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Blindes Vertrauen auf vier Pfoten

Blindenführhunde
Nein kein Superhund - lediglich ein Blindenführhund bei der Arbeit. swb-Bilder Cher Kaufmann

Blindenführhunde leihen blinden Menschen ihre Augen

Radolfzell. Dass Menschen »Lotte« durch ein einfaches Streicheln massiv bei der Arbeit stören, wirkt für viele Passanten irritierend. Nicht nachvollziehbar. Und schon gar nicht einleuchtend. Schließlich möchte doch jeder Hund gestreichelt werden, oder? Dabei tun Passanten genau dies, wenn sie der zweijährigen Labrador-Hündin bei der Arbeit den Kopf tätscheln. Eigentlich müsste »Lotte« eine Weste mit der Aufschrift »Streicheln verboten, ich arbeite« tragen. Tut sie aber nicht. »Lotte« ist ein Blindenführhund. Sie weiß, was eine Ampel ist; findet sie auf Befehl nahezu überall. Erkennt einen Zebrastreifen. Findet im Zug einen freien Platz. Oder einen Aufzug am Bahnhof. Doch Blindenführhunde leisten für ihre Halter weit mehr als nur das Auffinden barriere- und gefährdungsfreier Wege im öffentlichen Raum. Sie stellen für ihre blinden oder stark sehgeschädigten Menschen verlässliche Partner dar, mit deren Hilfe diese sich eigenständig und selbstbestimmt die Welt zurückerobern können. »Das geht nicht ohne gegenseitiges Vertrauen«, erklärt Dr. Susanne Grünberger, in deren Blindenführhundeschule »Guide Dogs Grünberger« in den vergangenen 25 Jahren über 110 Hunde ausgebildet wurden. Das Mensch-Hund-Gespann geht dabei durch dick und dünn. Der Hund leiht seinem Herrchen seine Augen, der Mensch muss aber mit all seinen Sinnen aufmerksam bleiben und die Führleistung seines Hundes ein Leben lang konsequent kontrollieren. Bis ein Hund ein Blindenführhund wird, dafür braucht es seitens der Ausbilder viel Fingerspitzengefühl. Das fängt bei der Auswahl der Welpen an und endet mit der eigentlichen Ausbildung in der Hundeschule. »Wir suchen gezielt Welpen, die die Welt erforschen, keine Angst vor Geräuschen haben und sich auch entspannen können«, betont Susanne Grünberger. Jeder fünfte Hund schafft die Ausbildung nicht. Acht bis zehn Monate dauert diese in der Hundeschule, die für die Junghunde im Alter von etwa 15 Monaten beginnt. Doch bevor die angehenden Blindenführhunde die »Schulbank« drücken, steht die erste wichtige Ausbildungsperiode an. Im Alter von 8 Wochen geht es für sie erst einmal in eine Patenfamilie. Eine dieser Patenfrauchen auf Zeit ist Barbara Burchardt. Hier lernt der Hund sich im Alltag zurechtzufinden. »Wir nehmen unsere Hunde überall mit hin. Natürlich sorgt das auch einmal für Unglauben, wenn man beim Hausarzt anruft und fragt, ob der Hund mitkommen darf«, verrät Barbara Burchardt. Dabei dürfen Blindenführhunde nach dem Gesetz überall hin mit. Das ist auch wichtig, damit sie alle Alltagssituationen gefahr- und problemlos bewältigen können. Für Barbara Burchardt ist »Lotte« die zweite Blindenführhündin, die sie als Patin begleitet. Dass die Ausbildung viel Zeit in Anspruch nimmt, ist Burchardt dabei egal. Sie weiß schließlich, wer später einmal von der intensiven Ausbildung profitieren wird. »Die Paten legen die Basis für die weitere Schulung der Hunde«, weist Grünberger darauf hin, wie wertvoll das Engagement der ehrenamtlichen Helfer ist. Ein gutes Jahr bleibt der angehende Blindenführhund in der Patenfamilien. »Nach dieser Zeit fällt das Abgeben natürlich schwer«, berichtet Barbara Burchardt. Über 40 Kommandos lernen die Hunde anschließend – auf italienisch. »Casa« beispielsweise bedeutet: zurück zum Ausgangspunkt. »Sed« heißt Sitz oder »A terra« Platz. Die Zweisprachigkeit hat ihren Sinn. Blindenhunde dürfen auch im Stimmengewirr etwa bei Veranstaltungen oder im Berufsfußverkehr in der Fußgängerzone nicht abgelenkt werden. »Hunde sind darauf gepolt, dem Menschen ein Grundvertrauen zu geben – und ihre blinden Halter müssen lernen, sich ihrem Hund anzuvertrauen. »Dieses gegenseitige Vertrauen muss aber immer ein kritisches Vertrauen bleiben. Der sehbehinderte Mensch muss wahrnehmen, wo die Grenzen der Verantwortung liegen, die er auf seinen Hund übertragen kann, und der Hund muss lernen, die Kommandos von hinten auch mal zu ignorieren, wenn Gefahr droht«, so Susanne Grünberger. Oft geht es um aktive Befehlsverweigerung, was unter Experten als die höchste Form der Ausbildung gilt. »Eine Ampel zu drücken ist im Vergleich dazu vielmehr eine Art Spielerei«, macht Grünberger deutlich. Das Herrchen müsse aber bereit sein, seine eigene Verantwortung ein Stück weit abzugeben. Und am Ende dürfen und wollen die Blindenführhunde doch noch gestreichelt oder gekrault werden, schließlich ist das – neben den Leckerli – die schönste Art der Belohnung für die getane Arbeit. »Ein Hund bleibt eben ein Hund«, bestätigt Barbara Burchardt und krault »Lotte« liebevoll hinter den Ohren.





Wochenblatt Redakteur @: Matthias Güntert