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»Einmal Tabak, immer Tabak!«

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Karl-Heinz Messmer im Tabaklager im Keller seiner Cigarrenmanufaktur in Watterdingen

Karl-Heinz Messmer stellt in Watterdingen Zigarren und Zigarillos her

Der Duft seines Lebens ist unerwartet aromatisch, sinnlich und umschmeichelt das Riechorgan in angenehm intensiver Art und Weise. Wer diesen Geruch wahrnimmt, kann einfach nicht anders: Er muss einmal ganz tief einatmen, vielleicht kurz die Luft anhalten und dann langsam wieder ausatmen. Genießen. Entspannen. Inhalieren eben! Und Letzteres ist auch genau das, was man mit der Ursache dieser sinnlichen Nasen-Verführung verbinden würde. Denn die Rede ist hier von den Blättern der Tabakpflanze.

Geradezu durch und durch infiltriert von diesem Duft ist Karl-Heinz Messmer, Inhaber der »Messmer Cigarrenmanufaktur«, die offiziell den Namen Georg & Otto Kruse GmbH trägt. Schon beim ersten Schritt in die Gebäude der Firma strömt dem Besucher das verführerische Aroma entgegen. Seine volle Pracht entfaltet der Duft dann in Karl-Heinz Messmers »Schatzkammer« im Keller des Unternehmens. Denn dort lagern unzählige Tabakblätter aus Sumatra, Java oder Brasilien, die auf ihre Verarbeitung zu Deckblättern warten, sowie Rohtabak für die Einlage der Zigarren und Zigarillos.

Es macht unheimlich Spaß, mit Karl-Heinz Messmer durch seinen Betrieb zu gehen. Natürlich auch deshalb, weil die Verarbeitung von Tabak zu Zigarren und Zigarillos eine spannende Sache ist. Aber vor allem auch, weil es unheimlich schön ist, jemandem zu begegnen, der seinen Beruf mit jeder Faser seines Körpers liebt und lebt. Da spielt selbst ein überzeugter Nichtraucher plötzlich mit dem Gedanken, sich der Versuchung des Tabaks ausnahmsweise einmal hinzugeben. Plötzlich kann man nur zu gut nachvollziehen, wenn Messmer sagt: »Einmal Tabak, immer Tabak.« Dabei hatte ausgerechnet er, der die Geschicke der Firma seit über 37 Jahren lenkt, mit Tabak ursprünglich nicht so wahnsinnig viel am Hut – und das, obwohl sein Vater Walter Messmer sein Leben ganz früh in den Dienst der langstieligen Genussmittel gestellt hatte. Vor dem Zweiten Weltkrieg lernte Messmer Senior bei der Firma »Kautz und Companie« 1939 das Zigarren-machen von der Pike auf. Nach dem Krieg avancierte er bei der 1949 gegründeten Firma Blauband in seinem Heimatdorf Watterdingen zuerst zum Obermeister und dann zum Betriebsleiter. Im Jahr 1965 rettete Walter Messmer dann das Mannheimer Unternehmen »Georg & Otto Kruse« aus dem Konkurs und produzierte fortan in Hugstetten bei Freiburg. Vier Jahre später verlagerte er dann sowohl den Sitz des Unternehmens als auch die Produktion in sein umgebautes Elternhaus. Immer mit dabei: Messmers Ehefrau Genoveva.

Tabak? Nein, danke!

Während der Jahre, in denen seine Eltern den Betrieb in Watterdingen aufbauten, war der junge Karl-Heinz Messmer Schüler im Internat in Gaienhofen. Dort gönnte sich der passionierte Sportler und Fußballfan – sein Herz schlägt natürlich für die SG Tengen-Watterdingen und den SC Freiburg – zwar hin und wieder mal einen tiefen Zug. »Einmal habe ich bei meinem Vater so eine uralte, große Kiste mit Zigarren gefunden«, erzählt er schelmisch grinsend. Letztere habe er dann genüsslich mit seinen Schulkameraden geraucht. »Die waren noch einwandfrei!« Doch ein Leben für den Tabak? Nein, danke. Er hatte andere Pläne. Ihn zog es nach Freiburg, wo er Volkswirtschaftslehre studierte und nebenher in einem Versicherungsunternehmen als Vertreter jobbte. Und in genau dieser Branche wollte er Fuß fassen. Für ihn war deshalb klar, als er nach dem Studium zu seinen Eltern zurückkehrte: Das wird nur ein kleines Intermezzo. Der gewiefte Verkäufer wollte seinem Vater im Außendienst ein bisschen unter die Arme greifen, ihm »ein paar Kunden« beschaffen,wie er sagt. Doch dann ließ derTabak ihn nicht mehr los – und er blieb. Das Zünglein an der Waage war bei dieser Entscheidung seine große Liebe, seine Frau Ingrid, die sich dazu entschloss, ihm nach Watterdingen zu folgen.

Von nun an arbeiteten die unterschiedlichen Generationen im Hause Messmer Hand in Hand zusammen. Und der Juniorchef erwies sich als wahrhaft gute Partie für den Familienbetrieb: Er beherrschte nicht nur im Vertrieb sein Handwerk äußerst geschickt, sondern beschritt auch mit Mut neue, innovative Wege – die zum langfristigen Erfolg der Firma und ihrem Bestehen auf einem hartumkämpften Markt führten. Denn Erfindergeist war damals wichtig: Die Zigarette eroberte den Markt, und die Zigarren und Zigarillos bekamen durch die schnell und einfach zu rauchende Alternative ernstzunehmende Konkurrenz. Viele Firmen setzten als Antwort darauf auf günstige Masse statt Klasse. Die Firma Blauband überlebte diesen Preiskampf nicht, sie musste ihre Pforten 1976 schließen. Doch Messmers Cigarrenmanufaktur blieb bestehen. Und mehr noch als das: Das Unternehmen begann Anfang der 80-er Jahre zu florieren wie nie zuvor. Was war Messmers Geheimnis? Ganz einfach: Karl-Heinz Messmer und sein Vater setzten nicht auf günstige Mischungen, sondern auf exquisite, ausgewählte Tabake aus allen Regionen der Erde.

