen Worttaschen streuend. Und
noch mehr Wandel wird kommen: Heerscharen von Politikern, Medienvertretern
und Wirtschaftskapitänen werden vor dem Jahrtausendwechsel
Ferngläser an die Menschheit ausleihen und den Wandel direkt
davorstellen: "Seht ihr, so sieht er aus, der Wandel dieser
Tage, der Wandel zur Jahrtausendwende." Größer,
bedeutender, näher als aller Wandel vor und nach den Jahren
1999 und 2000 wird der Wandel dann aussehen, durch das Fernglas.
Nutzen
Sie also die Chance, vor dem "Wandeljahr 1999" noch
einmal durch das weitwinklige Auge der Zeit statt durch das Fernglas
zu blicken. Ein durchschnittlicher Europäer im 17ten Jahrhundert
beispielsweise nahm sein Leben lang so viele Informationen auf,
wie eine durchschnittliche Wochenendausgabe der New York Times
heute faßt. Ein Textilunternehmer in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts konnte seine Maschinen stehen lassen, bis
sie auseinanderfielen. Schon Ende des 19ten Jahrhunderts wäre
er mit dieser Methode bereits nach etwa 15 Jahren vom Markt verdrängt
worden. Heute gehört eine EDV-Anlage schon nach zwei bis
drei Jahren in den Elektroschrott - sie ist nicht mehr auf dem
neuesten Stand der Technik. Wir sind die schnellsten Menschen
mit dem meisten Wissen, die dieser Erdball je gesehen hat.
Und
bald waren wir es: Schauen wir durch das Auge der Zeit in die
Zukunft. In 100 Jahren werden unser Wissen, unsere Lösungsversuche,
unsere Wahrheiten unbedeutend sein, nur noch wichtig für
Historiker, die sich dann zum Beispiel mit der Frage beschäftigen,
warum wir zum Jahrtausendwechsel so viel über den Wandel
redeten. Das wird so sein, weil die Menschheit bis dahin über
das Millionenfache des heutigen Wissens verfügt. Das Millionenfache?
Ja: Alle fünf Jahre verdoppelt sich das theoretisch verfügbare
menschliche Wissen, also verdoppelt sich das Wissen in 100 Jahren
zwanzigmal, macht rund 1 Million und 64000mal mehr Wissen als
heute. Und zum nächsten Jahrtausendwechsel, an Silvester
2999? Da kommt bei der selben Rechenweise 1,6 mal 10 hoch 60 (das
ist eine 16 mit 59 Nullen) so viel Wissen heraus als das, auf
was wir heute stolz sind. Solche Zahlenspiele wirken bedrohlich
selbst für den manövrierfähigsten Menschen und
Weltbürger dieser Tage. Und wen bei solchem Gerechne persönliche
Zukunftsangst überfällt, dem sei gesagt, daß sich
das Wissen nach dem Ende der Schulzeit bis zum 80sten Lebensjahr
nur um das 8000fache vermehrt und jede Generation so glücklich
wird, wie sie es will. Beängstigender ist etwas anderes:
Gleichgültig, über wieviel Wissen die Menschheit verfügt,
über Weisheit, über die höchste geistige Qualifikation,
verfügen immer noch die wenigsten Vertreter unserer Spezies.
Ob sich das im nächsten Jahrtausend ändert?
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nächsten Zeitzeichen

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