- Anzeige -

"Dient dem Leben"

Real Gaienhofen
Die Realschüler brauchten eine ganze Wiese, um als Gruppe ihren Abschied festhalten zu können. swb-Bild: Bischofberger

Viele Schichten für die Schülerverabschiedungen in Schloss Gaienhofen

Gaienhofen. Die titelgebenden Worte des spanischen Jesuiten und Hochschullehrers Baltasar Gracián y Morales aus dem 17. Jahrhundert scheinen wie geschaffen für einen Rückblick auf den Abschluss von Schülern eines Jahrgangs von Schloss Gaienhofen. Nach umfangreichen Überlegungen, wie in diesem Jahr eine würdige Feierstunde für die Absolventen der drei Schulzweige möglich sein würde, entschied sich die Schulleitung in Abstimmung mit allen Interessengruppen zu drei getrennten Feierstunden. Es galt die Hygiene-Vorschriften ernstzunehmen, um nicht möglicherweise "Hotspot" für die Verbreitung des Virus zu werden. Die Größe der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten und das Abstandsgebot ließen nur Schüler und einige Lehrer zu, Eltern konnten durch eine aufwändige technische Installation die Feiern per Bildschirmübertragung zu Hause am Computer mitverfolgen. Sie freuten sich mit den Schülern über die mehr als erfreulichen Ergebnisse - beide Gymnasien schließen mit einem Gesamtdurchschnitt von 2,2 ab - jeweils eine Schülerin erreichte dabei den Traumdurchschnitt von 1,0 - Lina de Boni im Allgememeinbildenden Gymnasium und Julie Wagner im Beruflichen Gymnasium.

"Doch was ist, wenn es kein „nach Corona“ gibt, wenn das Dauerzustand bleibt?" eröffnete Schulleiter Dieter Toder seine aufrüttelnden Gedanken an die Abiturienten des Allgemeinbildenden Gymnasiums und konfrontiert die Absolventen mit einer Realität, die Schülern trotz aller Freude über einen guten Schulabschluss bewusst macht, dass es jetzt an ihnen liege, auf die Krisenhaftigkeit einer Welt zu reagieren, die unsere Gesellschaft durch ihren Lebensstil verantworten muss. „Diese Gesellschaft kann es sich schlicht nicht mehr leisten, so unsozial, so fossil, so gestresst, so hypermobil, so krank zu sein.“ , zitiert Toder aus einem Artikel von Bernd Ulrich aus der "ZEIT". Dieser Anspruch werde dann von einer Frage der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusätzlich zu einer Frage der ökonomischen Vernunft und der Freiheit, schlussfolgert Toder weiter.

Die Leiterin der Realschule, Larisa Maras, hakt in ihrer Ansprache an die Realschulabsolventen ein, als wäre es abgesprochen: "Das alles kann Angst machen und lähmen. Oder vor allem euch, die junge Generation, motivieren Dinge anzupacken und zu verändern. Denn was ändert sich, wenn Wissen nicht genutzt wird? Wir sind überzeugt davon, dass es jede und jeder unter euch schaffen wird, die eigene Zukunft in die Hände zu nehmen und genügend Mut und Ausdauer haben wird ihren oder seinen Platz im Leben und der Welt zu finden.", drückt Larisa Maras ihr Vertrauen in die Absolventen aus.

Gunnar Horn, Leiter der Beruflichen Gymnasien, spinnt den Gedanken weiter, indem er auf divergierende Menschenbilder und miteinander konkurrierende Wertvorstellungen abhebt, mit denen sich die Absolventen des Wirtschafts- und des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums befasst hatten. "Profitmaximierung, hemmungsloser Konsum, um sich selbst und anderen seinen Status zu beweisen, das Recht des Stärkeren und die Ausbeutung der ökonomisch Schwachen und der Natur – das sind die Werte von gestern, die die Krisen vor Corona ausgelöst haben."

Schulabgänger auf der ganzen Welt, so setzt Horn seine Gedanken fort, "haben so wie ihr gesehen, dass die Menschen in einer existentiellen Krise durchaus altruistisch handeln können, wenn ihre politischen Führer Werte und Regelwerke entwerfen, die dem Leben dienen. Der Eigennutz hat nicht das letzte Wort in unserer Gesellschaft. Das ist die hoffnungsvolle Botschaft der Coronakrise."

Wahrscheinlich gibt es keine motivierendere Botschaft als der Appell von Gunnar Horn, die für alle Absolventen von Schloss Gaienhofen gelten soll: "Dient dem Leben. Hört auf euer Herz und gestaltet die politischen und ökonomischen Regeln so, dass eure Kinder einmal mit Optimismus ihr Abitur feiern können. Nutzt eure Macht als Konsument und Wähler und gebt fairen Arbeitsbedingungen und nachhaltigen Technologien eine Chance."

Wochenblatt @: Oliver Fiedler