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Werden Bücher nostalgische Objekte?
von
Andrea Jagode
Wer
ein Buch zum ersten Mal liest, der gewinnt einen Freund. Wer es
zum zweiten Mal, liest, der begegnet einem Freund. Wiederbegegnung
- ist das noch möglich in der neuen virtuellen Welt der elektronischen
Bücher? Das E-Book, der elektronische Enkel des guten alten
Buches, an dem am Ende des 20. Jahrhunderts verschiedene namhafte
Firmen wie Microsoft oder Bertelsmann arbeiten und es zur Marktreife
bringen, wird die Lesewelt von morgen bestimmen. Werden Bücher
zum nostalgischen Objekt? Egal wie lang und wie komplex, das Buch
ist eine Einheit; Autor, Werk und Leser ein individuelles Dreigestirn.
Im Buch herrscht eine verlässliche Ordnung, da folgen Worte,
Sätze und Kapitel in fester Reihenfolge aufeinander, geben
Verlässlichkeit und Sicherheit. Es enthält eine einzige
Geschichte - dem der Leser vor seinem geistigen Auge ein eigenes
Gepräge, eine eigene Interpretation gibt. Das ist die Freiheit
des Lesers. Wie aber ist das im elektronischen Buch, dem Buch
der unbegrenzten Möglichkeiten - multimedial, mit Hyperlinks
ausgestattet ? Da schreibt der Leser mit, rezensiert den Autor,
der seine Geschichte nach dem Geschmack des Lesers enden läßt,
die Reihenfolge ist zufällig. Es gibt viele Möglichkeiten,
statt nur der einen - wähle Leser nach deinem Geschmack!
Ist das die Freiheit? Autor, du wirst stärker gefordert sein,
das Interesse des Lesers zu halten! Was nehme ich mit auf die
einsame Insel des neuen Jahres, Jahrhunderts, Jahrtausends? Ich
weiß es: Meine guten alten Bücher, die mir verlässliche
Freunde sind; tröstlich der Gedanken zu wissen, daß
die Worte unverrückbar, ich kann mich an ihnen festhalten.
Darüber hinaus: Jedes Buch hat seinen eigenen Geruch, jedes
fühlt sich anders an, verschieden an Gewicht, verschieden
in der Rauhheit des Papiers - das Buch ist auch eine sinnliche
Einstimmung auf das Lesen. Computer kannst Du das leisten, daß
du alle meine Sinne ansprichst? Wird das E-Book mein Freund? Wenn
ja, dann werde ich ihm nur einmal begegnen, denn die unbegrenzten
Möglichkeiten machen ein Wiedersehen unmöglich. Gefunden
und zugleich verloren? Übrigens, mal ganz ehrlich: was nützt
mir das elektronische Buch, wenn im spannendsten Moment die Batterie
ausfällt?
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