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Das Portrait als künstlerische Position

Kitzinger
Ein Blick in die Portraitserie von Thomas Kitzinger. swb-Bild: VG Kunst

Thomas Kitzinger ab Sonntag im Singener Kunstmuseum

Singen. Über das Portraitmalen äußerte sich Otto Dix 1965 wie folgt: »Wenn man jemanden portraitiert, soll man ihn möglichst nicht kennen (...) Ich will (...) nur das sehen, was da ist, das Äußere. Das Innere ergibt sich von selbst. Es spiegelt sich im Sichtbaren.«

Was aber, wenn sich ein Maler gegen dieses Konzept von der Schau des wahren, verborgenen Wesens eines Menschen verwehrt? Was, wenn wir es mit einer Serie immer gleicher Portraits zu tun haben, in der die Dargestellten keine individuellen Merkmale zeigen? Was, wenn die genaue Erfassung des Äußeren wahre Triumphe feiert, die Malerei selbst sich aber gegen jede Durchdringung der glatten Oberfläche sperrt? Das kann man ab Sonntag, 25. Oktober 11 Uhr erleben, wenn die Ausstellung von Thomas Kitzinger im Singener Kunstmuseum eröffnet wird.

Seit 2008 arbeitet der Freiburger Malers Thomas Kitzinger (*1955) im eigenen Auftrag an seiner potentiell unendlich angelegten, aktuell 100 Arbeiten umfassenden Serie »24.10.1955«. Dabei handelt es sich um frappierend lebensecht gemalte Brustbilder stets gleichen Formats (70 x 50 cm), die Menschen aus dem Umfeld des Künstlers in stets derselben ›Versuchsanordnung‹ zeigen.

Alle Dargestellten sind, ohne besondere Gestik oder Mimik, unter immer gleichem Oberlicht, streng frontal und scharf umrissen, vor einem ›leeren‹, der Zeit enthobenen, türkisgrünen Hintergrund, in einem weißlichen T-Shirt, ohne schmückendes Beiwerk, den Blick geradeaus direkt auf den Betrachter gerichtet, dargestellt. Die Portraits entstehen auf der Grundlage einer Sitzung im Atelier des Malers und unter Zuhilfenahme von Fotografien, die Thomas Kitzinger selbst aufnimmt.

Erklärt sich eine Person bereit, gemalt zu werden, hat sie ungeschminkt, ohne ›übertriebene‹ Frisur zu erscheinen und legt alle äußerlichen wie persönlichen Attribute, wie zum Beispiel modische Kleidungsstücke, Brille, Ohrringe, Schmuck usw., ab. Auf das rein äußerliche So-Sein reduziert, bannt Thomas Kitzinger die ausgewählten Personen mit Ölfarben auf Aluminiumplatten – dabei minutiös alle Details des portraitierten Kopfes wie Kopf- und Barthaare, Augen-, Lid- und Mundschnitt, Hautpigmentierung, Falten, Ohrformen usw. wiedergebend. Auch der Bildtitel gibt keinen Namen oder Beruf preis, sondern reduziert den Dargestellten auf das Geburtsdatum. Gleichwohl erkennbar bleibt, dass Kitzinger »jeden Kopf mit der gleichen Liebe« (Kitzinger) und alle Portraits mit feinstem, spitzen Pinsel malt, vermeidet der Künstler doch jede Handschrift.

Hans-Joachim Müller spricht vom distanzierenden ›Porzellan-Ton‹ und ›Lackglanz‹ dieser Bilder. Ziel der mit dem Künstler vereinbarten Präsentation im Kunstmuseum Singen ist es, das Konzept der immer gleichen "Passbild-Komposition" und "neutralen" Tonwerte durch die streng lineare Hängung aller Portraitköpfe in umlaufender Reihe weiter zu steigern und damit noch sichtbarer zu machen. Was aber treibt einen Maler an, solch ein Konzept über Jahre hinweg zu verfolgen? Indem der Künstler die Vielfalt seiner Portraits seriell und konzeptuell anlegt, wird der Betrachter gewahr, dass es Kitzinger »mehr um Variationen eines Themas als um den einzelnen Menschen« geht.

»So unterschiedlich und unverwechselbar jedes von Kitzinger gemalte Gesicht ist, so wenig wird doch suggeriert, die genaue Wiedergabe physiognomischer Details solle Zugang zum Innenleben des jeweils Porträtierten liefern« (Wolfgang Ulrich, 2020). Damit überkreuzen sich in Kitzingers Kunst zwei überaus aktuelle Diskurse zur anregenden Herausforderung für jeden Ausstellungsbesucher: Was eigentlich macht, jenseits der äußeren Erscheinung / Hülle, die Identität eines Menschen aus? Und: Ist diese sichtbar? Andererseits: Was kann, zeigt und ist Malerei heute?

Mithin: Was kann, unter der Haut der Malerei, vom Betrachter überhaupt wahrgenommen werden und wie ist Wahrnehmung organisiert? Thomas Kitzinger erreicht diese Spannung, indem er seine essentielle Malerei nicht nur einsetzt als Mittel, nicht nur am Bildgegenstand interessiert ist, sondern das vorgegebenes Sujet – zugleich und demonstrativ – zum autonomen Mal-Gegenstand macht. »Jedenfalls haben wir es mit der Tatsache zu tun, dass diese Bilder das Vertrauen, das sie erwecken, immer auf eine subtile (...) Weise stören, zerstören« (Hans Joachim-Müller, 2020). Und es ist diese »Widersprüchlichkeit« (Kitzinger), die Thomas Kitzingers Serie »24.10.1955« so verführerisch macht. Drei Fragen gehen jedem Ausstellungsbesucher beim Rundgang nicht aus dem Kopf: Wie ist das gemacht? Mit was habe ich es hier zu tun? Und ich? Schon einmal, 2005, zeigte das Kunstmuseum Singen eine Ausstellung des Malers. Zur Ausstellung liegt der aktuelle Katalog: Thomas Kitzinger. 24.10.1955. Arbeiten 2008-2020. Hg.: Ege Kunst- und Kulturstiftung Freiburg. (Freiburg 2020) vor.

Begleitend zur Ausstellung bietet das Kunstmuseum Singen ein Begleitprogramm an. Mehr unter: www.kunstmuseum-singen.de 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler


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