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Ein zentnerschwerer »Augapfel«

Spurensuche Uhrrestauration Tengen-Büßlingen 2017
Ulrich Ritzi, Walter Beck und Raimund Ritter (von links) schmirgeln, polieren und reparieren jeden Mittwoch mit Feuereifer die alte Büßlinger Turmuhr.swb-Bild: rab

Spannende Restauration einer historischen Uhr

Tengen-Büßlingen. Beißender Geruch weist den Weg zu einer kleinen Kammer, in der althergebrachte Vorurteile gründlich auf den Kopf gestellt werden. Putzen ist nichts für Männer? Von wegen! Im Obergeschoss der Begegnungsstätte »Linde« in Büßlingen schmirgeln, polieren und wienern drei äußerst fidele, gut gelaunte ältere Herren – eingehüllt in die Dämpfe ihrer Reinigungsmittel –, was das Zeug hält. Und zwar nicht nur mit ganz viel Herz und Leidenschaft, sondern auch mit einer gehörigen Portion Sachverstand. Jeder Putzmuffel würde beim Anblick des Trios leuchtende Augen bekommen und sie mit Handkuss bei sich zuhause willkommen heißen. Doch halt! Ulrich Ritzi, Raimund Ritter und Walter Beck sind keine Männer für jeden Putzauftrag. Ihr Engagement ist vielleicht buchstäblich einzigartig – doch ganz genau wissen sie das nur selbst. Derart mit Feuereifer zum Wischlappen greifen sie derzeit jedenfalls nur, weil sie eine besondere Mission haben: Es gilt, das historische Kirchturmuhrwerk aus der Kirche zum Heiligen Martin von seiner jahrhundertealten, trüben Patina zu befreien und sein blitzblankes ursprüngliches Äußeres wieder zum Vorschein zu bringen.

 

 

Es hat fast etwas Meditatives, wie die Männer Seite an Seite und doch jeder für sich in dem Raum emsig werkeln. »Mensch, Walter, wie hasch du des g’macht? Des isch ja wie neu!«, durchbricht ein verblüffter Ausruf die Stille. Während er die goldig glänzenden Ölbehälter in die Höhe hebt, die Walter Beck von einer hartnäckigen Schmutzschicht befreit hat, nickt Raimund Ritter seinem Kollegen anerkennend zu. Doch damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Männer putzen und polieren sie natürlich nicht nur, sondern schrauben, messen und tüfteln unter anderem auch. Denn um die diversen Einzelteile des komplizierten historischen Uhrwerks, das mitten im Raum auf einem Tisch thront, wieder zum Glänzen bringen zu können, müssen sie sie erst einmal ausbauen. Und zwar nicht blindlings – schließlich sollen die zahlreichen Komponenten nach ihrer Aufbereitung wieder ganz korrekt ineinandergreifen. Technischer Sachverstand ist also unbedingt gefragt, wenn es an die Arbeit geht.

 

 

Schwarzwälder Handwerk

Zum ersten Mal die Stunde geschlagen hat die Turmuhr, die von der Firma »Benedikt Schneider Söhne« in Schonach hergestellt wurde, den Büßlingern im Jahr 1914. Damals spendeten die Eheleute Stephan und Veronika Zimmermann das Wunderwerk der Technik der Gemeinde. Im Jahr 1984 hat der damalige Ortschaftsrat das in die Jahre gekommene Uhrwerk dann jedoch durch eine moderne, elektronische Variante ersetzt. Der ausrangierte Chronometer wurde in einer Ecke des Kirchturms abgestellt, bis er Anfang der 90er Jahre in den Geräteraum der Freiwilligen Feuerwehr Büßlingen gebracht wurde, und »da dann im Weg rumstand«, wie Walter Beck erzählt. Entsorgen wollte man das historische Zeitmessgerät nicht – doch wohin damit? Eigentlich wollte Beck, der damals Ortsvorsteher in Büßlingen war, das Schmuckstück zusammen mit einem Kollegen wieder in Stand setzen und in das Foyer der Körbeltalhalle stellen – doch sein Mitstreiter wurde krank und konnte das gemeinsame Projekt nicht weiterverfolgen. Die Uhr fiel in ihrer Ecke im Gerätehaus in einen Dornröschenschlaf – wenn auch eher mit Spinnweben umrankt als mit einer grünen Hecke.

 

 

Doch Gras wuchs keines über die Sache. Und als mit der Errichtung des Bürgerzentrums »Linde« durch den Bürgerverein Linde im Jahr 2010 wieder Schwung ins Gemeindeleben kam, lebte auch die Idee einer Restaurierung wieder auf. In Ulrich Ritzi, dem Vorsitzenden des Bürgervereins, fand Walter Beck einen Mitstreiter, der genau wie er voller Tatendrang ist und sich für das alte Uhrwerk begeistert. »So etwas muss man doch sehen, das ist Dorfgeschichte, das darf man nicht verstecken!«, verdeutlicht Ritzi. Gedacht, getan. In Raimund Ritter, der bis zu seinem Ruhestand als Maschinenbauingenieur gearbeitet hatte, fanden die beiden einen weiteren fachlich versierten Liebhaber des ausrangierten Uhrwerkes. Zusammen veranlassten die Männer, dass ihr mehrere Zentner schwerer, tickender »Augapfel« in einen Werkraum ins Obergeschoss der »Linde« gebracht wurde – was nur dank der »Muskelkraft der jungen Feuerwehrleute« gelang, wie Ritzi berichtet. Denn allein das Pendel des Uhrwerks wiegt mehrere Dutzend Kilo. Als das gute Stück dann in der »Linde« stand, »sind wir erst einmal ein paar Stunden lang darum herumgeschlichen und haben es uns angeschaut«, erinnert sich Ritter mit einem verschmitzten Grinsen. Die Arbeit würde nicht einfach werden, das war allen drei klar. »Das Uhrwerk ist technisch hochkomplex«, verdeutlicht Ritter: »Es überrascht uns sozusagen jeden Tag aufs Neue mit seiner Funktionsweise.« Um sich für ihr Vorhaben optimal vorzubereiten, gingen Beck, Ritzi und Ritter deshalb sogar auf eine »gemeinsame Bildungsreise in den Schwarzwald«, wie Ritter lachend erzählt. Dort haben sie in einem kleinen Ort einen Uhrmacher ausfindig gemacht, der früher in der Firma arbeitete, die das Büßlinger Uhrwerk hergestellt hat. Von ihm ließen sich die drei genauestens in die technische Funktionsweise und den Aufbau ihres »Schatzes« einweihen.

 

 

Aufstellung in der »Linde«

Zurück in Büßlingen machte sich das Trio ans Werk – und sorgt seitdem jeden Mittwoch im Obergeschoss der »Linde« für buchstäblich glänzende Aussichten. Das Ziel ist, den Chronometer nach vollendeter Arbeit im Gastraum der »Linde« aufzustellen. »Das wäre eine Bereicherung für die Begegnungsstätte!«, sind sich Beck, Ritzi und Ritter einig: »Das versinnbildlicht das alte Büßlingen.« Ähnlich sieht das die Stadt Tengen, die den Arbeitseifer der Männer mit 500 Euro fördert, für die unter anderem Reinigungsmittel oder Ersatzteile beschafft wurden. Und auch wenn die drei vollkommen zufrieden und glücklich mit ihrem eingespielten Team sind – über weitere Mitstreiter würden sie sich riesig freuen, wie Ritzi verdeutlicht. Außer Freude an der Sache sollten diese nur technisches Verständnis mitbringen. Denn wenn noch ein paar Helfer mehr zusammen mit Beck, Ritzi und Ritter in die Hände spucken, wird vielleicht auch wahr, wovon die Männer träumen: das Uhrwerk schon dieses Jahr in alter Pracht an seinem neuen Bestimmungsort aufzustellen. Die Korken knallen lassen sollten die Beteiligten dann jedoch unter gar keinen Umständen mit dem Inhalt der Sektflaschen, die im Werkraum der Männer zu finden sind. Denn in ihnen befindet sich nur ungenießbare Seifenlauge, die sich ganz und gar nicht dafür eignet, den Gaumen zu umschmeicheln, sondern nur dafür, den Boden zu schmirgeln. Doch wer weiß – vielleicht sind die drei bei all dem Polieren auch auf diesen Geschmack gekommen!

 

 

Helfer gesucht!


Für die Restauration werden noch Mitstreiter mit technischem Verständnis gesucht. Die Arbeiten finden immer mittwochs ab 13.30 Uhr in der »Linde« statt. Wer Lust hat, sich daran zu beteiligen, kann sich bei Ulrich Ritzi melden, E-Mail: u.b.ritzi@t-online.de.

 

Mehr Bilder gibt es online zu sehen unter bilder.wochenblatt.net.

Wochenblatt @: Nicole Rabanser


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