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* Dienstag 4. Januar 2000

Die Krone der Schöpfung

von Anatol Hennig

Wir haben gelernt auf den Mond zu fliegen, wir haben gelernt Sonnenkraft zu nutzen, wir haben gelernt, Sonden auf dem Mars abzusetzen, wir entdeckten, dass es Lebewesen gibt, die kein Sauerstoff und kein Licht brauchen, um zu leben. Damit sind wir doch die Krone der Schöpfung... Wirklich? Oder kann man das Ergebnis dieses Jahrtausends auch so beschreiben: Wir irren, konsumgeil, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit, herum, auf der Suche nach Spaß, auf der Suche nach mehr Geld, nach den besten Aktienfonds, nach einem bisschen Macht, nach Wichtigkeit, machen uns über Talkshows lustig, die wir selbst anschauen und damit finanzieren, sind mit unseren Handys überall und immer verfügbar. Aber wir setzen unseren gesamten verfluchten Fortschritt nur selten dazu ein, um uns selbst zu helfen, UNS selbst, nicht mir selbst oder nur denen, die mit uns Lebensgemeinschaften auf Zeit eingehen. Nein, wir haben nicht gelernt, uns für so etwas wie das Gemeinwohl einzusetzen, nicht als wir den PC erfunden haben, nicht als wir entdeckten, dass Kunststoff recycelt werden kann oder dass wir Bücher drucken können, kurz: nicht in tausend Jahren und nicht in zweitausend Jahren. Wir haben nicht einmal das Problem gelöst, wie wir künftig alten Menschen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, ohne dass die jungen Menschen in den sozialen Abfluss rutschen. Das lässt sich auch auf die lokale Ebene herunterbrechen: In Hilzingen war es Storzeln, in Böhringen war es seit Jahren das Kompostwerk, in Stockach war es die Firma Baumann, die eine Straße privatisiert hat, in Radolfzell der Bau der Nordbrücke, in Singen die Entlassungen bei Maggi, die Menschen aktiv werden ließen. Alle diese Aktivitäten hatten eines gemeinsam: Denen, die aktiv waren, ging es um sich selbst. Und wenn es ihnen nicht um den eigenen Arbeitsplatz oder das eigene Haus ging, dann eben um politisches Profil, um Wichtigkeit eben. Kurz: Wir sind in einem Zeitalter, in dem Schnelligkeit auf dem Datenhighway und in der Just-in-Time-Wirtschaft alles ist, geistig so träge wie die letzten Jahrhunderte auch. Zu träge, sich mit mehr zu beschäftigen, als nur mit dem eigenen Vorteil. Und da nehme ich eine Hoffnung mit ins neue Jahrtausend, die Hoffnung auf eine Gesellschaft, die nicht nur ihr Wissen alle paar Jahre verdoppelt, sondern die vor allem etwas Courage zeigt, auf eine Gesellschaft, die begreift, dass die Menschheit zusammen mit dem Rest dieses Planeten aufeinander angewiesen ist. Ehrlich gesagt, es ist nur ein Fünkchen Hoffnung, zu diesem Schluss komme ich nämlich schon, wenn ich mich selbst anschaue.

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