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"Einzelhändler sterben leise"

Weggler
Ein Anblick, auf den man derzeit verzichten muss: Frühling in den Gewächshäusern der Gärtnereien. Die Folgen werden gravierend sein. swb-Bild: of/Archiv

Ein Leserbrief aus der Gärtnerei Weggler in Singen

Singen. Über die aktuellen Unterschiede im Lockdown zwischen den Sparten des Einzelhandels macht sich Sabine Seidl für den Gartenbaubetrieb Weggler in einem Leserbrief Gedanken:

"Der leise Tod. "Wir befinden uns alle mitten in der Coronakrise. Die Geschäfte und Gastronomie sind geschlossen, wir bleiben Zuhause und schränken uns in allen Bereichen ein. So sollte es zumindest sein, um eine Chance zu haben, das Virus in den Griff zu bekommen.

Ist das wirklich so?

Am Samstag Nachmittag in den Supermärkten ist die Welt in Ordnung. Am Eingang wird man von containerweise blühenden Blumen und Pflanzen empfangen, im Angebot sind Sportartikel und bequeme Kleidung, Jeans, Büroausstattung mit Notebooks, Lampen, Bürostühlen und allem was man für das Homeoffice so brauchen kann. Bettwäsche, Handtücher, Kuscheldecken, Teppiche machen die Wohnung gemütlich. Bürobedarf, Schreibtischleuchten, Kinderbücher, Schuhe, Taschen, Smartphonezubehör, alles was das Herz begehrt. Und an der Kasse nehmen wir dann noch Blumen mit. Wir stehen an 2 Kassen zu zehnt an, endlich trifft man mal wieder andere Menschen, man geht ja ein, allein Zuhause.

Ach ja, Lebensmittel gibt es auch, deshalb dürfen sie geöffnet haben.

Was man hier nicht bekommt, ist gleich danach über Amazon & Co bestellt, wahrscheinlich Deutschlands größte Steuerzahler. Alle sind gleich, nur manche sind gleicher.

Ich will diese Tatsachen nicht verteufeln, aber einfach mal einige Dinge ins Gedächtnis rufen.

Da ist die Gärtnerei, das Einrichtungshaus, der Modeladen um die Ecke, das Sportgeschäft, der Schuhladen, die Geschenkeboutique, der Spielzeugladen, das Elektrogeschäft, der Heimwerkerladen, die Parfümerie, der Friseur, die Restaurants, einfach der komplette Einzelhandel. Inhabergeführt mit viel Einsatz und Leidenschaft. All die würden sicher auch gerne ihre Waren verkaufen, mit Hygienekonzepten und Abstand, und ihre Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken müssen

Was viele übersehen ist, dass all die Artikel, die in den Einzelhandelsgeschäften verkauft werden, eine Orderzeit haben, das heißt die Geschäfte haben nach der letzten Saison vor der Coronakrise geordert und bekommen jetzt ihre Waren, die auch bezahlt werden müssen bzw. bereits in Vorkasse abgebucht wurden.  Das war schon im letzten März so, vor Weihnachten und auch jetzt im neuen Frühjahr wieder.

Zum Glück dürfen wir jetzt Click & Collect anbieten, Zauberwort Abholung, viele haben einen neuen Onlineshop oder sind auf vielfältige Weise aktiv um ihre Waren zu verkaufen. Nutzen Sie diese Angebote! Unterstützen Sie ihre Läden vor Ort! Denken Sie bei jedem Einkauf von Nonfood-Artikeln an ihre Händler vor Ort, geben Sie Ihnen eine Zukunftschance!

Die Geschäfte werden nicht laut schreiend untergehen mit Pauken und Trompeten, es wird ein leiser Tod werden, viele werden einfach nicht mehr öffnen, die Läden bleiben dunkel. Die Vielfalt wird weniger werden, das Einkaufserlebnis sehr überschaubar, Arbeits- und Ausbildungsplätze verschwinden.

Die Hoffnung ist, dass es bald besser wird, die Infektionszahlen sinken, die Impfstrategie erfolgreich ist und wir lernen mit Corona zu leben, denn verschwinden wird es nicht. Dann war das Alles nicht umsonst und  Unternehmer sind zäh.

Wir haben es alle in der Hand, ob es auch nach der Krise einen vielfältigen Einzelhandel gibt, oder ob wir uns nach wöchentlichen Angeboten einrichten und kleiden mit Dingen, die billigst in Masse eingekauft wurden.

Nutzen wir die Abhol- und Lieferangebote der Einzelhändler, geben wir der Zukunft eine faire Chance! Persönliche Beratung, familiäre Atmosphäre, schöne Läden, Einkaufserlebnis, die Fachleute vom Fachgeschäft, das ist es doch wert!

Manchmal stelle ich mir vor, wenn Alles vorbei ist, darf der Lebensmitteleinzelhandel eine so lange Zeit ausschließlich Lebensmittel verkaufen, wie die Einzelhändler im Lockdown waren. Mit 2 Tagen Vorlaufzeit. Ein charmanter Gedanke..."

Sabine Seidl, 1A Garten Weggler Singen

 

 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler


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