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„Die Kinder und Jugendlichen sind einfach weg“

Kinderwohnung
Ein Blick auf gute Zeiten: 2018 konnte die Kinderwohnung Engen der Diakonie ihren 20. Geburtstag feiern - mit einem Fest. swb-Bild: Archiv/mu

Interview mit Beate Hübner von der Diakonie über ein hartes Jahr mit Lockdowns

Radolfzell/ Engen. Was haben die wiederholten Lockdowns - ohne Perspektive auf Verbesserungen mit den Kinderwohnungen der Diakonie im Landkreis in Radolfzell und Engen gemacht. Das erklärt im Interview mit Beate Hübner, Fachbereichsleitung Kinder, Jugend und Familie des Diakonischen Werkes im Kirchenbezirk Konstanz Sandra Mauch als Medienverantwortliche des evangelischen Kirchenbezirks.

Sandra Mauch: Frau Hübner, Sie arbeiten eigentlich täglich mit Kindern, Jugendlichen und Familien zusammen? Wie hat sich das in der Pandemie gestaltet?

Beate Hübner: Zu allererst war da ein kompletter Rückzug ins Private. Die Kontakte waren von heute auf morgen weg und sind abgebrochen. Die Kinder und Jugendlichen waren nicht mehr in den Schulen, Kitas oder Horteinrichtungen. Sie waren für die Fachkräfte nicht mehr greifbar. Auch die Fachkräfte mussten sich zuerst überlegen, wie sie mit den Kindern, Jugendlichen und Eltern wieder kommunizieren konnten. Als sich die erste Schockstarre gelegt hatte, fingen sehr kreative Prozesse statt.

Sandra Mauch: Wie konnten Sie den Kontakt aufbauen oder überhaupt aufrechterhalten?

Beate Hübner: In der Kinderwohnung in Engen und Radolfzell konnten wir nach dem ersten Lockdown, bei den ersten Lockerungen zum Glück den Betrieb sehr schnell wieder unter gegebenen Hygienevorschriften weiterführen. Hier haben wir technisch aufstocken müssen, damit die Kinder an den verschiedenen digitalen Schulformaten teilnehmen konnten. Die Kinder verfügten in ihrer häuslichen Umgebung oft nicht über die notwendigen Laptops. Der Schwerpunkt wurde in den Kinderwohnungen auf die schulische Förderung gelegt, damit der Anschluss nicht verpasst wird. Die Zusammenarbeit von Grundschullehrern, Schulsozialarbeit und den pädagogischen Fachkräften der Kinderwohnungen hat dabei sehr gut gegriffen. Unsere MitarbeiterInnen haben seit der Corona Pandemie unglaubliches Engagement gezeigt und die Kinder gefördert und immer wieder eingefordert wenn sie nachlässig wurden. Es war und ist eine große Herausforderung die Kinder so zu begleiten, dass keine allzu großen Lücken in der Schule entstehen und sie psychisch stabil bleiben. In der Schulsozialarbeit hat die Kontaktaufnahme über Instagram sehr gut funktioniert. Die Schulsozialabeiterinnen sind auf die Schülerinnen und Schüler aktiv zugegangen und fragten nach Rückmeldungen von ihnen wie sie den Lockdown erleben. So war man mit einigen sehr gut im Kontakt.

Sandra Mauch: Nicht nur Ihre MitarbeiterInnen sondern auch viele Eltern standen vor ganz neuen Herausforderungen beim Begleiten der Kinder. Stellen Sie da was fest?

Beate Hübner:  Ja, es ist tatsächlich so, dass die Familien während dem jeweiligen Lockdown sich erstmal zurückziehen und nur noch funktionieren, um alles organisiert zu bekommen. Mit den ersten Lockerungen kamen dann die Wellen an Beratungsanfragen. Wir stellen eine große Erschöpfung in vielen Familien fest. Dazu kommen Sorgen um die berufliche Perspektive und die finanzielle Sicherheit. Bei Paaren die bereits vorher Schwierigkeiten miteinander hatten, bewirkte der Lockdown häufig eine Verschärfung der Konfliktsituation.

Sandra Mauch: Sie sagen, die Familien ziehen sich zurück und suchen dann erst später Kontakt. Wie konnten Sie Familien, die Hilfe dringend benötigten oder vielleicht gar nicht danach fragen trotzdem begleiten?

Beate Hübner:  Das Thema Kindeswohlgefährdung hat bei uns Fachleuten in der Coronapandemie hohe Sorge aus gelöst, weil eingespielte und etablierte Strukturen zum Teil nicht mehr vorhanden waren. Die Kinder und Jugendlichen waren nicht mehr in der Schule oder in den Kitas. Kinder und Jugendliche, die in der häuslichen Umgebung mit körperlicher, emotionaler, sozialer Gewalt leben, bis hin zum sexuellen Missbrauch, die hatten keinen Schonraum mehr und keine Anlaufstellen wie zum Beispiel  den/die KlassenlehrerIn oder die Schulsozialarbeiterin. Ein wichtiges soziales Korrektiv war nicht mehr möglich. Es ist tatsächlich sehr schwierig und bleibt ein Horror, die Vorstellung, dass Kinder und Jugendliche zum Teil den schwierigen Situationen zu Hause ausgesetzt sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die „TäterInnen“ dann auch noch oft in Kurzarbeit sind und alle zu Hause auf engem Raum, die Situation aushalten müssen. Hier haben die SchulsozialarbeiterInnen oder auch LerhrerInnen sich sehr bemüht und kreative Wege gefunden, mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten. Ein Vehikel war es zum Beispiel, die Kinder und Jugendlichen in die Schule zu bitten, um die Arbeitsmaterialien abzuholen. So konnten sie einen kurzen Eindruck gewinnen, wie es ihnen geht. Es wurde mit der Öffnung der Notbetreuung im 2. Lockdown zum Glück ja auch etwas leichter, diese Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Die Schul- und Kitaleitungen haben hier zugunsten der Familien sehr entgegenkommend reagiert.

Sandra Mauch: Wie blicken Sie auf die nächsten Monate?

Beate Hübner: Ich hoffe wirklich sehr, dass die Schulen und Kitas weiterhin offen bleiben können oder sogar noch weiter öffnen Es braucht wieder eine zuverlässige Alltagsstruktur für Kinder und Jugendliche wie auch die Eltern. Das gibt Sicherheit und Ruhe. Die ständigen Veränderungen sind schwer aushaltbar. Vieles wurde den Kindern und Jugendlichen abverlangt, das entgegen ihren Interessen und Entwicklungsanforderungen stand. Es wäre wünschenswert, dass die Gesundheit ein sicheres Gut sein darf und nicht entgegen den menschlichen Bedürfnissen nach Kontakt steht, zum Beispiel. Ich glaube alle sehnen sich danach, dass sich auch die menschliche Psyche wieder regenerieren darf.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler