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Drei Eimer Wein für den "Arbeiter im Politischen Weinberg"

Cem Özdemir
Cem Özdemir kam schon mit Laufnarrenkappe in die Jahnhalle vor das Narrengericht. swb-Bild: of

Zwei Freisprüche und ein kurioser Schuldspruch für Cem Özdemir / Gedenken an die Opfer von Hanau

Stockach. Fast hätte er es geschaft mit seiner flammenden Verteidigungsrede. Und das Narrengericht war eigentlich recht milde, aber trotz zweier Freisprüche für "Mehrfache Beihilfe für aktive Sterbehilfe" und "Grenzenlosen Oportunismus" durch die Narrenrichter verdonnerten diese den aktuell als Sprecher für Verkehr und Digitale Infrastruktur für seine Bundestagsfraktion waltenden Cem Özdemir vor der brechend vollen Jahnhalle zunächt für "Vorteilsnahme im Amt" für zwei Eimer Wein, und zusätzlich dann noch für einen weiteren, weil er sich bei seiner Flugmeilen-Affaire habe erwischen lassen. Zusätzlich hätten die Narrenrichter von Özdemir auch noch Nachhilfe beim "Tüten Tasting" auf dem Balkon, vermeldete Narrenrichter Jürgen Koterzyna in seinem Urteilsspruch. Das kuriose daran: Özdemir macht in seiner Verteidigungsrede deutlich, dass er gegenwärtig gar keim Amt inne habe, was ihm auch der Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bestätigte in seinem Auftritt.

Die diesjährige Verhandlung des Narrengerichts konnte aus Sicherheitsgründen erst etwas verspätet beginnen. Sowohl Winfried Kretschmann wie Cem Özdemir legten Gedenkminuten für die Opfer des Terrorakts von Hanau in der Nacht auf Donnerstag mit 11 Toten ein. Beide bekräftigten, dass sie dieses Fest trotzdem feiern wollten. Er wünsche sich, dass 2020 das Jahr werde, in dem es gelinge den Schalter umzulegen, um klar zu machen, dass man diesen rechtsradikalen Sumpf im Land komplett austrockne. Man wolle es nicht zulassen, das solche Menschen das Land ins Chaos stürzen könnten. Deshalb wolle man hier auch die Fasnet feiern: bei den Närrinnen und Narren werde nie nach der Herkunft gefragt, meinte Özdemir. Was unter der Kappe sei, wäre egal.

Ankläger will drei Eimer türkischen Honig

Ankläger Wolfgang Reuters Vorwürfe wogen sehr schwer. Er habe sich vor den Verhandlungen gar überlegt, dass es hier Sinn mache, die Scharia anzuwenden, er wisse nur nicht mit welchem Körperteil er anfangen wolle, tönte Reuter in die voll besetzte Halle.

Aktive Sterbehilfe in mehreren Fällen, war der erste Vorwurf, denn er dem Cem Özdemir unterstellte. Die Jamaika-Koalition sei ihm, und nicht FDP-Chef Lindner zum Opfer gefallen, und die „GroKo“ in der Folge sieht er auch als eine Art Todesfall. Er sei zudem glühender Fan des VfB Stuttgart, da sollte man sich besser politische nicht zum Spitzensport äußern, meinte Reuter spitz ohne den Verein freilich zu den Leichen zuzuordnen. Das wurde vom Narrenrichter Koterzyna als Hinweis gesehen, ob er überhaupt schuldfähig sei.

Und dann kam sogar noch „Vorteilsnahme im Amt“ dazu. Die Flugmeilen-Affäre seien sein Absturz gewesen und man habe ihn ins Europarlament ausrangiert, was Reuter als Form des „offenen Strafvollzug“ ansah. Er forderte eine Strafe von drei Eimern türkischen Honigs, vergoren zu Met, und dieses Jahr gab es für diese Forderungen sogar anhaltenden Beifall.

Der Erfinder der Flugscham?

Fürsprech Michael Nadig dankte in seiner Rede schon mal für die Vorladung, denn damit sei der Freispruch sicher. Denn dieser Mann sei genauso eine Unschuld vom Land wie einst Peter Müller aus dem Saarland, der einzige der bislang vor dem Gericht tatsächlich einen Freispruch erreiche. Besser wäre es gewesen, FDP Chef Lindner hier wegen Fahrflucht zu laden, angesichts der Vorgänge in Türingen. Die SPD stehe aus seiner Sicht suizidal am Abgrund. Dafür könne sein Mandant nun gar nichts.

Den Vorwurf „Gewissenloser Opportunismus“ entkräftete er damit, dass er zwar Spätzle liebe, aber sonst Pazifist sei. Dem Kläger empfahl er gar, er solle auch mal wie der Beklagte auf den Balkon zum „Tütentasting“ gehen. Und was, die Flugmeilen-Affaire betrifft, so sei er damals jung gewesen, und habe das Geld gebraucht. Er sei gar der Erfinder der Flugscham gewesen, habe die Fluggesellschaften mit dem Verteilen von Bonusmeilen schädigen wollen, gar als eine Art „Grüner Robin Hood“. Er kämpfe gar nicht nur für die Grünen, sondern fürs ganze Land, rief Nadig in den Saal.

Der neue Kanzler?

Das war der Moment, bei dem Ministerpräsident Kretschmann auf die Bühne kam und sich interessanterweise in der Frage verfing, ob Özdemir nicht gar der neue Bundeskanzler werde, oder vielleicht auch sein Nachfolger. Kretschmann gab sich da sogar visionär und meinte, dass auch der Habeck aus dem Norden dafür in Frage kommen könnte. Und war die Vorteilsnahme im Land betrifft, so zweifelte Kretschmann am Verstand des Anklägers, den Özdemir habe derzeit kein Amt, sondern nur Posten. „Hier sitzt kein schwarzes  Schaf, sondern ein Unschuldslamm“ fasste Nadig sein Plädoyer zusammen.

Wer zwei Doppelspitzen überlebt....

Cem Özdemir typisierte sich in seiner eigenen Verteidiungrede als einen Lars Ricken des Deutschen Bundestags. Er sei einfacher Gastarbeiter im Weinberg der deutschen Politik. Nun werde ihm hier schon wieder ein Strick gedreht aufgrund seiner Herkunft, klagte er. Schon in seiner schwäbisch-pietistischen Heimat sei man zum Lachen nicht mal in den Keller gegangen, sondern zum Türken nebenan.  Seine Rede war im übrigen von Bibelzitaten gewürzt da spürte man schnell, wie er die Narrenrichter damit aufs Eis führte.

Nur Freispruch käme für ihn in Frage. "Das steht der Mann vor ihnen, der dem Sultan vom Bosporus die Stirn geboten hat, während die die CDU Kratzfüße vor dem Palast des Sultans hinterlasse. Eines Muselmanen  wie ihm habe es bedurft, um an den Schicksal der armenischen Christen in der Türkei zu erinnern. Und überhaupt habe er schon genug Schicksal alleine damit erlebt, gleich drei Verkehrsminister der CSU als Heimsuchung zu erleben. Und überlebt habe er sogar zwei Doppelspitzen seiner Partei. Das hatte offensichtlich gewirkt.

Die Narrenrichter hatten freilich die Sorge, wie das werde wenn so einer, dazu noch Vegetarier, Kanzler werden sollte. Das hieße ja "ade Wurstsalat und Zwiebelrostbraten."

Weitere Bilder finden Sie in unserer Galerie 1 und Galerie 2.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler