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Flexible ÖPNV-Angebote für mehr Akzeptanz

| Ute Mucha | Schlagzeilen
Nahverkehr
Von Tengen über Engen nach Singen dauert es mit dem Bus knapp 50 Minuten, von entlegeneren Ortsteilen natürlich länger. swb-Bild: Routenplaner Falk

Nahverkehr auf dem Land hat sich verbessert, aber es gibt noch immer Luft nach oben

Landkreis Konstanz. Ein funktionierender Nahverkehr, eine gesicherte ärztliche Versorgung und gut erreichbare Einkaufsmöglichkeiten sind zentrale Elemente für die Lebensqualität und die Attraktivität im ländlichen Raum. Ihre Aufrechterhaltung stellt manche Gemeinden auch hinsichtlich des demografischen Wandels vor Herausforderungen.

Denn der Supermarkt liegt oft auf der grünen Wiese, Post- und Bankstellen sowie Arztpraxen und Apotheken sind lediglich in den Kernorten angesiedelt. In den abgelegenen Ortsteilen ist für die Mobilität ein eigener Pkw fast unverzichtbar. Dies bedeutet vor allem für ältere und gehbehinderte Menschen einen Unterstützungsbedarf, um alltägliche Aufgaben erledigen zu können. Zwar hat sich der öffentliche Nahverkehr in den letzten Jahren positiv entwickelt und soll nach Willen des Landes weiter verbessert werden, um die angestrebte Verkehrswende umzusetzen, doch ob das umsetzbar ist, bleibt offen. Im Landkreis Konstanz ist die Stadt Tengen nahe der Schweizer Grenze mit einer Fläche von über 60 Quadratkilometern, acht Teilorten und zahlreichen Weilern ein Paradebeispiel für das Leben im ländlichen Raum. Eine Fahrt von Tengen nach Singen dauert knapp 50 Minuten, aus den abgelegenen Teilorten Wiechs am Randen oder Uttenhofen noch länger. Doch insgesamt, so Bürgermeister Marian Schreier, habe sich der Nahverkehr durch die Neuausschreibung des Busverkehrs Anfang 2020 in der Stadt Tengen verbessert. Mittlerweile gibt es weitestgehend einen Stundentakt.

Gelegentlich Probleme
Im Schülerverkehr gebe es gelegentlich Probleme mit überfüllten Bussen. »Perspektivisch braucht es meines Erachtens eine weitere Verbesserung des Nahverkehrs, zum Beispiel durch eine richtige Express-Verbindung nach Singen oder autonom fahrende Kleinbusse, die auch Teilorte noch besser miteinander verbinden«, regt Schreier an.
Auch in Gailingen am Hochrhein funktioniere die ÖPNV-Anbindung nach den allgemeinen Startschwierigkeiten im Landkreis mittlerweile gut, erklärt Bürgermeister Dr. Thomas Auer. Die neue Halbstunden-Taktung von 5 bis 24 Uhr sei zu begrüßen. Probleme gebe es immer wieder mit der Umsteigesituation in Gottmadingen. Deshalb sei es ein besonderes Anliegen in Gailingen, dass auch Busse durchgängig bis nach Singen fahren, sodass gerade auch ältere Menschen dann nicht umsteigen müssen, um zum Beispiel zum Krankenhaus zu gelangen.
In Richtung Schaffhausen könnte vermutlich noch nachgebessert werden: »Überhaupt wäre eine stärkere grenzüberschreitende Koordination wünschenswert. Insbesondere fehlen grenzüberschreitende Verbund-Tarifsysteme«, so Auer.
Für die Engener Stadtteile gebe es ebenfalls eine recht gute verkehrstechnische Anbindung an die Kernstadt, erläutert Bürgermeister Johannes Moser die Situation in der Hegaustadt. Eine wesentliche Verbesserung bestehe seit Anfang letzten Jahres. Die Regionalbuslinien des Landkreises fahren seitdem größtenteils im Stundentakt – zumindest in den Hauptzeiten. Neben dem klassischen Linienverkehr gab es auch eine deutliche Ausweitung des Bedarfsverkehrs, so Moser. Die anfänglichen Probleme beim Systemwechsel Anfang 2020 seien zwischenzeitlich behoben und die Busse fahren pünktlich. »Insofern kann man feststellen, dass die Anstrengungen zum Ausbau des ÖPNV erfolgreich gewesen sind«, betont der Bürgermeister.

Innovative Lösungen
Wichtig ist, fügt Johannes Moser hinzu, dass der ÖPNV gerade im ländlichen Raum an Attraktivität und vor allem an Akzeptanz gewinne. Da das Land Baden-Württemberg den ÖPNV weiter ausbauen möchte, seien hierfür auf die jeweilige Situation maßgeschneiderte, flexible Angebote erforderlich, die aufeinander abgestimmt und bezahlbar sind. »Gerade im ländlichen Raum braucht es spezifische und innovative Mobilitätslösungen. Ich denke zum Beispiel an bedarfsorientierte Angebote wie On-Demand-Verkehre. Diese stellen die für den Außerortsverkehr zuständigen Landkreise allerdings auch vor Herausforderungen – in puncto Planbarkeit, aber natürlich auch in Sachen Finanzierungslast«, so Moser.

Eine wichtige Funktion nimmt auch eine ausreichende Nahversorgung mit Lebensmittelgeschäften, Apotheke, Post und Bank im ländlichen Raum ein. Die Schließung von Filialen in kleinen Gemeinden sorgt immer wieder für Unmut in der Bürgerschaft wie im Singener Ortsteil Bohlingen oder in Radolfzell. In der Stadt Tengen sei die Nahversorgung insgesamt aber gut. »Von Lebensmitteleinzelhandel bis Banken sind alle Angebote der Grundversorgung vorhanden. Allerdings konzentrieren sich die meisten Angebote in der Kernstadt«, fasst Marian Schreier zusammen.

Als »sehr gut« bezeichnet Thomas Auer die Nahversorgung in Gailingen aufgrund der zahlreichen Märkte im Gewerbegebiet. Allerdings sei eine fußläufige Erreichbarkeit für Menschen, die am anderen Ende des Dorfes wohnen, nicht gegeben. Deshalb wurde in Gailingen schon seit Langem ein bezuschusster Ortstarif für den ÖPNV etabliert. Und für ältere MitbürgerInnen ist auch ein Einkaufsfahrdienst im Einsatz. Ebenfalls sind eine Apotheke sowie eine Postfiliale in der Ortsmitte von Gailingen vorhanden. Zudem gibt es dort zwei Bank-Zweigstellen.
Um die ärztliche und pflegerische Versorgung in der Randenstadt sicherzustellen, wurde in Tengen über eine Genossenschaft ein Ärztehaus gebaut. Dieser Neubau durch die Ärztehaus Stadt Tengen eG sei ein wichtiger Schritt, um die haus- und zahnärztliche Versorgung in der Stadt Tengen zu sichern, betont Bürgermeister Schreier. Mit den modernen Räumlichkeiten wurden die Voraussetzungen geschaffen, um Nachfolger für die Praxen zu gewinnen. Außerdem konnte durch das Ärztehaus erstmals ein Tagespflege-Angebot in der Stadt Tengen etabliert werden.

In Gailingen ist die ärztliche Versorgung mit zwei praktizierenden Hausarztpraxen gut. Wie im gesamten ländlichen Raum erweist es sich allerdings als sehr schwierig, Nachfolger bzw. mitarbeitende Ärzte für die Praxen zu finden, gab Bürgermeister Auer zu bedenken. Aufgrund des größeren Einzugsgebiets – Büsingen hat keinen praktizierenden Hausarzt – seien beide Praxen auch sehr gut ausgelastet. Die Gemeinde hat die Hoffnung, dass es durch die Neugestaltung der Praxisräume in der Hauptstraße möglicherweise einfacher ist, einen Nachfolger zu finden. Neben einem ambulanten Pflegedienst, der in Gailingen ansässig ist, werden Pflegebedürftige auch durch die Sozialstation der Cura Caritas versorgt. »Wir haben aktuell in Gailingen ein kleines ›Pflegeheim‹, welches von den Maltesern betrieben wird. Des Weiteren gibt es zwei Einrichtungen des betreuten Wohnens. Schließlich ist auch die Errichtung eines weiteren größeren Pflegeheims in Planung«, zeigt Auer eine gute Versorgungslage in der Hochrheingemeinde auf.

Wochenblatt @: Ute Mucha

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