Eine bahnbrechende Idee

Zudem hatte Karl-Heinz Messmer eine wahrhaft zündende Idee: Er begann, Pfeifentabake mit Vanillearoma in seine Zigarillos zu mischen. »Die haben mich alle für verrückt erklärt!«, erinnert er sich lachend. Nur einige wenige glaubten an ihn – darunter der renommierte Tabakwaren-Großhändler Peter Heinrichs aus Köln. Und siehe da: Seine Idee hatte einen durchschlagenden Erfolg. Jeder wollte auf einmal seine aromatisierten Zigarillos haben! »Zu Spitzenzeiten hatten wir vier bis sechs Wochen Lieferzeit«, erzählt Karl-Heinz Messmer.

Und so vergrößerte sich der Betrieb - auch in räumlicher Hinsicht. In den 90-er Jahren wurde die Produktionshalle in ihrer heutigen Form errichtet. Darin fertigen die Messmers alles selbst an – selbst die Holzkästchen, in denen die Zigarren verschickt werden. Nur das Großlager befindet sich in Bremen, im Keller der Manufaktur in Watterdingen lagert lediglich der Teil des Tabaks, der in den nächsten Wochen verarbeitet wird. Die zweite harte Bewährungsprobe für das Unternehmen kam dann mit der zunehmenden Nichtraucher-Kampagne Mitte der 2000-er Jahre. Die Tabakpreise stiegen, in den Ländern wurden Rauchverbote erlassen, die gesetzlichen Auflagen verschärften sich. Wenn er daran denkt, bekommen selbst die gutmütigen Augen des Firmenchefs einen etwas schärferen Blick. »Die hohe Politik wirft uns ständig irgendwelche Prügel zwischen die Beine«, findet Messmer klare Worte. Doch zusammen mit seiner Frau und seinem Vater, der bis ins hohe Alter im Betrieb mitarbeitete, gab er nicht auf und begriff den Wandel auch als Chance – und das zahlte sich aus!

Mittlerweile stellt das Unternehmen jährlich sage und schreibe fünf Millionen edle Zigarren und Zigarillos her, die dann deutschlandweit an den Fachhandel geliefert werden. Im gesamten Bundesgebiet gibt es nur noch acht Zigarrenmanufakturen, fünf davon sind kleine Familienbetriebe, so wie die Firma von Karl-Heinz Messmer, die nach dessen Angaben der viertgrößte Hersteller des Genussmittels in Deutschland ist.

Volle Auftragsbücher

Besonders im Sommer ist Stress angesagt, denn die Auftragsbücher der Firma sind voll, und im Gegensatz zu früher läuft das Hauptgeschäft jetzt in der warmen Jahreszeit: »Das kommt durch die vielen Rauchverbote«, erklärt Messmer. Früher hätten die Leute gerne drinnen gemütlich geraucht, wenn es draußen kalt war. Nun, da das durch das Rauchverbot nicht mehr gehe, würden sich die Leute eher im Sommer an der frischen Luft eine Prise Nikotin genehmigen. Ein ganz entscheidender Faktor von Messmers Bestand auf dem Markt ist natürlich sein unternehmerisches Geschick. Doch nicht nur.  Eine wichtige Rolle spielt, dass Messmers ganzes Herzblut in der Firma steckt. Er lebt für das Unternehmen und liebt es: »Ich bin rettungslos verliebt in diesen Laden!«, bekräftigt er. Und das merkt man letztendlich auch an Geschichten wie diesen: Seinen 50. Geburtstag verbrachte Karl-Heinz Messmer den ganzen Tag über bei gefühlter 40 Grad Hitze, nur mit blauer Sporthose bekleidet, in der Siegelwerkstatt des Betriebes, da einer seiner Mitarbeiter erkrankt war. Irgendwann habe dann ein Gratulant »abends mit einem Blumenstrauß gegen das Fenster geklopft und gefragt, ob er sich im Termin geirrt hat«, erzählt Messmer lachend und ruft: »Mein Beruf nimmt halt keine Rücksicht auf meinen Geburtstag!

«Ja, die Anekdoten und Geschichten: Karl-Heinz Messmer hat unzählige von ihnen auf Lager. Ob er schon mal daran gedacht hat, ein Buch zu schreiben? »Wenn ich Zeit habe« antwortet Messmer mit einem leichten Schmunzeln um die Lippen – wohl wissend, dass Zeit etwas ist, das er nicht gerade im Überfluss hat. Und wenn, verbringt er sie gerne mal nicht mit Arbeit, sondern mit seiner Familie.

Ob er mal daran gedacht hat, bald in Rente zu gehen und seinen Betrieb in die Hände seines Sohnes Thomas zu geben, der technischer Informatiker ist? »Ich bin doch noch jung und agil genug!«, ruft er daraufhin, und aus seinen Augen blitzt der Schalk. Dieser entwaffnende Humor, dieses Funkeln in den Augen und natürlich dieser Duft in der Luft: Es ist genau das, was nach dem Besuch bei Karl-Heinz Messmer am deutlichsten im Kopf hängen bleibt. Genau so stellt man sich jemanden vor, der seine Berufung gefunden hat und sie zum Beruf gemacht hat.

Nicole Raba

Wochenblatt Redakteur @: Nicole Rabanser

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