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»Wir sind nicht ganz in der Walachei«

| Ute Mucha | Schlagzeilen
Versorgung auf dem Land
Sieht so die Versorgung im ländlichen Raum aus? Karikatur: Rainer Demattio

Die digitale Versorgung und ein funktionierendes Mobilfunknetz ist auf dem Land unabdingbar

Landkreis Konstanz.  Leben auf dem Lande hat zweifelsfrei seinen Reiz - kann aber auch gravierende Nachteile haben, wenn die Versorgung zum Problem wird. Dies gilt nicht allein für Bäcker, Post, Bank, Ärzte und Nahverkehr, die zunehmend verschwinden, sondern auch die Digitalisierung und Mobilfunkversorgung lassen auf dem Land oft zu wünschen übrig.

Dieser Mangel wurde besonders in der Corona-Krise deutlich, als leistungsstarke Datenautobahnen und verlässlicher Handykontakt für Homeoffice und Homeschooling an Bedeutung gewannen.
Auch für die Standortsicherung von kleinen und mittelständischen Unternehmen ist eine funktionierende digitale Versorgung und ein funktionierendes Handynetz unabdingbar. Deswegen fordern auch die Präsidenten der Industrie- und Handelskammern Südlicher Oberrhein, Hochrhein-Bodensee und Schwarzwald-Baar-Heuberg den »zukunftsfesten Mobilfunk flächendeckend, leistungsfähig und betriebsnah auszubauen«. Für Thomas Conrady, Präsident der IHK Hochrhein-Bodensee, ist zudem wichtig, dass die Mobilfunkinfrastruktur des Bundes ein klares Aufgabenpaket erhalte und der Mobilfunkausbau in der Landesregierung verortet werde. Conrady: »Hier sind Zuständigkeiten zu klären! Alternativ wird jede Region beim Ausbau vor sich hinwursteln und Ressourcen vergeuden.«
Zu den Themen digitale Versorgung und Mobilfunkabdeckung fragte das Wochenblatt in Öhningen und Engen nach. In unserer nächsten Ausgabe werden dann die Nah- und ärztliche Versorgung, sowie der Nahverkehr unter die Lupe genommen.

Weiße Flecken
Ein weißer Fleck in der Mobilfunk- Landschaft befindet sich neben Gailingen und Büsingen auch auf der Höri. Dazu schreibt ein Wochenblatt-Leser aus Wangen, er wäre schon froh, wenn überhaupt 3G zur Verfügung stünde, 5G sei in weiter Ferne und beim Ausfall einiger Anbieter könne nicht einmal mehr der Notruf getätigt werden. Dann wähle sich das Smartphone in die stärkeren Schweizer Masten ein und man zahle teure Rooming-Gebühren, weil die Schweiz kein EU-Land ist.
»Diese Situation wird sich verbessern«, verspricht Uwe Hirt vom Bauamt in Öhningen, »da sind wir in intensiven Gesprächen.«
Dagegen sei das Thema Digitalisierung ein längerer Prozess, so Hirt, aber: »Insgesamt sind wir hier in Öhningen digital nicht so schlecht aufgestellt - wir sind nicht ganz in der Walachei!« Dazu erläutert er: »Im Ortsnetz und in Schienen sind 50 Mbit/s  verfügbar, in Wangen liefert das Telekomnetz ungefährt 100 Mbits. Nur in den Aussiedlerhöfen ist die Versorgung mit etwa 16 Mbit/s  niedriger«.
Aber besser gehe immer, deswegen werden im Rahmen von aktuellen Baumaßnahmen weitere Glasfasern verlegt damit letztendlich sämtliche Grundstücken in den Ortsettern von Öhningen, Schienen und auch Wangen eine Glasfaserverbindung bis ins Haus ermöglicht wird.

Selbst aktiv werden
Zudem möchte die Verwaltung über die Förderung durch das »Graue-Flecken-Programm« die digitale Versorgung beschleunigen. Die kommunalen Gebäude und die Schule sind über das Rathaus digital verbunden. Eine Besonderheit ist: Öhningen und Schienen sind über die Schweiz mit Glasfasern versorgt.
Uwe Hirt bestätigt die Bedeutung einer guten digitale Versorgung: »Sie ist wichtig für die Lebensqualität unserer BürgerInnen und eine Standortstärkung für unsere mittelständischen- und Kleinbetriebe. Allgemein ist zu sagen, dass es in diesen beiden Bereiche auch im ländlichen Raum Möglichkeiten gibt, die Situation zu verbessern wenn die Gemeinde selbst aktiv wird«.
Langwierige Planung
Auch in Engen mit seinen acht Teilorten brennt das Thema »Digitale Versorgung« seit Jahren unter den Nägeln. Viel Zeit in Anspruch genommen hat der Zeitraum der Planung, die Zuschussantragstellung bis zum Baubeginn, da vorab eine aufwändige Strukturplanung erstellt werden musste, das Zuschussantragsverfahren absolut bürokratisch gestaltet ist und sowohl der künftige Netzbetreiber, als auch der Generalunternehmervertrag europaweit ausgeschrieben werden musste, erklärte Bürgermeister Johannes Moser auf Anfrage.

70 KilometerRohre

Der Spatenstich für den Bau des Breitbandnetzes in den unterversorgten Ortsteilen Biesendorf und Bittelbrunn, den Höfen im Außenbereich, den Schulstandorten in Engen und  Welschingen sowie den Gewerbegebieten »Grub« und »Im Tal«  fand schließlich am 19. April 2021 statt, so Moser. Und ergänzt: »In den genannten Gebieten werden insgesamt rund 70 Kilometer Rohre verlegt, die die Glasfaserleitungen zur Datenübertragung eingebracht werden. Die umfangreichen Bauarbeiten für die Verlegung und die Herstellung der geplanten knapp 350 Hausanschlüssen sollten innerhalb eines Jahres durchgeführt werden«. Der Ausbau des Breitbandnetzes in Engen kostet gut 10,6 Millionen Euro.
Für ein Projekt mit so einem großen Investitionsvolumen sei der Zeitrahmen im Verhältnis zu anderen größeren Bauprojekten gering. Und die Zusammenarbeit mit dem Generalunternehmer Leonhard Weiss laufe sehr gut, weshalb die Ausbauarbeiten auch voll im Zeitplan liegen. Im Vergleich zu anderen Kommunen läuft die bauliche Umsetzung sogar recht zügig, erklärte der Bürgermeister.
Beim Thema Mobilfunknetz gebe es auf der ganzen Gemarkung Engen nur noch vereinzelt Lücken. »Die Mobilfunkbetreiber arbeiten daran, auch die letzten Lücken zu schließen«, versicherte Johannes Moser abschließend.

Wochenblatt @: Ute Mucha

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