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Ein Leben ist zu wenig

Gregor Gysi
Gregor Gysi zeigte sich bei seinem Besuch im Milchwerk auch von seiner höchst politischen Seite.swb-Bild: uj

Dr. Gregor Gysi zu Gast im Radolfzeller Milchwerk

Radolfzell. »Suche Karte«, stand auf dem Schild zu lesen, das die Frau am Eingang des Milchwerks in Radolfzell am Mittwochabend in die Höhe hielt. Alle Karten, sogar die Stehplätze, waren für das Gespräch von Gregor Gysi mit dem Politikjournalisten und -redakteur Ulrich Fricker restlos ausverkauft. In einem Frage- und Antwortspiel sollten die beiden auf Gregor Gysis neu erschienene Autobiografie »Ein Leben ist zu wenig« eingehen. Im Laufe des eineinhalbstündigen Gesprächs stellte Fricker Fragen, die Gysi aufwendig, mit scharfsinniger Argumentation und perfekt-rhetorischen Stilmitteln gewürzt mit seiner für ihn typischen Art beantwortete. In seinem Grußwort stellte Geschäftsführer Christoph Greuter der Buchhandlung Greuter die Eckpunkte von Gregor Gysi heraus: Seine Ausbildung zum Rinderzüchter, mit 22 Jahren jüngster Rechtsanwalt in der DDR, Meister des geschliffenen Wortes sowie seine legendären Reden und Rededuelle.
Der Abend wurde mit der Frage eingeläutet, weshalb Gysi nun Memoiren schreibe. Gysi antwortete, dass sein Leben so spannend gewesen sei. »Ich hatte viele verschiedene Leben«. Im Laufe des Abends ging er genau auf diese ein. Auf das Leben in der Kinder- und Jugendzeit, seiner Studentenzeit, sein Berufsleben als Anwalt, auf das der politischen Wendezeit und auf das als BRD-Bürger. Gerade würde er sein sechstes Leben leben, nämlich das Jetzt. Auf sein siebtes Leben, auf das freue er sich ganz besonders, das sei nämlich das Alter. Er wisse nur noch nicht, wann das beginnen würde.
Der Moderator hatte mit der Frage, ob für Gysi die DDR ein Rechtsstaat gewesen sei, offensichtlich nicht vor, im Laufe des Abends nur »Schönwetterfragen« stellen zu wollen. Doch diese Frage dürfte Gysi oft genug gehört haben. Ausführlich und nachvollziehbar antwortete er, betonend, dass die DDR kein Rechtsstaat war. Er erzählte aus seinem Leben als Anwalt und wie er es geschafft hatte, die »Obrig Herrschenden« in den Wahnsinn zu treiben, dank der schlampig geschriebenen Wortlaute der DDR-Gesetze.
Wer Gysi kennt, weiß, dass er es versteht, humorvoll zu pointieren und geistreich zuzuspitzen. Seine vielen Anekdoten erzeugten im Publikum oft herzliches Gelächter. Unerwartet löste er Nachdenklichkeit aus, als er die These aufstellte, dass »wir aufhören müssen, nur zu siegen«. Mit seiner logischen Gedankenkette erläuterte er, dass ständige Sieger zwangsweise zum Verlierer werden.
Wie in seinem Buch beschrieben, berichtete er an dem Abend auch über seine familiäre Ahnengeschichte, die weit zurückreicht und so manche Überraschung bietet. Bei der Fragestellung um die jüdischen Wurzeln Gysis und um Antisemitismus, betonte Gysi: »Nationalität und Religion interessieren mich nicht, sondern immer nur der Charakter des Menschen«.
Die zweite Hälfte des Gespräches betraf die Zeit nach der Wende. Auf die Frage, ob Gysi denn mit der Wende gerechnet hätte, erzählte dieser von der Skepsis, die er zunächst hatte. Doch er wusste, dass Gorbatschow eine vernünftige Politik machen würde, während Honecker in den achtziger Jahren immer noch an Ritualen der Fünfziger festhalten würde. Deswegen sei das Ende der DDR vorhersehbar gewesen.
Im Laufe des Dialoges war es nahezu erwartungsgemäß, dass Gysi dabei immer politischer wurde, redete äußerst engagiert über seine eigene politische Weltanschauung. Am Schluss des Abends hielt er ein leidenschaftliches Plädoyer für ein gemeinsames Europa, das für die Jugend erhalten werden müsse und vergaß nicht, vor den gesellschaftspolitischen Auswirkungen einer bevorstehenden großen Koalition, der GroKo, zu warnen. Über sein bevorstehendes siebtes Leben meinte er: »Ich werde den Alten sagen: Reden Sie nur nicht über so viele Krankheiten, davon wird man nicht gesund«.

Wochenblatt Redakteur @: Matthias Güntert