Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 29. Dezember 1998

Zahlenspiele mit dem Wandel

von Anatol Hennig

So viel Wandel war noch nie, so viel Wandel wie jetzt, zur Jahrtausendwende. Der Wahlkampf der diesjährigen Bundestagswahl gab uns einen Vorgeschmack: Gerhard Schröder schritt zum Wahlsieg, den Wandel gleich Vogelfutter aus seinen Worttaschen streuend. Und noch mehr Wandel wird kommen: Heerscharen von Politikern, Medienvertretern und Wirtschaftskapitänen werden vor dem Jahrtausendwechsel Ferngläser an die Menschheit ausleihen und den Wandel direkt davorstellen: "Seht ihr, so sieht er aus, der Wandel dieser Tage, der Wandel zur Jahrtausendwende." Größer, bedeutender, näher als aller Wandel vor und nach den Jahren 1999 und 2000 wird der Wandel dann aussehen, durch das Fernglas.

Nutzen Sie also die Chance, vor dem "Wandeljahr 1999" noch einmal durch das weitwinklige Auge der Zeit statt durch das Fernglas zu blicken. Ein durchschnittlicher Europäer im 17ten Jahrhundert beispielsweise nahm sein Leben lang so viele Informationen auf, wie eine durchschnittliche Wochenendausgabe der New York Times heute faßt. Ein Textilunternehmer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte seine Maschinen stehen lassen, bis sie auseinanderfielen. Schon Ende des 19ten Jahrhunderts wäre er mit dieser Methode bereits nach etwa 15 Jahren vom Markt verdrängt worden. Heute gehört eine EDV-Anlage schon nach zwei bis drei Jahren in den Elektroschrott - sie ist nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik. Wir sind die schnellsten Menschen mit dem meisten Wissen, die dieser Erdball je gesehen hat.

Und bald waren wir es: Schauen wir durch das Auge der Zeit in die Zukunft. In 100 Jahren werden unser Wissen, unsere Lösungsversuche, unsere Wahrheiten unbedeutend sein, nur noch wichtig für Historiker, die sich dann zum Beispiel mit der Frage beschäftigen, warum wir zum Jahrtausendwechsel so viel über den Wandel redeten. Das wird so sein, weil die Menschheit bis dahin über das Millionenfache des heutigen Wissens verfügt. Das Millionenfache? Ja: Alle fünf Jahre verdoppelt sich das theoretisch verfügbare menschliche Wissen, also verdoppelt sich das Wissen in 100 Jahren zwanzigmal, macht rund 1 Million und 64000mal mehr Wissen als heute. Und zum nächsten Jahrtausendwechsel, an Silvester 2999? Da kommt bei der selben Rechenweise 1,6 mal 10 hoch 60 (das ist eine 16 mit 59 Nullen) so viel Wissen heraus als das, auf was wir heute stolz sind. Solche Zahlenspiele wirken bedrohlich selbst für den manövrierfähigsten Menschen und Weltbürger dieser Tage. Und wen bei solchem Gerechne persönliche Zukunftsangst überfällt, dem sei gesagt, daß sich das Wissen nach dem Ende der Schulzeit bis zum 80sten Lebensjahr nur um das 8000fache vermehrt und jede Generation so glücklich wird, wie sie es will. Beängstigender ist etwas anderes: Gleichgültig, über wieviel Wissen die Menschheit verfügt, über Weisheit, über die höchste geistige Qualifikation, verfügen immer noch die wenigsten Vertreter unserer Spezies. Ob sich das im nächsten Jahrtausend ändert?

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