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Heizpilze und Decken für Freiluft-Gastronomie bis Weihnachten?

Bundesweit wird derzeit die Diskussion geführt, ob sich mit Heizpilzen die Freiluft-Saison verlängern ließe. In vielen Städten sind die wegen ihrer Kklimaschädlichen Wirkung verboten auf öffentlichem Grund. swb-Bild: Archiv

Saisonverlängerung im Freien soll das Loch des Lochdown noch etwas abmildern

Kreis Konstanz. Derzeit ist unsere Region geprägt von jeder Menge Gastronomie im Freien und das kommt bei den Kunden angesichts der aktuellen Corona-Verunsicherungen sehr gut an. Wenn auch dieser Sommer eine Ausnahmeerscheinung, und viele Menschen ihren Urlaub am See und im Hegau statt im unsicheren Ausland verbringen, so neigt sich diese Zeit doch dem Ende zu und die Frage ist, wie die Gastronomie über den Winter kommt.
In ganz Deutschland ist die »Heizpilz«-Diskussion entbrannt. Die Gasbrenner sind freilich in vielen Städten untersagt: zum Beispiel in Singen, wie Ordnungsamtsleiter Marcus Berger unterstreicht. Doch das hätten manche gern anders. Zum Beipsiel Sami Nesiri vom »Chez Léon«, der an der Fußgängerzone August-Ruf-Straße eine große Außengastronomie betreibt. Er will bei der Stadt einen Antrag stellen, diese Außengastronomie mindestens bis Weihnachten nutzen zu können, und auch mit Heizquellen den Komfort erhöhen.
»Es gab in den letzten Jahren schon Weihnachtsfeste mit 15 Grad Wärme, da kann man auch noch draußen sitzen, sagt er. Allerdings: dazu bräuchte es einen Beschluss des Gemeinderats, vertritt das Ordnungsamt. Die Nutzung der Außengastronomie auf öffentlichen Grund läuft zum 31. Oktober traditionell aus. Da würde die Zeit drängen. Die Erfahrung von Sami Nesiri deckt sich mit der vieler Gastronomen in diesem Corona-Sommer: draußen haben die Gäste gute Laune, wenn das Wetter schlecht ist und man rein sollte, ist die Zurückhaltung stark spürbar. »Die Gäste bleiben dann auch viel kürzer«, ist nicht nur die Erfahrung im Chez Leon.

Effektivität wird angezweifelt

 n Stockach seien Heizpilze indes nicht verboten, sagt Baurechts- und Ordnungsamtsleiter Peter Fritschi im Gespräch mit dem WOCHENBLATT. »Allerdings sind Heizpilze, gerade aus ökologischer Sicht, sehr umstritten«, weiß er. Und: »wir halten gerade in Bezug auf die kalten Wintermonate Heizpilze nicht für die optimale Lösung«, so Fritschi. Man müsse hier auch erst einmal die Flächenwirkung eines Heizpilzes prüfen. Wenn ein Gerät beispielsweise nur zwei Personen wärmt wegen des Abstandsgebots, stünden die Kosten für den Wirt in keinem Verhältnis zum Nutzen.

In Radolfzell gibt es kein grundsätzliches Verbot von Heizpilzen. »Natürlich haben wir ein solches Verbot als Umweltstadt auch in Gesprächen mit »Fridays for Future« bereits erwogen und prüfen derzeit die Umsetzung. Aufgrund der aktuellen coronabedingten Situation, die die Gastronomie stark getroffen hat, ist das Verbot der Heizstrahler aber nicht für die aktuelle Herbst-Winter-Saison angedacht«, erklärt Nicole Stadach von der städtischen Pressestelle auf Nachfrage des WOCHENBLATTs.

In Radolfzell kann man übrigens eine Nutzung der Außenflächen schon immer fürs ganze Jahr beantragen, weil die Stadt mehr vom Tourismus geprägt ist. Alle Städte hatten den Gastronomen ja die Vergrößerung ihrer Außenflächen ohne Mehrkosten ermöglicht.

