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»Ein Hungermarsch ist keine Hungerkur«

Hungermarsch Stockach
»Wir leben alle in einer Welt«: Der Hungermarsch in Stockach soll Solidarität mit den Notleidenden auf dem Globus zeigen.swb-Bild: Archiv/sw

WOCHENBLATT-Interview mit Jörg Pompeuse und Wolfgang Söhlemann

 

Stockach. Während der Fastenzeit nach der Fasnet verzichten Menschen freiwillig auf ganz unterschiedliche Dinge. In vielen Regionen der Welt müssen Menschen aus purer Not Verzicht üben. Auf sie möchte der Hungermarsch aufmerksam machen, den die Brasilienhilfe, die Peruhilfe Zizenhausen und die Freunde für Sartawi am Samstag, 5. Mai, in Stockach organisieren. Ein Gespräch mit den Mitinitiatoren Jörg Pompeuse und Wolfgang Söhlemann.

WOCHENBLATT: Waren Hungermärsche nicht eher ein Thema der revolutionsgeladenen 60er und 70er Jahre?

Wolfgang Söhlemann: Aber nein, diese Hungermärsche sind viel, viel älter, denn es gab sie bereits im Mittelalter. Wenn die Völker in Not gerieten, gingen sie zu ihren Fürsten, ihren Lehnsherren, und baten um Unterstützung, um Nahrungsmittel aus den Lagern oder Silos. Hungermärsche hat es in unterschiedlichen Formen schon tausendfach während verschiedener Epochen in Deutschland gegeben.

Jörg Pompeuse: »Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst«, lautet ein altes Sprichwort. Darum haben wir den Spieß mit unserem Hungermarsch umgedreht. Wir gehen nicht mehr zum Fürsten, sondern wenden uns demokratisch direkt an das Volk. Denn das soll bei unserem Hungermarsch mitmachen.

 

WOCHENBLATT: Aber ist denn durch einen Hungermarsch jemals ein Mensch in der »Dritten Welt« satt geworden?

Jörg Pompeuse: Ja, denn durch unseren Hungermarsch werden vier Stockacher Projekte in Südamerika finanziell unterstützt. Wir von der Brasilienhilfe haben zwei Hilfsaktionen am Laufen: Einmal wollen wir von der Gesellschaft Ausgestoßene in Brasilien durch die Zuteilung von Land und einem Heim sozial eingliedern, und zum anderen fördern wir eine nachschulische Initiative, die Kindern aus eben diesen sozial schwachen Familien nach dem Schulbesuch Mittagessen und Hausaufgabenbetreuung anbietet.

Wolfgang Söhlemann: Die zehn Euro Startgebühr aus dem Hungermarsch kommen direkt den Projekten der drei ausrichtenden Gruppen zu Gute. Die Peruhilfe aus Zizenhausen bezahlt in einem peruanischen Ausbildungszentrum den Aufenthalt von drei Jugendlichen und das Gehalt eines Erziehers. Und unsere Gruppe, die Freude für Sartawi, fördern Bewässerungsprojekte für arme Bauern in Bolivien. So finanzieren wir gerade eine 1,5 Kilometer lange Leitung, die die Felder mit Wasser versorgt. Beim ersten Hungermarsch 2014 kamen 5.100 Euro, also 1.700 Euro für jede Gruppe, zusammen, und vor zwei Jahren waren es insgesamt 3.900 Euro.

 

WOCHENBLATT: Wie lautet die Botschaft der Hungermärsche?

Jörg Pompeuse: Wir leben alle in einer Welt.

Wolfgang Söhlemann: Ein Hungermarsch ist keine Hungerkur – die Veranstaltung soll den Teilnehmenden Spaß machen. Aber wir wollen damit Solidarität mit denen zeigen, die unsere Hilfe brauchen, es soll eine Demonstration für Gerechtigkeit sein, und wir möchten darauf hinweisen, dass viele Menschen unter dem Existenzminimum leben müssen. Wir wollen mit dem Erlös die Eigeninitiative der Menschen vor Ort unterstützen, und wir gehen, um gegen die Ungerechtigkeit in einer ungleichen Welt zu protestieren, die auch damit zu tun hat, dass es uns wirtschaftlich so gut geht.

 

WOCHENBLATT: Was unterscheidet den Hungermarsch 2018 von seinen Vorgängern?

Wolfgang Söhlemann: Die Route. Wir starten dieses Mal an der Hindelwanger Halle, wo eine etwa sieben Kilometer lange Route durch den Nellenburger Wald beginnt. Der Weg ist auch kinderwagentauglich.

 

WOCHENBLATT: Warum verlagern Sie die Veranstaltung vom Osterholz nach Hindelwangen?

Wolfgang Söhlemann: Wir wollten den Teilnehmenden Abwechslung und etwas Neues bieten.

Jörg Pompeuse: Darum wurde die Route geändert. Sie führt von der Hindelwanger Halle über Trompeters Ruh zur ersten Jausenstation unterhalb der Nellenburg und dann wieder zurück zur Hindelwanger Halle.

 

WOCHENBLATT: Wie ist denn der zeitliche Ablauf?

Jörg Pompeuse: Der Tag beginnt um 9.30 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst vor der Halle, der von dem katholischen Pfarrer Michael Lienhard und dem evangelischen Pfarrer i. R. Claus von Criegern verantwortet wird.

Wolfgang Söhlemann: Rainer Stockburger, der evangelische Pfarrer, ist wegen der Konfirmation an diesem Wochenende leider verhindert. Nach dem Gottesdienst wird der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Jung als Schirmherr ein paar Worte sprechen, dann können die Teilnahmebändchen für zehn Euro erworben werden, und dann geht es los. Der Weg ist gut ausgeschildert, und ein Team der Stockacher Kinderkrippe möchte sich ein Programm für die Jüngsten ausdenken. Die Stockacher Kolpingfamilie wird an der Halle ein Zelt zur Stärkung für die Wanderer aufbauen, in dem der Tag bei Kaffee und Kuchen ausklingen kann.


Es werden noch Helfer etwa als Streckenposten oder im Service gesucht. Auch weitere Sponsoren sind willkommen. Interessierte können sich an Wolfgang Söhlemann, »Freunde für Sartawi e.V.«, zweiter Vorsitzender und Schriftführer, Galgenäcker 26, 78333 Stockach, 07771–875250 oder 0175–2728625, soehlemann-bodensee(at)t-online.de wenden. Mehr unter www.hungermarsch-stockach.de .

 

 

Wochenblatt Redakteur @: Simone Weiß