Dekan Matthias Zimmermann über Orientierung, Hilfe und Vertrauen in Pandemiezeiten
Mit Kreativität nah an den Menschen

Matthias Zimmermann
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  • Foto: Matthias Zimmermann entzündet das Friedenslicht, das von Bethlehem in alle Welt getragen wird und am Wochenende von den Pfadfindern von Singen nach Engen gebracht wurde. Das Friedenslicht ist ein symbolisches Zeichen dafür, sich gegenseitig dieses Licht u
  • hochgeladen von Ute Mucha

Hegau/Engen. Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Es wird wohl eher besinnlich-nachdenklich als fröhlich-ausgelassen sein, da auch in diesem Jahr die Corona-Pandemie durch Beschränkungen die Stimmung dämpft.
Nach fast zwei Jahren, in denen sich die Welt verändert hat, bleiben Angst, Hilflosigkeit und offene Fragen.
Wo stehen wir? Wie wird es weitergehen? Was hilft uns und wie können wir helfen?

Fragen, die die Probleme dieser schwierigen Zeit aufzeigen und auf die wir Antworten suchen. Dekan Matthias Zimmermann, leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheiten Oberer Hegau, Tengen und Singen, stellt sich diesen Fragen und versucht nah an den Menschen Wege aufzuzeigen, um mit Mut und Zuversicht etwas Licht in die Weihnachtszeit des zweiten Pandemiejahres zu bringen.

Wochenblatt: Wie gibt die katholische Kirche in dieser schwierigen Zeit Orientierung und Unterstützung?
Matthias Zimmermann: »Ich erfahre in diesem und habe auch im vergangenen Jahr erfahren, dass in unseren Gemeinden ganz viel Kreativität und Energie freigesetzt wurde und wird, um anderen Menschen etwas anzubieten in dieser Zeit. Wir sind neue Wege gegangen. Es entstanden zum Beispiel der ›Advent in der Tüte‹ und kreative Gottesdienstformen. Dadurch wollen wir die gute Botschaft weiterschenken.«

Wochenblatt: Gute Botschaft im Sinne von Weihnachten?
Matthias Zimmermann: »Ja, Gott macht sich klein und wird durch die Geburt als kleines Kind zum Mensch. Dieser große Gott macht sich ganz klein, um uns zu zeigen, er ist bei jeder und jedem von uns. Er ist auch heute mitten unter uns und das ist eine wunderschöne Botschaft, die mir über viele schwierige Lebenssituationen hinweghilft.«

Wochenblatt: Zweifeln die Menschen in dieser schweren Zeit mit so viel Angst und Unsicherheit nicht eher und fragen, wo ist Gott?
Matthias Zimmermann: »Ich verstehe alle Menschen, die Zweifel und Fragen haben. Auch ich bin ein Mensch, der viele Fragen hat und manchmal trübe Stunden erlebt. Aber ich habe großes Vertrauen, dass dieser Gott das Gute für uns will. Dass er diese Pandemie und ihre Folgen nicht verhindert, führt manche Menschen zu der großen Frage. Manche fragen sich gar, ist das Leid eine Prüfung oder Strafe? Ich kann hier ganz klar ›Nein‹ sagen. Mir hilft in solchen Situationen das feste Vertrauen: Gott verhindert das Leid zwar nicht, aber er hilft mir Tag für Tag das Leid zu tragen, diese Erfahrung habe ich schon oft gemacht.«

Wochenblatt: Wie erreichen Sie die Menschen, die nicht in die Kirche gehen oder den Glauben verloren haben, die Orientierung und Trost suchen?
Matthias Zimmermann: »Ich habe die Menschen in meinen Gemeinden zu einem Experiment eingeladen. Im Pfarrblatt, das in einige tausende Haushalte kommt, habe ich aufgerufen dem anderen zuzuhören. Ohne die eigenen Themen in den Vordergrund zu stellen. Sondern einfach erzählen lassen und dabei den Blick für die kleinen, schönen Dinge im Leben schärfen. Was war gut heute und was war schlecht? Sich über das Gute zu freuen, damit es nicht verloren geht. Beim Schwierigen Gott um Unterstützung zu bitten. Ich bin überzeugt, das hilft. Wichtig ist, die Ängste nicht in sich hineinzufressen, sondern sie auszusprechen, sie zu teilen. Am Wochenende wurde das Friedenslicht von Bethlehem in unseren Kirchen verteilt, das in die ganze Welt geht und ein symbolisches Zeichen dafür ist, sich gegenseitig dieses Licht und damit auch Zeit zu schenken. Wärme und Licht in die Familie, die Nachbarschaft und an viele andere Orte zu tragen. Das wollen wir praktizieren.«

