Jahresrückblick 1998
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* Dienstag 4. Januar 2000

Ich nehme Schrott mit

von Angela Stadthaus

Etwas Altes braucht der Mensch! Das war mir schon in ganz jungen Jahren bewußt. Immerhin machte mir meine Mutter im zarten Alter von vier Jahren ein vermeintlich verlockendes Angebot: Sie wollte meinen alten, abgeschabten, braunen Teddy gegen einen neuen, größeren, gelben Bären eintauschen. Natürlich war der neue Teddy oberflächlich betrachtet viel schöner. Trotzdem verweigerte ich ihn damals lautstark. Der Grund: Der alte war einfach kuscheliger, ließ sich besser drücken und hatte manch schwere Stunde mit mir verbracht. Das konnte mir der »Ersatzmann« nicht bieten. Es endete damals damit, dass mein Bruder, der solche Bedenken nicht kannte, den gelben Bären bekam, was mich - allerdings nur kurz - ins Schwanken brachte. Auch heute treibt mich nicht nur die Nostalgie, wenn ich ein oder zwei besonders malerische Schrottstücke mit ins nächste Jahrtausend nehme. Auf den ersten Blick mögen sie unansehlich sein, wenn man sie mit blitzendem Chrom vergleicht. Es braucht schon eine ganze Weile, bis sich der Blick für die Schönheiten meines verrosteten Eisenteils öffnet. Dann - ohne den Zwang, vergleichen zu müssen - ersteht plötzlich ein ganzes Feuerwerk von Farben, gelbliche, rötliche und braune Töne in vielen Schattierungen. Dunkle Striche teilen den Rost auf der Eisenplatte und lassen Landschaften vor meinem Auge entstehen. So ein Stück Schrott erlaubt mir eine Menge Freiheiten: In meiner Fantasie ist ihm eine große Zukunft bestimmt. Eine originelle Garderobe, ein Kerzenständer, ein dekoratives Objekt oder gar ein Gegenstand, für den es noch keine Bezeichnung gibt, könnten aus meinem Schrottteil werden. Ohne Reue kann ich das Teil beliebig bearbeiten und in den schrillsten Farben anmalen. Mit neuen, blitzenden Teilen ist das nicht möglich: Sie lassen ihrem Besitzer weniger Freiheit und weniger Spielraum für Wunschträume. Und so nehme ich zusammen mit meinem Schrottteil das Stück Freiheit und das Quentchen Fantasie mit, das dadurch herausgefordert wird.

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