Nebenräume reaktiviert

Für Egbert Tribelhorn von der »Sonne« in Wiechs, inzwischen mit einem »Bib Gourmand« dekoriert, war es auch der Garten des Restaurants, der den Sommer rettete. Denn: »Wir haben aus unserer schon kleinen Gaststube mehr als ein Drittel der Tische nehmen müssen, gerade mal gut 20 Gäste dürften rein. »Heizpilze oder ähnliches machen keine Stimmung für ein gutes Essen«, sagt er. Deshalb will er nun auf den alten Saal des Gasthauses setzen, der sonst nur selten genutzt wird um mehr Kapazität zu haben. »Die drei Monate Schließung holen wir trotzdem nicht mehr rein.«

»Die Außengastronomie ist sehr wichtig für uns«, erklärt Florian Repnik, Inhaber des Restaurants »Einkehr am Gleis« in Markelfingen. Für die Abstände musste der Innenbereich um 50 Prozent geräumt werden. Aber eine Erfahrung auf der anderen Seite: bei schlechtem Wetter blieben bislang wenige Gäste weg. Wir hoffen jetzt erst mal auf einen warmen und langen Herbst, damit wir noch lange draußen bleiben können«, sagt er. »Und ich hoffe, dass uns unsere Gäste auch in dieser Zeit weiter so super unterstützen«, so Repnik weiter.

Steuer sollte unten bleiben

 

Auch Gerhard Linder, Betreiber des Landgasthofs Hindelwanger Adler, befürchtet im Winter einen Rückgang der Gästezahlen. »Derzeit macht die Außengastronomie noch 50 Prozent der Gesamtumsätze aus und hat damit einen hohen Stellenwert für uns«, wie er auf Nachfrage des WOCHENBLATTs verriet. Von den auch laufenden Diskussionen über weitere Staatshilfen hält er genau wie sein Kollege Repnik nicht viel: Die Staatshilfen würden im Nu verpuffen. Und was ist, wenn die Mehrwertsteuer zum Jahreswechsel wieder angehoben würde? Sie stehen hinter der Forderung des Verbands, dass die Mehrwertsteuer unten bleiben müsse - das gebe der Branche wirklich mehr Luft zum überleben.

Decken und Glühwein

Ziemlich hart hatte es das »Cafe Horizont« beim Hospiz in Singen getroffen. Eine Woche nach der Eröffnung kam der Lockdown. Und durch die Cano-Baustelle ist der Außenbereich derzeit auch noch eingeschränkt und wird es durch Straßenbaumaßnahmen auch nächstes Jahr noch sein. Wir sind gerade am Sammeln von Ideen für den Winter, der nicht leicht wird, so Leiter Michael Hug. »Heizpilze passen gar nicht zu uns, deshalb wären für den Winter Stehtische mit Glühwein oder Fruchtpunsch eine Alternative für draußen, denn da könnte man den Mantel ja anlassen.«

Fakten in Zahlen

Der DEHOGA Bundes verband forderte in der letzten Woche nochmals  Verbesserungen bei den Überbrückungshilfen.
Die Lage im Bereich des Gastgewerbes ist trotz gut gefüllter Außenbereiche immer noch kritisch – die Branche verzeichne seit Anfang März nach zehn Jahren des Wachstums »Umsatzverluste historischen Ausmaßes«. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA Bundesverband).

61,6 Prozent

der gastgewerblichen Unternehmer bangen laut der bundesweiten Umfrage um ihre Existenz. Aufgrund der geltenden Abstandsgebote könne die Kapazität nicht vollumfänglich ausgeschöpft werden. Daher seien die Betriebe meilenweit von Normalumsätzen entfernt.

17,6  Milliarden Euro

beträgt der Umsatzverlust für die Monate März bis Juni. Laut der Umfrage meldeten die Betriebe Einbußen von 55,8 Prozent für die Monate März bis August. Die Betriebe würden bezogen auf das gesamte Jahr mit Verlusten von 50 Prozent rechnen.

1 Million

Beschäftigte, das entspricht über 90 Prozent der Arbeiter aus diesem Bereich, waren zum Höhepunkt der Krise im April zur Kurzarbeit angemeldet. Dabei erweise sich die Kurzarbeit als »wertvolles arbeitsmarktpolitisches Instrument«, um Mitarbeiter nicht entlassen zu müssen. Daher begrüßt der DEHOGA die Entscheidung zur Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bis zum 31. Dezember 2021. Der Verband sieht weiterhin Überbrückungshilfen als notwendig an.

64,9 Prozent

der Betriebe gaben in der Umfrage an, dass die bisher von Bund und Ländern angebotenen Liquiditätshilfen und Kreditprogramme nicht ausreichten, um die Krise zu bewältigen. Beklagt wurden von den Unternehmen unter anderem die verspätete Auszahlung, der nicht ausreichende Umfang der Zuschüsse und die Anrechnung der Soforthilfe. Der DEHOGA begrüßte die Entscheidung, die Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants zu senken und forderte die Entfristung der Mehrwertsteuersenkung mit Einbeziehung der (alkoholfreien) Getränke. Zusätzlich sieht der Verband Handlungsbedarf im Miet- und Pachtrecht.
Mehr: www.dehoga-bundesverband.de

 

 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler