- Anzeige -

Eindringliches zum Jahresstart

Neujahrsempfang Eigeltingen Günther Oettinger
Nach seiner Rede wurde Günther Oettinger mit einem flüssigen Präsent bedacht. swb-Bild: bg

Günther Oettinger war der Ehrengast beim Neujahrsempfang der Gemeinde Eigeltingen und sparte nicht mit deutlichen Worten.

Eigeltingen. Einen besonderen Gast hatte Bürgermeister Alois Fritschi beim Neujahrsempfang der Gemeinde Eigeltingen in petto: Der ehemalige EU-Kommissar Günther Oettinger gab sich die Ehre.

Die Krebsbachhalle hatte sich mit Bürgerinnen und Bürgern aller Ortsteile gefüllt. Zu Gast waren CDU-MdB Andreas Jung, Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz, ehrenamtliche Vereine und Kommunalvertreter aus Eigeltingen und Volkertshausen, zudem Landrat Zeno Danner. Fritschi freute sich, »nach viereinhalbjährigen Bemühungen« Günther Oettinger zur Neujahrsrede begrüßen zu können, EU-Kommissar in Brüssel von 2010 bis 2019, zuvor Ministerpräsident im Ländle von 2005 bis 2010. Oettinger lobte die Hegau-Bodensee-Region- »ländlich mit Charme«, zollte dem »tüchtigen, sachkundigen und anerkannten Bürgermeister« und dem »ewig jugendlich« wirkenden Andreas Jung Respekt. In seiner fulminanten Rede kam er direkt zur Sache: »Wo stehen wir?« Sieben gute Jahre lägen hinter uns, Steueraufkommen und Beschäftigung zeigten in Deutschland Höchstwerte.

Aktuell erlebe man jedoch eine dramatische Eintrübung mit geringerem Wachstum, wobei der Brexit, der Handelskrieg mit Trump und die Lage im Nahen Osten mit Iran, Irak und Lybien noch nicht mal berücksichtigt seien. Wachstum fände woanders statt, so in Canada, Korea, der Schweiz und in den USA. Aufträge in der Ländle-Autobranche und im Maschinenbau seien schon rückläufig, »bis 20 Prozent«.
Oettinger schlug einen weiten, detailkundigen Bogen über unsere weltweite Entwicklung bis 2050, er sah China auf dem Weg zur Nummer Eins, Asien und den Pazifikraum insgesamt in der Überhand gegenüber den USA und Europa. »Die Welt wird neu vermessen, andere bestimmen die Tagesordnung«, so Oettinger, »Europa steckt in einer Sandwich-Position – wir müssen aber die Nummer Drei bleiben, uns überhaupt als Weltmacht begreifen, die Regeln mitbestimmen und für unser Weltbild, für Demokratie, Menschenrechte und Klimaschutz kämpfen«.

Europa müsse auch mehr mit seinen Nachbarn reden, denn »das Mittelmeer ist der Bodensee Europas«, wo es gelte, Hungersnot bei den Anrainern zu lindern, »Obdach, Wasser und Bildung« zu ermöglichen, um Massenflucht bei instabilen Nachbarn zu verhindern – »ein Urlaub in Tunis reicht dafür nicht aus«. Oettinger erinnerte daran: »Die ärmste Region Europas um 1820 war Baden-Württemberg – Hunger und Armut führten zu massenhafter Auswanderung donauabwärts und nach Amerika.« Heute seien wir wirtschaftlich stark, fielen aber zurück – unter dem Weihnachtsbaum lägen zunehmend Produkte, »Wertschöpfung Deutschland: Null«.
Nur fünf der größten 100 Unternehmen weltweit kämen aus Europa, nur noch zwei aus Deutschland – und selbst VW als größer Autohersteller der Welt »wird dort rausfliegen«, so Oettinger: »Die hier beheimatete Autoindustrie ist in Lebensgefahr«, denn batteriegetriebene Autos bräuchten keine traditionelle Wertschöpfungskette mehr. Er warnte vor Selbstzufriedenheit und Trägheit, auch bei der Digitalisierung: »Wir brauchen 100 Prozent Abdeckung, ohne Funklöcher«. Es gelte insgesamt, neue Stärken zu entwickeln, weltoffen zu sein, Bildung und Forschung weiter stärker voranzutreiben, denn »keine andere Weltregion forscht mehr als wir in Baden-Württemberg«. Er vertraue dabei auf unsere »tüchtigen Menschen und deren gute Ausbildung« als Chance, ein starker Motor zu bleiben zum Nutzen unsere Kinder und Enkel – wofür es starken Beifall vom beeindruckten Publikum gab.

Alois Fritschi ließ 2019 Revue passieren und blickte auf Vorhaben für 2020 – darunter eine Tankstelle mit Waschanlage. An die Eigeltinger appellierte er: »Kaufet hier«, um lokalen Handel und Gewerbe zu unterstützen. Er sei glücklich über die Weiterführung der modernisierten Zahnarztpraxis und der geplanten ärztlichen Zweigstelle von Dr. Kaufmann.

Wochenblatt Redakteur @: Marius Lechler