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Anderer Volkstrauertag

Die SS-Schießanlage hinter dem Waldfriedhof soll keine neue Gedenkstätte geben.
Die SS-Schießanlage hinter dem Waldfriedhof soll keine neue Gedenkstätte geben. swb-Bild: li

Gemeinderat sucht neue Wege aus Geschichte

Radolfzell (li). Im Bewussten aller individuellen Betroffenheit müsse man eine Einigung mit den Bürgern finden, das war nur einer der mahnenden Sätze von Norbert Lumbe in der gestrigen Gemeinderatsdebatte zu den Reaktionen der »Flüsterstadt« und »Leichen im Keller.« Lumbe und Christof Stadler hatten einen interfraktionellen Antrag eingebracht, wie die Aufarbeitung der NS-Zeit in Radolfzell weitergehen sollte. Kernpunkt der 90-minütigen Debatte war die Gestaltung des nächsten Volkstrauertages. Oberbürgermeister Dr. Jörg Schmidt hatte wie andere festgestellt, dass es kein »weiter so« am Kriegerdenkmal geben dürfe und könne. Er konnte sich eine Feierstunde auf dem Waldfriedhof vorstellen, aber auch einen Schlussakzent am Luisenplatz, bei dem er eine Begründung für diesen Akt übernehmen würde. Eine dritte Möglichkeit brachte Christof Stadler am Ende ins Gespräch: Man könne in den Bürgersaal gehen, wo die tatsächliche Machtübernahme durch die Nazis hier stattgefunden hatte.

Siegfried Lehmann schloss alle Plätze aus, die die Nazis für ihre Propaganda gebaut hätten. Eine lange Debatte gab es über die Beziehung von Opfern und Tätern, die Manfred Debatin angestoßen habe. Die unterschiedliche emotionale Bindung machte Alois Peter deutlich, der als fünfjähriger Bub die SS in Radolfzell hatte einmarschieren sehen. Und da gab es die Angst der Mutter, der kleine Sohn könne sich über den Stechschritt lustig machen. Eine Veränderung des Denkmals wurde von mehreren Rednern ausgeschlossen. Lumbe sagte, erst die Stele mache die Aussage der Gesamtanlage für heutige Generationen verständlich. Der Arbeitskreis wird weiterarbeiten und im September sollen auch die Voten der Mitveranstalter eingeholt sein.

Der Ausschuss hat den Kunstwettbewerb um eine Gedenkstätte im RIZ auf den Weg gebracht. Hier wird aber geteilt werden. Das Kunstwerk soll die Stadt übernehmen, die Dokumentation solle über Spenden und Sponsoren finanziert werden, führte Herbert Tägtmeier aus. Da werde man auch sehen, wie groß das Andenken und das Erinnern der Bevölkerung sei. Die Resonanz im Gemeinderat war gestern eher gering. Es war kein Jugendgemeinderat da und keine APO, die im Vorfeld Maßnahmen gefordert hatte. Sorgen machten sich mehrere Gemeinderäte über eine Spaltung der Bevölkerung in dieser Nazi-Frage. Dietmar Baumgartner stimmte am Ende deshalb auch als Einziger gegen die Beschlussvorlage.

Wochenblatt Redakteur @: Hans Paul Lichtwald