Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 29. Dezember 1998

Die Welt wird ein Dorf

von Oliver Fiedler

Kaum eine Wochen verging in diesem Jahr, in dem nicht von einer Super-Fusion berichtet wurde. Daimler mit Chrysler, Hoechst mit Rhone-Poulence, Mobil mit Exxon, Viag mit Algroup, Deutsche Bank mit Bankers Trust. Aus Riesenbanken werden Bank-Giganten. Konzerne beschränken sich längst nicht mehr nur auf einzelne Erdteile, die weltumspannende Wirtschaftskrake scheint das Ziel der immer mächtigen Wirtschaftsbosse zu sein, die irgendwie auch (ähnlich dem Owellschschen Weltbild von „1984") aus drei Regionen besteht: Europa, Amerika, Asien. Da mochte auch die sich lange angekündigte Asienkrise nichts an dieser Entwicklung bremsen. Die Vision „einer Welt" geht dabei baden: Afrika fällt durch den Rost.

Keine Frage: Die Welt wird zum Dorf. Produktionen können je nach aktuellen Lohnniveau zwischen den Standorten mittelfristig herumgeschoben werden. Schon lange wird von Bossen bei Bilanzkonferenzen die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt gepredigt, jeder Standort steht auf dem Prüfstand. Den Druck spürt mancher Betriebsrat hier schon recht schmerzhaft am eigenen Leib! Wenn aber das Dorf zur Welt wird, wird der einzelne Standort fast zum Nichts. Die Konkurrenz wird unerbittlich. Der Ton in vielen Fabriken auch hier wird „amerikanischer", das bedeutet der Profit rückt immer mehr in den Vordergrund. Wer sich nicht beugt, hat verloren.

Die Händler auf den Aktienmärkten haben das anscheinend im Gefühl: Nach solchen Großfusionen herrschte dort nämlich keine Euphorie. Wenn die Welt zum Dorf wird, wird sie ärmer an Vielfalt. Und anfälliger gegenüber Störungen. Und was hat der Verbraucher davon? Ganz im Gegensatz zur großen Fusionswelle bei den Konzernen setzen die vielen Existenzgründer auf Nähe zu ihren Kunden. Und sorgen damit für eine neue Vielfalt von unten. Zum Glück.

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