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Die
Wahrhaftigkeit erst wieder auspacken
von
Oliver Fiedler
Wir
haben uns eine Welt des schönen Scheins aufgebaut. Wer hat
heute eigentlich noch die Haarfarbe, die zum Menschen dazugehört?
Ein großer Schlager wurde in diesem Jahr eine Chemikalie,
die auch dem schon ergrauenden Jahr wieder zu alter Pracht verhelfen
soll. Dem Alter ein Schnippchen schlagen. Die Realität kommt
erst wieder ans Licht, wenn die Farbe herauswächst. Ein ständiger
Kampf.
Sicher: dieser Wunsch des Menschen, schöner zu sein als man
selbst ist, ist seit Urzeiten ein Motiv, das die Menschen beflügelt
hat. Der schöne Mensch war immer ein Maske, die gar nicht
seinem eigentlichen Bild entsprach. Trotzdem: was ist das mit
der Wahrhaftigkeit? Unsere Welt wird immer künstlicher, was
ist davon noch der Mensch?
Etwas mehr zu den eigenen Schwächen stehen, dass ist es,
was fehlt. Auch wenn das Datum des neuen Jahrtausends an den Haaren
herbeigezogen scheint, weil unser Kalender von vielen Zufällen
bestimmt ist: die Chance könnte ergriffen werden, die Wahrhaftigkeit
wieder neu als Qualität zu entdecken. Schon die Geschichte
früherer Kulturen hat gezeigt: wenn das Leben immer künstlicher
wurde, immer mehr vom Boden der gewiss manchmal nüchternen
Realitäten abhob, dann war der Stern der Kultur schon im
Sinken begriffen. Deshalb: Rein damit in den Koffer für das
neue Jahrtausend.
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