Wochenblatt: Einsamkeit wurde durch die Pandemie noch verstärkt, was bietet die Kirche konkret an Unterstützung dagegen an?
Matthias Zimmermann: In der ersten Pandemiewelle haben wir gemeinsam mit dem Landratsamt und der evangelischen Kirche das Wellenbrecher-Telefon rund um die Uhr initiiert. Für Menschen, die über andere Wege zu uns finden, haben wir die Telefonseelsorge, für die ich auch mitverantwortlich bin und bei der viele Menschen in dieser Krise anrufen. Und besonders wichtig ist, dass wir immer unseren Glauben in den Gottesdiensten feiern, einige werden per Livestream in die Häuser gebracht. Wir haben Besuchsdienste, die Menschen in der Trauer begleiten, mit einem Weihnachtsbrief bei SeniorInnen vorbeischauen und Neubürger begrüßen. Trotz der erschwerten Umstände versuchen wir immer mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und besonders ihnen zuzuhören.«

Wochenblatt: Wie wird konkret vor Ort geholfen?
Matthias Zimmermann: »Die Sozialstation Oberer Hegau in Engen öffnet jedes Jahr 140.000 Türen von Menschen, die Hilfe und Unterstützung zuhause brauchen. Und wir haben noch vier weitere Sozialstationen im Hegau. Der Tafelladen hilft sozial schwachen BürgerInnen und über unsere Ehrenamtskoordinatorin soll gemäß dem Caritas-Auftrag ›Not sehen und handeln‹ das Zusammenwirken zwischen professionellen und ehrenamtlichen Mitarbeitern noch besser vernetzt werden. Wir waren mit der Lenkpause auf den Autobahnraststätten und brachten den LKW-Fahrern eine Nikolaus-Überraschung. Diese unerwartete Aufmerksamkeit hat sie riesig gefreut und gerührt. Meine Aufgabe als Dekan ist es nicht nur Reden zu halten, sondern auf die Menschen zuzugehen, nah an ihren Sorgen und Nöten zu sein.«

Wochenblatt: Welche Werte möchte die katholische Kirche in diesen Corona-Zeiten vermitteln?
Matthias Zimmermann: »Das wichtigste Gebot lautet: Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Da ist im Prinzip alles drin. Vom Gottvertrauen über die Selbstliebe bis hin zur Nächstenliebe. Dieses Gebot in der Gesellschaft zu verorten, ist mir gerade in dieser Zeit wichtig.«

Wochenblatt: Und wenn dieses Gottvertrauen hinterfragt wird?
Matthias Zimmermann: »Hinterfragen ist wichtig. Ich bin durch meine Zweifel im Glauben und im Vertrauen noch fester geworden. Zwar ärgere ich mich jeden Tag über so manche Dinge, aber es gibt sehr viel mehr was mich freut und in dieser Kirche hält. Dieser feste Glaube, diese Gemeinschaft und es ist für mich die beste Möglichkeit, das zu leben, was für mich wichtig ist.«

Wochenblatt: Was kann von kirchlicher Seite gegen die drohende Spaltung der Gesellschaft getan werden?
Matthias Zimmermann: »Dazu gibt es viele Einzelmeinungen. Bei unterschiedlichen Standpunkten wie zum Beispiel beim Impfen sollte man sich dennoch respektvoll begegnen, Argumente austauschen, aber nicht den anderen abwerten oder ablehnen. Ich kenne viele Menschen, die sich nicht impfen lassen. Ihnen sage ich, dass ich das nicht für gut halte. Ich hoffe, viele können ihre Bedenken durch gute Argumente und Fakten überwinden und sich doch noch freiwillig impfen lassen.«

Wochenblatt: Wie gehen Sie mit dem Vertrauensverlust durch sexuellen Missbrauch und Finanzskandalen der katholischen Kirche um?
Matthias Zimmermann: »Das ist himmelschreiendes Unrecht! Da gibt es nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen. Damit wurde viel Leid und Elend unter die Menschen gebracht. Ich verstehe, dass viele schwer verletzt und enttäuscht sind von der Kirche, weil die Kirche oft Großes verlangt und es doch auch ganz viel Versagen gibt. Wir als Kirche müssen – wie Deutschland nach dem Nazi-Regime – die Verantwortung dafür übernehmen und alles dafür tun, dass so etwas nicht wieder passiert. Ich habe die Aufgabe dafür zu sorgen, dass in meinen Gemeinden ein grenzachtender Umgang herrscht, dass jeder Mensch, der Unrechtes will, hier keine Chance hat. Wer diese Grenzen überschreitet, wird nach menschlichem Recht gerichtet, das für jeden gilt.«

Wochenblatt: Was wünschen Sie sich zu Weihnachten?
Matthias Zimmermann: »Dass sich ganz viele Menschen mit mir an diesem Experiment beteiligen, sich gegenseitig Zeit zu schenken. Ihre Freude und ihre Ängste teilen können. Dass die Menschen und auch ich Gottes Segen spüren können und diesen weiterschenken. Dass sie trotz aller Widrigkeiten den Mut nicht verlieren, sondern in Gottes Wegbegleitung Vertrauen und positiv nach vorne blicken. Dass sie das Schöne und Gute sehen und dass wir miteinander das Beste aus der schwierigen Situation machen.«

Autor:

Ute Mucha aus Moos

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