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Cholera und Covid-19

Cholera Pandemie
Solche Desinfektionstrupps zogen zur Bekämpfung der Cholera durch die europäischen Großstädte und desinfizierten Straßen und Häuser. swb-Bild: Adobe Stock

Seuchen haben die Menschheit schon in vergangenen Jahrunderten geplagt

Landkreis Konstanz/ Freiburg. Sätze wie: »So etwas haben wir noch nie erlebt«, konnte man in den vergangenen Wochen oft hören oder lesen. Tatsächlich dürften die allermeisten Menschen, die heute leben, eine Situation, die mit der Corona-Pandemie vergleichbar ist, noch nie erlebt haben. Allerdings: Ein Blick in die Geschichte  verdeutlicht, dass die Menschen bei den zahlreichen Pandemien, die es in der Vergangenheit gegeben hat, durchaus ähnliche Erfahrungen gemacht haben, wie wir heute.

Ein gutes Beispiel ist da etwa die Cholera, wie Dr. Martin Faber, Historiker an der Uni Freiburg und Experte auf dem Gebiet der Geschichte der Seuchen im Gespräch mit dem WOCHENBLATT erklärt. »Die Cholera war die Seuche des 19. Jahrhunderts«, so Faber.  Auch wenn Cholera und Covid-19 sehr unterschiedliche Krankheiten sind,  zeigen sich interessante Parallelen im Hinblick darauf, wie die Staaten und ihre Bevölkerungen damals auf die Ausbreitung der Krankheit reagiert haben.

Strenge Maßnahmen des Staates

 »Als sich die Cholera Anfang der 1830er Jahre von Osten her Preußen näherte kam eine beeindruckende Quarantäne-Maschinerie ins Rollen. Die Grenze nach Polen wurde auf voller Länge  abgeriegelt. Auf Grenzverletzer durfte geschossen werden. An den wenigen Übergangsstellen wurden Reisende für 21 Tage in Quarantäne festgehalten und intensiv desinfiziert«, so Faber. Als trotzdem Fälle im Land auftraten, mussten diese den Behörden gemeldet werden. Der Erkrankte kam in ein Lazarett, die restlichen Hausbewohner mussten in häusliche Isolation. Ihre Fenster und Türen wurden vernagelt und zusätzlich eine Wache vor dem Haus postiert. Die Menschen in den Häusern mussten auf Staatskosten versorgt werden, was sich bald als Problem herausstellte, denn schon damals sei das wirtschaftliche Leben weitestgehend zum Erliegen gekommen. »Es wurden nicht nur Theater und Tanzveranstaltungen verboten, auch die Schulen wurden geschlossen und Gewerbebetriebe und Geschäfte mussten ihre Tätigkeit einstellen. Das wird heute manchem bekannt vorkommen«, scherzt Faber.

Misstrauen gegen Reiche

Hier kommt die nächste Parallele ins Spiel, denn auch bei der Cholera-Pandemie in den 1830er Jahren kam es schnell zu Widerstand gegen die harten Maßnahmen. Und auch Verschwörungstheorien kamen auf. »Auf Grund der schlechten sanitären Verhältnisse in den Armenvierteln brach hier die Cholera besonders häufig aus. Die reicheren Bürger lebten oft in höhergelegenen Gegenden der Stadt, wo die Abwässer mit den cholera-verursachenden Bakterien besser abfließen konnten«, erläutert Faber und betont: »Dadurch entstanden schnell Gerüchte, dass es gar keine Cholera gäbe, sondern in Wahrheit die Reichen die Armen vergiften wollen«.

Wie sich das Leben verändert hat

Da die strengen Maßnahmen mit der Zeit nicht mehr aufrechterhalten werden konnten, wurde vielerorts die Sanitätsbewegung stärker. Vorreiter waren Frankreich und England. Dort wurden zum ersten Mal Enge und Dreck in den Armenvierteln als Ursache beachtet und als Problem wahrgenommen. Deshalb erhielten die Armenviertel bessere Wasserversorgung und Kanalisation. Es wurden großzügigerer Wohnraum sowie Parks und Grünanlagen geschaffen. Und tatsächlich haben all diese Maßnahmen damals dazu beitragen können, dass die Cholera und andere Krankheiten in den großen europäischen Städten eingedämmt werden konnten.

Was ist das Fazit?

Auch bei früheren Pandemien zeigte sich ein ähnliches Muster wie heute. Staaten versuchen auf Basis ihres Wissensstandes Maßnahmen gegen die Eindämmung zu ergreifen, es entstehen wirtschaftliche Probleme und es regt sich Widerstand gegen harte Maßnahmen. Welche Auswirkungen die aktuelle Pandemie indes auf die Entwicklung unserer Gesellschaft haben wird, das wird wohl erst die Zukunft zeigen. »Was mir in der jetzigen Situation mut macht, wenn ich auf die Geschichte der Seuchen blicke ist, dass die Behörden und die Bevölkerung, auch wenn es noch kein direktes Mittel gegen Covid-19 gibt, noch nie so gut über die tatsächliche Natur einer Seuche informiert waren wie dieses Mal. An positiven Perspektiven sehe ich zudem, dass zum Einen der Bevölkerung bewusst geworden ist, dass die Gefahr durch gefährliche Infektionskrankheiten auch heute keineswegs gebannt ist und man immer darauf gefasst sein muss. Und zum Zweiten, dass die Behörden ihre seit langem in der Schublade liegenden Notfallpläne für Seuchenepidemien einmal in der Praxis ausprobieren konnten (bei einem immer noch relativ harmlosen Fall) und jetzt die Möglichkeit haben, für die Zukunft Lehren daraus zu ziehen«, so Faber.

Wochenblatt @: Dominique Hahn