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Hängepartien und »rollender Wechsel«

Münchried Kinderhaus
Derzeit nur in Teilnutzung sind die Kinderhäuser der Region durch den Notbetrieb. Zum Beispiel das Kinderhaus Münchried in Singen. Ausgelegt für 124 Kinder in zwei Einrichtungen, die derzeit nur von 14 Kindern besucht werden kann. swb-Bild: of

Aufstockung auf 50 Prozent Notbetrieb in den Kinderhäusern mit vielen Unabwägbarkeiten

Region. Eigentlich waren viele Eltern kurz vor einer für sie wichtigen Entlastung, denn schon letzten Mittwoch kam die Ankündigung aus dem Stuttgarter Kultusministerium, dass die Kinderhäuser ab 18. Mai ihr Angebot der Notversorgung deutlich erhöhen dürften. Aber da wurde nichts draus, zumindest am Montag.
Denn die Details zu dieser Ankündigung, die die Mitarbeitenden in den Kinderhäusern umsetzen sollen, kamen wie fast alle Verordnungen zur Zeit der Corona-Krise sehr kurzfristig, in diesem Fall am Samstagvormittag. Schon am Freitag hatte der Engener Bürgermeister Johannes Moser als Kreisvorsitzender des Gemeindetags signalisiert, dass man diesmal nicht springen werde auf den letzten Drücker. Am Montag gaben die Gemeinden bekannt, dass sie das Aufstocken der Notversorgung auf bis zu 50 Prozent erst auf den 25. Mai anbieten könnten. Denn in vielen Punkten hat das Kultusministerium den Kommunen hier scheinbar Freiheiten gelassen, die aber für Rechtsunsicherheiten, genauso wie für Kritik an mangelnder Gestaltungsmöglichkeit sorgten.

Bundesliga vs. Kinder

Auch Landrat Zeno Danner will sich zwischenzeitlich in die aktuelle Problematik einschalten, da er die Dringlichkeit sieht, dass Kindern wieder ein soziales Miteinander gewährt wird. »Ich tue mich schwer damit, dass die Bundesliga spielt und auf der anderen Seite die Kinderhäuser für viele geschlossen bleiben«, kündigte er seine Botschaft in Richtung Landesregierung an.

Krisenmanager

In Singen musste übers Wochenende hart geackert werden, nachdem jetzt die Notbetreuung bis auf 50 Prozent der Kapazitäten der jeweiligen Kinderhäuser erweitert werden kann. Und nun kommt der Haken daran: Wird das von Eltern nicht ausgenutzt, die die Berechtigung dazu hätten, kann dann mit anderen Kindern »aufgefüllt werden«, erklärt die Singener Sozialbürgermeisterin Ute Seifried. Das Auswahlverfahren der Kinder, die nun nach über zwei Monaten wieder in den Kindergarten dürften, ist freilich anspruchsvoll. Denn der Vorzug soll nun möglichst vielen Kindern mit Förderbedarf gegeben werden, die aus Sicht von Seifried ganz dringend das soziale Miteinander im lernenden Spielen und auch den Kontakt zu den ErzieherInnen benötigen. Viele Mitarbeiterinnen der Kinderhäuser seien unterwegs gewesen um Kinder zu besuchen, Kontakt zu halten und zu schauen, wie es mit Tagesstrukturen aussieht.

Klagen befürchtet

»Wir werden damit rechnen müssen, dass Eltern, die auf den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz pochen, auch den Klageweg gehen. Immerhin war der 18. Mai eigentlich ein Stichtag zur Aufnahme weiterer Kinder gewesen. Und für die anderen Kinder, wie auch Eltern, gibt es aktuell keine Perspektive, dass die vor den Sommerferien den Kindergarten nochmals von innen sehen. Wir müssen jetzt quasi für jedes Kind eine Einzelentscheidung fällen«, so Seifried. Und das muss gerade mit Vollgas ablaufen.

Rollierendes System

Jede Gemeinde muss ihren Weg für die neue Regelung finden. In Rielasingen-Worblingen hat der Bürgermeister mit dem dortigen Jugendförderteam unter der Leitung von Jenny Frankenhauser die Variante gewählt, ein rollierendes System für Vorschulkinder anzubieten, wie er am Dienstag mitteilte. »Wir haben durch viele besetzte Plätze in der Notbetreuung nicht mehr Platz.« Das rollierende System bedeutet für Eltern freilich kaum eine Entlastung, weil sie im Wechsel mit anderen Kindern die Kinderhäuser besuchen sollen und dazwischen wieder daheim sind.

