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19 Wahrheiten stellen sich der Probe

Was ist wahr
Bei vielen Kunstwerken sind die Betrachter aufgefordert aktiv zu werden, wie bei diesem Stereo-Guckksten von Sabrina Fuchs. swb-Bild: of
Was ist wahr 2
Klang und Licht geht man in der Installtation »Ich Orgel« von Michael Rieken und Stefan Demming auf den Grund. swb-Bild: of

Kunstmuseum präsentiert die Kandidaten für den Kunstpreis der Erzdiözese

Singen.  »Was ist wahr«. Ein Satz, bei dem ganz bewusst das Fragezeichen weggelassen wurde. Aber Fragen produziert die unter dem obigen Titel am Sonntag eröffnete Ausstellung auf beiden Geschossen des Kunstmuseums Singen freilich eine Menge für den Besucher. 19 solcher »Wahrheiten« werden dort noch bis zum 31. März in Form der Kandidaten und Kandidatinnen, aus denen in dieser Ausstellung die drei Preisträger des Kunstpreises der Erzdiözese Freiburg durch eine Jury ausgewählt werden, zu der übrigens auch der Singener Museumsleiter Christoph Bauer gehört, zu sehen sein.

Und wenn man an Kunst und Kirche denkt, muss man sicher erst mal umdenken. Denn hier wird keineswegs Kunst ausgestellt, die irgendwann Verwendung in sakralen Räumen finden sollte, vielmehr begibt sich die Kirche mit ihrem Wettbewerb zu den Künstlern hin, zu deren Position zu »Wahrheit«. »Die katholische Kirche wurde und wird mitunter erlebt, als wisse sie was wahr ist, als ›habe‹ sie die Wahrheit. Als Institution scheint sie mir jedoch weit davon entfernt zu sein«, sagte Dr. Katharina Seifert vom Referat für Kunst und Kultur der Erzdiözese bei der sehr gut besuchten Ausstellungseröffnung am Sonntag. Die Suche nach Wahrheit bestimmt freilich das Leben, und die wird im Zeitalter der offensichtlichen »Fake News« immer schwieriger.

Dr. Isabell von Marschall, die die Ausstellung kuratierte, machte deutlich, dass sich Wissen durch alle neuen Medien eigentlich in Quantensprüngen entwickle und vor allem jenseits aller sozialer Grenzen zugänglich ist. Nur seien wir inzwischen in den seltensten Fällen noch in der Lage, die gegebenen Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Doch genau dazu ruft diese Ausstellung im Singener Kunstmuseum auf. 19 Mal Wahrheit von 19 Künstlerinnen und Künstlern, 19 ganz unterschiedliche Blickwinkel, Standpunkte oder gar Thesen. Ein Paradebeispiel mag da die »Wahlkabine« von Alexander Peterhaensel sein: »Smile to Vote« schaut per Kamera das Gesicht des Wählers an und entscheidet anhand des Lächelns, was er wählen würde. Doch was hätte das mit »Wahrheit« zu tun?

In einem Dunkelraum schlägt eine Faust das »Mea Culpa« auf die Brust, umtönt von einen Klang-Erdbeben. Das wäre die Version von Hyunju Oh aus Korea, ihre Wahrheit sozusagen. Der Radolfzeller Fotograf Florian Schwarz hat Bilder aus dem All hinter Glas aufgezogen. Sie zeigen die Erde aus einer unfassbaren Entfernung als winzigen Punkt eines Pixel-Gestöbers. Ist sie das wirklich?

Im Erdgeschoss kann man manche »Erleuchtung« erleben. Michael Rieken und Steffan Demming haben dort einen Film und Musik mit Glühbirnen auf das Format von 7 mal 5 Pixel reduziert – eine klanglich umwolkte Abstraktion mit einem doch »wahren« Kern, muss man glauben.

Anna Witt hat junge Menschen zu ihren Argumenten gegen die Wahrheit befragt. Ihre Antworten gibt es per Bildschirm und Ohrhörer im Museum mit der Aussicht auf die Ekkehardstraße. Einige Zitate der christlichen Bilderwelt versuchen fast, den Besucher wieder zurückzuholen zum Grund dieser Ausstellung, die doch auch die Offenheit des katholischen Erzbistums demonstriert, eben Wahrheit auf sehr vielen Ebenen zumindest hier im Museum zuzulassen.

An der Vernissage war auch Weihbischof a. D. Paul Wehrle dabei. Er sei in seiner Amtszeit einer derer gewesen, die sich für einen Kunstpreis in dieser Form eingesetzt hätten. Denn Kunst ist auch für ihn mehr als die Auftragsarbeit für sakrale Räume.

Gewiss, das ist keine Ausstellung, die man »durchschauen« kann. Fast jede der Arbeiten fordert dazu auf, sie zu hinterfragen ob man ihr glauben kann oder nicht. Und da wäre man schon wieder bei den Kirchen angelangt, die ja wollen, dass man ihnen glaubt.
Es gibt ein sehr umfassendes Begleitprogramm zu der Ausstellung, um damit auch die Suche nach dem Wahren dieser Kunst zu begleiten. Mehr dazu unter www.kunstmuseum-singen.de .

Mehr Bilder von der Vernissage gibt es in unserer Galerie.

Wochenblatt Redakteur @: Oliver Fiedler