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Ein neuer Blick auf den altehrwürdigen Hohentwiel

Kessinger Hohentwiel
Der Historiker Dr. Roland Kessinger hielt in der vollbesetzten Stadthalle einen Vortrag über seine neuesten Erkenntnisse zum Hohentwiel. swb-Bild: bg

Roland Kessinger entschlüsselt die Bauzeit des Rondell Augusta

Singen. Der Hohentwiel, ältester Bewohner Singens und vor 1100 Jahren schon als Bergfestung urkundlich erwähnt, blieb über Jahrhunderte hinweg begehrt, belagert und umkämpft von Königen, Kaisern und Generälen, Rittern und Herzögen, bis Singens damaliger OB Theopont Diez vor exakt 50 Jahren endlich einen Schlußstein unter die wechselvolle Geschichte setzen, eine der mächtigsten Festungsruinen Mitteleuropas aus den Händen der ehedem Württembergischen Tuttlinger entwinden und in die Hände der Singemer zurückführten konnte, die trotz Napoleons persönlichem Befehl 1800 zur Zerstörung der gewaltigen Festung aus dem 16.Jh bis heute immer wieder die Nähe ihres Hausberges suchen.

Dr. Roland Kessinger, gebürtiger Singener, Autor gewichtiger Bücher und profunder Kenner der Festung, lud nun am vergangenen Montag mitsamt Catharina Scheufele vom Kulturbüro den vollbesetzten Saal der Stadthalle zu einem Lichtbilder-Rundgang durch die Baugeschichte der Festungsanlage ein und versprach, dass für Jeden etwas Neues dabei sein werde und dass Jeder am Schluss den Hohentwiel mit etwas anderen Augen sehen könne. Er lenkte, unterstützt von historischen Plänen und beeindruckenden aktuellen Rekonstruktionen, den Blick auf zehn markante und magische Teile der Festung, so den Brunnen-Kasematten, „damals der letzte Schrei“, zwischenzeitlich Bierkeller der Württemberger, heute leider wohl dem Verfall preisgegeben.

Wer auf den Eingang der Festung schaue, blicke auf 500 Jahre Baugeschichte, so Kessinger. Den Umbau der Gewölbe an den Flanken, um von dort Schießen zu können, sei „sehr innovativ“ gewesen. Die untere Festung bekam nach dem 30jährigen Krieg 1666 einen nahezu „ästhetischen“ Anblick mit verputzten Mauern und Häusern, wie eine Ansicht aus 1797 zeigte. Geheimnisvolle Gänge im Untergrund der Festung entpuppten sich als Abortwege zu den Plumpsklos an den Außenmauern. Das älteste Foto belegt die riesigen Schutthaufen nach dem Abzug der Franzosen, ideal, um damit die Bühne für das erste Hohentwielfest 1906 zu errichten.

Es folgte ein Blick auf den Vorhof mit seinem Getier und Misthaufen - heute ebenso Vergangenheit wie die umfängliche Sprengungen der Franzosen, die vor allem militärischen Festungsbereichen galten, weniger den Gebäuden. So zeuge der Paradeplatz zwar von vielen Veränderungen, die Baustruktur aber sei gleich geblieben. Pulvertürme seien allerdings nach außen versetzt worden, um Explosionen im Innern vorzubeugen.

Kessinger entschlüsselte die Bauzeit des spektakulären Rondell Augusta auf 1589-1605, würdigte detailliert die Künste der großen Baumeister wie Aberlin Tretsch, Georg Beer, Wolf Friedrich Löscher und Conradt Widerholt, der 1663/64 nach langen Berechnungen den Bau von Horizont-Windmühlen mit sechs Flügeln realisierte, wie ein alter Merian-Stich zeigt. Baumeister Andreas Kieser hinterließ ebenso bleibende Spuren wie Handwerks-und Maurermeister, darunter der Vorarlberger Hans Dobler.

Der Historiker vergass nicht, auf die soldatischen Arbeitskräfte und Scharen von Hegauer Tagelöhnern hinzuweisen: „Der Hohentwiel wäre niemals zu bauen gewesen nur mit Württembergischer Hand!“ Sand und Kalk stammten ebenfalls aus dem Hegau, wie auch das Bauholz des Sägewerks, wozu die Dornermühle mit Festungsstein erbaut worden sei. „Es gäbe keine Festungsbau ohne die alltägliche Hilfe der Nachbarn“, so Kessinger, die sich „unabhängig von religiösen und politischen Streitereien“ ihrer Herrschenden einfach geholfen hätten. Nach einer schönen Bilderschau, dankbarem Beifall und vielen Fragen an den Laienexperten gingen alle etwas schlauer zu Bett - ein Digitale Rekonstruktion ist für Herbst 2019 angekündigt.

Wochenblatt Redakteur @: Stefan Mohr