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* Dienstag 4. Januar 2000

Werden Bücher nostalgische Objekte?

von Andrea Jagode

Wer ein Buch zum ersten Mal liest, der gewinnt einen Freund. Wer es zum zweiten Mal, liest, der begegnet einem Freund. Wiederbegegnung - ist das noch möglich in der neuen virtuellen Welt der elektronischen Bücher? Das E-Book, der elektronische Enkel des guten alten Buches, an dem am Ende des 20. Jahrhunderts verschiedene namhafte Firmen wie Microsoft oder Bertelsmann arbeiten und es zur Marktreife bringen, wird die Lesewelt von morgen bestimmen. Werden Bücher zum nostalgischen Objekt? Egal wie lang und wie komplex, das Buch ist eine Einheit; Autor, Werk und Leser ein individuelles Dreigestirn. Im Buch herrscht eine verlässliche Ordnung, da folgen Worte, Sätze und Kapitel in fester Reihenfolge aufeinander, geben Verlässlichkeit und Sicherheit. Es enthält eine einzige Geschichte - dem der Leser vor seinem geistigen Auge ein eigenes Gepräge, eine eigene Interpretation gibt. Das ist die Freiheit des Lesers. Wie aber ist das im elektronischen Buch, dem Buch der unbegrenzten Möglichkeiten - multimedial, mit Hyperlinks ausgestattet ? Da schreibt der Leser mit, rezensiert den Autor, der seine Geschichte nach dem Geschmack des Lesers enden läßt, die Reihenfolge ist zufällig. Es gibt viele Möglichkeiten, statt nur der einen - wähle Leser nach deinem Geschmack! Ist das die Freiheit? Autor, du wirst stärker gefordert sein, das Interesse des Lesers zu halten! Was nehme ich mit auf die einsame Insel des neuen Jahres, Jahrhunderts, Jahrtausends? Ich weiß es: Meine guten alten Bücher, die mir verlässliche Freunde sind; tröstlich der Gedanken zu wissen, daß die Worte unverrückbar, ich kann mich an ihnen festhalten. Darüber hinaus: Jedes Buch hat seinen eigenen Geruch, jedes fühlt sich anders an, verschieden an Gewicht, verschieden in der Rauhheit des Papiers - das Buch ist auch eine sinnliche Einstimmung auf das Lesen. Computer kannst Du das leisten, daß du alle meine Sinne ansprichst? Wird das E-Book mein Freund? Wenn ja, dann werde ich ihm nur einmal begegnen, denn die unbegrenzten Möglichkeiten machen ein Wiedersehen unmöglich. Gefunden und zugleich verloren? Übrigens, mal ganz ehrlich: was nützt mir das elektronische Buch, wenn im spannendsten Moment die Batterie ausfällt?

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