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Die Krone der Schöpfung
von
Anatol Hennig
Wir
haben gelernt auf den Mond zu fliegen, wir haben gelernt Sonnenkraft
zu nutzen, wir haben gelernt, Sonden auf dem Mars abzusetzen,
wir entdeckten, dass es Lebewesen gibt, die kein Sauerstoff und
kein Licht brauchen, um zu leben. Damit sind wir doch die Krone
der Schöpfung... Wirklich? Oder kann man das Ergebnis dieses
Jahrtausends auch so beschreiben: Wir irren, konsumgeil, wie noch
nie in der Geschichte der Menschheit, herum, auf der Suche nach
Spaß, auf der Suche nach mehr Geld, nach den besten Aktienfonds,
nach einem bisschen Macht, nach Wichtigkeit, machen uns über
Talkshows lustig, die wir selbst anschauen und damit finanzieren,
sind mit unseren Handys überall und immer verfügbar.
Aber wir setzen unseren gesamten verfluchten Fortschritt nur selten
dazu ein, um uns selbst zu helfen, UNS selbst, nicht mir selbst
oder nur denen, die mit uns Lebensgemeinschaften auf Zeit eingehen.
Nein, wir haben nicht gelernt, uns für so etwas wie das Gemeinwohl
einzusetzen, nicht als wir den PC erfunden haben, nicht als wir
entdeckten, dass Kunststoff recycelt werden kann oder dass wir
Bücher drucken können, kurz: nicht in tausend Jahren
und nicht in zweitausend Jahren. Wir haben nicht einmal das Problem
gelöst, wie wir künftig alten Menschen ein menschenwürdiges
Leben ermöglichen, ohne dass die jungen Menschen in den sozialen
Abfluss rutschen. Das lässt sich auch auf die lokale Ebene
herunterbrechen: In Hilzingen war es Storzeln, in Böhringen
war es seit Jahren das Kompostwerk, in Stockach war es die Firma
Baumann, die eine Straße privatisiert hat, in Radolfzell
der Bau der Nordbrücke, in Singen die Entlassungen bei Maggi,
die Menschen aktiv werden ließen. Alle diese Aktivitäten
hatten eines gemeinsam: Denen, die aktiv waren, ging es um sich
selbst. Und wenn es ihnen nicht um den eigenen Arbeitsplatz oder
das eigene Haus ging, dann eben um politisches Profil, um Wichtigkeit
eben. Kurz: Wir sind in einem Zeitalter, in dem Schnelligkeit
auf dem Datenhighway und in der Just-in-Time-Wirtschaft alles
ist, geistig so träge wie die letzten Jahrhunderte auch.
Zu träge, sich mit mehr zu beschäftigen, als nur mit
dem eigenen Vorteil. Und da nehme ich eine Hoffnung mit ins neue
Jahrtausend, die Hoffnung auf eine Gesellschaft, die nicht nur
ihr Wissen alle paar Jahre verdoppelt, sondern die vor allem etwas
Courage zeigt, auf eine Gesellschaft, die begreift, dass die Menschheit
zusammen mit dem Rest dieses Planeten aufeinander angewiesen ist.
Ehrlich gesagt, es ist nur ein Fünkchen Hoffnung, zu diesem
Schluss komme ich nämlich schon, wenn ich mich selbst anschaue.
zum
nächsten Zeitzeichen

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