Enttäuscht von der Ministerin

Schon Ende April hatten viele Gesamtelternbeiräte aus der weiteren Region einen Brandbrief ans Kultusministerium geschickt und endlich Klarheit darüber gefordert, wie das mit der Kinderbetreuung weitergehen soll. Annika Klotz vom Singener Gesamtelternbeirat Kita zeigte sich enttäuscht. »Da wurde uns der Schwarze Peter zugeschoben«, sagt sie, denn die Auswahlkriterien für die Kinder wären schwer zu begründen und fingen schon bei der Frage an, was denn mit Geschwisterkindern passieren soll. Sie frage sich auch, wie das für die Kinder ist, die nun eigentlich im Sommer von der Krippe in die Kita kommen sollen, aber nicht in der »Auswahl« sind.
»Es ist nicht gut, wenn es nun ein Angebot für die Hälfte der Kinder gibt, aber die andere Hälfte jetzt erst mal runterfällt«, klagt sie an. Es gehe in der akutellen Zeit bei den Eltern längst nicht um Homeoffice, sondern auch darum, dass die Arbeitgeber Ausnahmeregeln nicht unbegrenzt fortsetzen, ganze Einsatzbereitschaft gefordert wird, von Kurzarbeit oder gar drohendem Arbeitsplatzverlust getroffen seien. »Warum haben Eltern mit kleinen Kindern einfach keine Lobby«, fragt sie sich weiter und meint schon eher Stuttgart damit. Hier versuche man wirklich, das Beste daraus zu machen.

Keine Perspektive auf Regelbetrieb

»Es ist noch keine Perspektive absehbar, wann wir wieder von einem Regelbetrieb sprechen können«, sagt die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Kindertagesstätten in Radolfzell, Susanne Pantel, die allerdings zum Radolfzeller Modell steht, nach dem alle Kinder in rollierenden kleinen Gruppen an verschiedenen Tagen die Einrichtungen besuchen sollen, um Kontakte zu minimieren. Die andere Perspektive wäre für sie, dass es sonst Kinder gibt, die bis zum Start in ein neues Kindergartenjahr dann sieben Monate keinen Kindergarten von innen gesehen hätten. Ihre Kritik richtet sich in diesem Fall an die Kultusministerin, die die Verantwortung der Umsetzung ganz an die Kommunen (oder auch: Leitungen) weiterleite und damit auch den »Schwarzen Peter«. Susanne Pantel sieht viele Eltern und besonders Alleinerziehende schon länger an der Belastungsgrenze. Für die Kinder wäre es zum Beispiel sinnvoll, wenn es wenigstens die Möglichkeiten zu „Außengruppen“, beispielsweise auf einem Spielplatz mit Betreuung durch Erzieherinnen, geben könnte, was wenigstens für einige Stunden ermöglicht, dass sich Kinder begegnen könnten und auch Eltern entlastet würden. Geklärt werden muss für Eltern auch bald die Frage nach einem Corona-Elterngeld. »Eltern wird derzeit vermittelt, dass sie alles alleine irgendwie stemmen müssen, während große Konzerne mit Milliarden unterstützt werden«, so Pantel.

Zwei Seiten der Medaille

Prof. Sonja Perren, die grenzüberschreitend frühkindliche Bildung für die PH Kreuzlingen und die Uni Konstanz vermittelt und die auch beim politischen Aschermittwoch des WOCHENBLATTs auf dem Podium saß, sieht zwei Seiten der Medaille. Einerseits gebe es Rückmeldungen, dass auch Kinder die neue Nähe zu ihren Eltern genossen hätten. Sie meint auch, dass Kinder in diesem Alter schnell viel aufholen könnten, was ihnen nun entgagen sein könnte. Haarig werde es aber schnell für die Kinder, die auf außerfamiliäre Unterstützung angewiesen sind und vor allem für die Kinder, die Deutsch lernen sollten, was ihnen in ihrer Familie nicht vermittelt werde.
Und sie kann bewerten: »In der Schweiz hat die Kinderbetreuung, die dort auch der Schulpflicht unterliegt, auf einen Schlag vor zwei Wochen geöffnet, was zwei Wochen zuvor angekündigt wurde«.

Auf Versetzung verzichten

Was die lange Pause in den Schulen für die jüngeren Schüler an Folgen hat, zeichnet sich gerade erst ab. Singens Bürgermeisterin Ute Seifried hat von den SchulleiterInnen schon die Rückmeldung erhalten, dass es ungewöhnlich viele Anfragen von Eltern in der Richtung gebe, dass Kinder das Schuljahr freiwillig wiederholen sollten. Das würde ihnen auch ein Jahr voller Mißerfolge ersparen, sieht Seifried.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler