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Die »bleierne Schwere« überwinden

Martin Staab
OB Martin Staab bei seiner Rede am Neujahrsempfang. swb-Bild: dh

Klimaschutz im Fokus des Radolfzeller Neujahrsempfangs

Radolfzell.  Eigentlich müsste zum neuen Jahrzehnt eine Aufbruchsstimmung herrschen, erklärte Oberbürgermeister Martin Staab beim Neujahrsempfang im Milchwerk. Im Moment vermisse er diese aber noch. Stattdessen diagnostiziert er zum Start der 20er-Jahre eine »bleierne Schwere«. Vor allem in der Politik. »Die Inhalte der Parteiprogramme sind für den normalen Bürger nur noch sehr schwer durchschaubar«, so Staab. Ein weiteres Problem der Gegenwart sei mangelndes Bewusstsein für Bürgerpflichten, ist sich der Rathauschef sicher. Immer mehr Rechte und Gesetze nehmen es den Menschen ab, gewisse Pflichten wahrzunehmen. Das führe laut Staab dazu, dass immer mehr Menschen eher das trennende als das verbindende in der Gesellschaft sehen. Und das, obwohl es den Menschen in Deutschland heute besser gehe als je zuvor, wie er unter Berufung auf den »Human Development Index (HDI)« der vereinten Nationen erläuterte. Dort belegt Deutschland den vierten Platz von 189 und das trotz Pisa-Studie und Bildungsnotstand, trotz der sich öffnenden Schere zwischen arm und reich und Trotz Pflegenotstand und dem oft »lamentierten« Zustand des Gesundheitssystems. Staabs Fazit: »Uns geht es besser denn je, aber wir müssen aufpassen, dass wir den Aufbruch ins nächste Jahrzehnt nicht versäumen«.

Aufbruch in Sachen Klimaschutz

Der Aufbruch zu einem Gemeinsamen Ziel kann für den OB nur im Bereich des Klimaschutzes geschehen, der seiner Meinung nach das bestimmende Thema der 20er-Jahre werden wird. Dass gemeinsames Handeln gerade auch beim Umweltschutz zum erfolg führen könne, zeigte er am Beispiel des FCKW-Verbots Anfang der 90er-Jahre. Wichtig sei, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt, auch die Menschen in Radolfzell. Angriffspunkte hierfür sieht der OB bei den Themen Natur, Bauen, Energie und Mobilität.

Hier wurde einiges schon angestoßen etwa das 10.000-Bäume-Aktionsprogramm, das bauen mit Holz, auf das seit fünf Jahren verstärkt gesetzt werde, die energetische Sanierung von Gebäuden zusammen mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft sowie die Umstellung der Mobilität, die mit der Vergabe der neuen Linienkonzessionen für den Stadtbus 2023 den nächsten größeren Schritt erleben soll. Natürlich bewegen jedoch auch noch andere Themen die Stadt, der geplante Umzug der Stadtwerke, die Weiterentwicklung der METTNAU, der Neubau der Markolfhalle und die einrichtung eines Gesundheitszentrums für geburtshilfliche Versorgung stehen am Beginn des neuen Jahrzehnts an. Und auch die Heimattage 2021 werfen ihren Schatten voraus.

Bauen im Zeichen des Klimawandels

Als Festredner war Prof. Thomas Stark von der HTWG Konstanz beim Neujahrsempfang zu Gast. Auch bei ihm das bestimmende Thema: Der Klimawandel. Das Bauwesen sei einer der größten Energeiverbraucher. Entsprechend groß sei Hier der Handlungsbedarf, egal ob es nun den Bau oder den Betrieb von Gebäuden betreffe. Allerdings lebe die Architektur ohnehin vom Wandel und sei immer auch ein Kind ihrer Zeit, erklärte Stark. Und so wird die Baukultur des 21. Jahrhunderts wesentlich geprägt sein durch das rasante Wachstum der Weltbevölkerung, die beschleunigte Dynamik des Wandels und das Thema Energieverbrauch.
»Wir haben kein Energieproblem, wir haben nur ein Emissionsproblem«, ist sich Stark dabei sicher. Im Klartext heißt das, dass ein Umstieg auf erneuerbare Energien zwar unumgänglich ist, aber diese seien in ausreichender Menge verfügbar. Der Anteil von Solar- und Windenergie liege in Deutschland mittlerweile bei über 40 Prozent und »wir haben noch riesige Flächen zur Verfügung, die für Wind- oder Solarenergie genutzt werden können«, so Stark. Dabei sei es wichtig, dass die Häuser der Zukunft auch die Energie nutzen, die um sie herum Vorhanden ist. Beispielsweise durch Wärmepumpen oder Solarenergie. Die Probleme rund um Herstellung und Entsorgung von Solarzellen seien mittlerweile gelöst, versichert Stark den Zuhörern im Milchwerk.

Als »echtes Pilotprojekt« bezeichnet er das in Radolfzell geplante Gewerbegebiet »Blurado«, das seine ganze benötigte Energie mittels Agrothermie, Wärmepumpen und Photovoltaik selbst erzeugen soll. »Dieses Projekt zeigt, was möglich ist, wenn Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und Klimaschutz zusammenarbeiten«, lobte der Wissenschaftler, der die Stadt bei der Erarbeitung des Konzepts selbst unterstützt hatte.
»Die Dachflächen sind die Ölfelder der Zukunft«

Wichtig beim Bauen der Zukunft sei es Gebäudeflächen sinnvoll zu erschließen. So können Gebäudeteile wie Dächer oder Fassaden, die Bisher vor allem dazu dienen Schutz vor den Elementen zu bieten, zur Energiegewinnung genutzt werden. »Die Dachflächen sind die Ölfelder der Zukunft«, ist sich Stark sicher. Lob gab es vom Professor auch für das 10.000 Bäume-Programm der Stadt, denn Holz wird als Baustoff zunehmend wichtiger. Das sei auch gut für das Klima, denn Holz, das nicht verbrennt oder verrottet speichert CO2 für Generationen.

Sein Fazit zum Thema Bauen und Klimawandel lautet deshalb »Bauen im Sinne des Klimawandels führt nicht zu Verboten, Auflagen oder Einschränkungen, sondern sorgt für eine langfristige wirtschaftliche Versorgungssicherheit und erhöht die Lebensqualität.

Wochenblatt @: Dominique Hahn