Tom Wolf verlässt die HSG Richtung Lübekke

| Andreas Joas | Sport | Handball
Tom Wolf
Tom Wolf im Spiel gegen Dessau. swb-Bild: HSG/ Michael Elser

Spielfürger hatte sich von der fünften in in die zweite Liga gemausert / Abschied in der Schänzle-Hölle als Traum

Konstanz. Diese Entscheidung tut der HSG Konstanz richtig weh, sie ist jedoch zugleich Fluch der eigenen guten Arbeit sowie Förderung und weiteren rasanten Entwicklung eines jungen Talentes. Tom Wolf, mit 22 Jahren vom Fünftligisten Adler Königshof aus Krefeld gekommen, wurde in den letzten dreieinhalb Jahren nicht nur Kapitän der HSG, sondern mauserte sich dort vom zuvor wiederkehrend von schweren Verletzungen geplagten Talent zum Zweitliga-Topspieler, der nun an die Tür zur 1. Bundesliga klopft.

Mit Wolf hat wie schon so viele HSG-Spieler vor ihm ein weiterer Akteur eine große Chance auf die „stärkste Liga der Welt“. Nach Abschluss der aktuellen Saison geht der Spielmacher den Schritt zum ehemaligen Europapokalsieger TuS N-Lübbecke, der unbedingt zurück in die 1. Bundesliga möchte und mit Rang drei dazu beste Chancen hat.

Sportchef André Melchert bedauert den Weggang eines „absoluten Führungsspielers, der sich von der 5. Liga zu einem Topspieler der 2. Bundesliga entwickelt hat. Für uns ist das ein großer Verlust im Angriff und in der Abwehr.“ Aber nicht nur in sportlicher Hinsicht schmerzt der Abgang, Wolf engagiert sich seit Jahren als Trainer mit großem Engagement in der Jugendarbeit und wirkt hier mit seinem Wissen, seiner Ausstrahlung und seinen Werten als großes Vorbild für den eigenen Nachwuchs. Mit 68 Treffern liegt er aktuell auf Platz acht der Zweitliga-Torjägerliste, dazu kommen 29 Assists. Dabei ist der 1,97-Meter-Hüne eine echte Besonderheit für einen Mittelmann. Extrem torgefährlich, mit einem harten und platzierten Wurf ausgestattet und zugleich wichtiger Anker im Innenblock.

„Das ist selten für einen Spielmacher“, sagt Melchert. „Dass dann finanzstärkere Clubs auf solch einen Spieler aufmerksam werden ist normal. Sportlich und finanziell kann Lübbecke natürlich anderes bieten.“ Für Tom Wolf war es der Wunsch, so hoch wie möglich zu spielen, nun rückt der Traum von der 1. Bundesliga in greifbare Nähe. Spätestens in der nächsten Spielzeit möchte der Ex-Erstligist, der auf 27 Jahre in der Beletage zurückblicken kann, wieder in das Oberhaus zurückkehren. „Wir haben Verständnis dafür“, so Melchert, „dass Tom diese Chance wahrnehmen möchte.“ Schöner Nebeneffekt: Die Familie ist wieder deutlich näher. Doch wie will die HSG diesen großen Verlust auffangen? „Mit einem anderen Spieler“, lautet die trockene Antwort von André Melchert. „Das ist unser tägliches Brot in den letzten Jahren. Wir sehen uns um und geben unser Bestes für das Machbare. Das ist schwer, wir haben aber immer gute junge Spieler gefunden – so wie das Tom damals mit 22 auch war.“

Für den gebürtigen Mönchengladbacher hatte die Entscheidung rein sportliche Gründe, denn was das Umfeld, den Wohlfühlfaktor als auch die Entwicklung angeht, ist er mehr als glücklich in der größten Stadt am Bodensee. Es sei daher keine Entscheidung gegen die HSG, sondern vielmehr die wohl letzte Chance, noch einmal eine neue sportliche Richtung einzuschlagen. Dafür investierte Wolf in den letzten Jahren viel und ordnete dem Erfolg viele andere Dinge unter. In einer turbulenten Zeit mit Abstieg und direktem Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga hat er „die nötige Zeit bei uns bekommen um sich zu entwickeln und seinen Körper unter Kontrolle zu bekommen“, fasst Melchert zusammen. „Dazu hat er viel Verantwortung bekommen. Nur so wächst ein Spieler“, erklärt der Sportliche Leiter der HSG.

Tom Wolf ist jedoch auch ein Paradebeispiel für extremen Ehrgeiz und Fleiß, mit dem er in Konstanz gezielt an sich gearbeitet hat und dabei die Betreuung durch die medizinische Abteilung der HSG und die Physiotherapeuten lobt. „Das war schon eine krasse Zeit“, blickt Wolf zurück. „Nach vielen schweren Verletzungen war es soweit, dass mir Ärzte geraten hatten, lieber aufzuhören. Deshalb ging ich den Weg zurück in die 5. Liga zu meinem Vater und Bruder. Bei der HSG habe ich dann lediglich fünf, sechs Spiele verpasst.“ Dazu wurde die Ernährung umgestellt, die Vorbereitung geändert und „ich habe hier ein Umfeld, auf das ich mich voll einlassen kann. Ich muss mich für die tolle Betreuung auch durch die Physios bedanken und habe eine tolle sportliche Zeit. Insgesamt hat der Verein eine tolle Entwicklung genommen“ Zwar war das Wasser, in das er schon nach nur einer Saison geschmissen wurde, sehr kalt, doch der neue Kapitän schwamm sofort Bestzeiten und brachte das Schiff nach schwerem Start schnell wieder auf Kurs Aufstieg.

Vor allem die volle „Schänzle-Hölle“ und die besondere Stimmung hat ihn stets besonders beeindruckt und beflügelt. Noch hat der 26-jährige Torjäger die Hoffnung, vor seinem Abgang noch einmal in den Genuss dieser besonderen Atmosphäre zu kommen. Wolf: „Es ist einfach so: Jedes Heimspiel mit Zuschauern ist hier in Highlight, wenn man einläuft und die Leute das so sehr lieben wie man selbst. Es wäre sehr traurig, wenn ich mich ohne das verabschieden müsste. Wir haben so tolle Fans, die immer da sind, uns gut behandeln und ehrliche Worte haben.“

Deshalb steht der Klassenerhalt an oberster Stelle, dieser soll zusammen mit den leidenschaftlichen Fans gefeiert werden. Das Maximale herausholen, Spaß haben und guten Handball zeigen nennt der Psychologie-Student seine Ziele. Viel Zuversicht haben in dieser Hinsicht die zwei wichtigen Siege Ende letzten Jahres gegeben. „Dreckig, nicht schön, aber umso wichtiger“, grinst Wolf. „Wir haben gezeigt, dass wir diese Do-or-die-Spiele gewinnen können. Wir haben eine gute Truppe, die Spaß hat und kämpfen kann.“

 

 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler

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