- Anzeige -

In die Zukunft investieren

Netzhammer
Pius (li.) und Johannes Netzhammer (re.) stehen für zwei Generationen eines traditionsreichen Familienunternehmens. swb-Bild: pr

Pius und Johannes Netzhammer im Interview mit dem Wochenblatt

Singen. Im letzten Jahr musste die Feier zum 50-jährige Jubiläum der Firma Netzhammer coronabedingt ausfallen, dieses Jahr konnte der Spatenstich für einen Erweiterungsbau in Singen nur in kleinstem Rahmen stattfinden. Im Gespräch mit dem Wochenblatt berichten mit Pius und Johannes Netzhammer gleich zwei Generationen des Familienunternehmens, wie es ihnen und ihren Kunden aus der Gastronomie in der Krise geht und was ihnen den Mut für eine so große Investition in die Zukunft macht.

Wochenblatt: Man hat in den letzten Monaten viel von den Schwierigkeiten mitbekommen, die die Gastronomie- und Hotelbranche hat. Diese zählen ja zu Ihren Hauptkunden. Welchen Einfluss hatte das auf Ihr Geschäft?
Johannes Netzhammer: »Auch bei uns fehlt durch die Schließungen in diesen Bereichen ein großer Teil des Umsatzes. Neben allem, was in der Küche benötigt wird, beliefern wir die Gastronomie ja auch mit allem, was beweglich ist, also Gläser, Teller und Besteck zum Beispiel, und das steht seit sechs Monaten komplett. Auch im Frische-Bereich spüren wir einen deutlichen Rückgang. In der Lebensmittelindustrie ist viel durch langfristige Verträge abgedeckt. Wir verkaufen zum Beispiel Rindfleisch aus Südamerika und das hat einen großen Vorlauf, weil es drei bis vier Wochen mit dem Schiff nach Europa braucht. Vor dem Hintergrund, dass eine längerfristige Planung im Moment einfach nicht möglich ist, ist das sehr schwierig.«

Wochenblatt: Mussten Sie auch Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken?
Pius Netzhammer: »Letztes Jahr hat uns ein Kollegen-Betrieb aus Rügen am 12. März darüber informiert, wie er die Kurzarbeit plant. Da dachte ich noch Ohje, der muss wirklich Probleme haben. Für uns war so etwas gar nie denkbar. Aber eine Woche später waren wir in der gleichen Situation. Wir haben dann bis Juni Kurzarbeit im Unternehmen gehabt und wir haben auch jetzt wieder seit November Kurzarbeit. Man muss dazu sagen, dass wir letztes Jahr durch den außerordentlich schönen Sommer doch noch ein gutes Wirtschaftsjahr hatten. Durch den deutlich längeren Lockdown dieses Jahr ist die Lage insgesamt aber schwieriger.«

Wochenblatt: Was ist für Sie das Problematischste an der aktuellen Situation?
Pius Netzhammer: »Die Gastronomie hat aktuell das Problem, dass die Mitarbeiter sich andere Jobs suchen. Das ist ein großes Problem, denn wenn es wieder losgeht, werden diese Leute fehlen. Ein großes Problem ist zudem, dass es für die jungen Menschen, die gerade in Ausbildung sind, ein verlorenes Lehrjahr ist. Auch deshalb ist mir nicht ganz verständlich, warum in Europa alle um uns herum zumindest Öffnungskonzepte haben, aber wir noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen.«

Johannes Netzhammer: »Dazu muss man auch sehen, dass wir jetzt seit sechs Monaten im Lockdown sind. Wenn die Politik beschließen würde, es darf ab nächster Woche geöffnet werden, dann hätten viele ein großes Problem, weil gerade die Produzenten sehr viel weniger herstellen. Auch wir haben unsere Lagerbestände reduziert, um zu vermeiden, dass Ware schlecht wird. Das war beim ersten Lockdown, der nur zwei Monate gedauert hat, anders. Jetzt bräuchte es einfach ein bisschen mehr Vorlauf, ähnlich wie es Österreich jetzt macht, zu sagen in drei Wochen darf es Öffnungen geben, damit die Produktionsketten wieder anlaufen können. Es bräuchte also auf jeden Fall eine langfristige Perspektive, auch um den Gastronomen wieder Zeit zu geben um Mitarbeiter zurück zu holen.«

Wochenblatt: Sie stehen ja in engem Kontakt zu vielen Gastronomen. Haben Sie die Sorge, dass da einige auf der Strecke bleiben durch diesen langen Lockdown?
Pius Netzhammer: »Es gibt durchaus einige ältere Gastronomen, die ihre Lokale sonst noch zwei bis drei Jahre länger betrieben hätten, die jetzt aber dann gar nicht mehr aufmachen. Wer letztendlich vielleicht auf der Strecke bleibt, wird sich aber erst noch zeigen. Es wurde zwar viel versucht um mit Überbrückungshilfen zu unterstützen, aber im Moment kommt einfach auch noch ein psychologisches Problem dazu. Wenn jemand ein halbes Jahr lang nicht im Beruf ist, dann ist das problematisch. Da wird im Moment einiges kaputt gemacht, was mit Geld nicht zu beheben ist.«
Johannes Netzhammer: »Die fehlende Perspektive ist einfach ein ganz großes Problem. Anfang März gab es mal diesen Stufenplan für Lockerungen, der dann zwar auf der ersten Stufe stehen geblieben ist, aber da haben wir gemerkt, dass viele unserer Kunden neue Hoffnung geschöpft haben. Die ersten haben sich schon wieder auf Öffnungen vorbereitet und ihre Lagerbestände aufgestockt. Das ist aktuell gar nicht der Fall. Auch in der Bundesnotbremse ist die Gastronomie nur als geschlossen erwähnt. Das ist in keinster Weise ein respektvoller Umgang mit den Gastronomen. Jeder versteht, wie schwierig es ist, in dieser Situation langfristig zu planen, aber es wird nie gesagt unter welchen Bedingungen überhaupt wieder Öffnungen möglich sind. Das ist sicher mit ein Hauptgrund für diese Resignation.«

Wochenblatt: Wo wir grade über das Thema Vorausplanung sprechen: Das ist sicher nicht einfach, wenn man es mit Lebensmitteln zu tun hat, die ja irgendwann auch ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten, oder?
Pius Netzhammer: »Ja, gerade Portionsware wie Kaffeesahne ist fünf bis sechs Monate haltbar. Jetzt sind wir im sechsten Monat. Wir mussten also tatsächlich zum Teil Lebensmittel entsorgen, was sünd und schad ist. Aber Portionsware in diesen Mengen kauft im Moment einfach niemand. Wenn man weiß, wie weltweit Menschen verhungern während bei uns die Lebensmittel schlecht werden, dann blutet einem wirklich das Herz. Wir haben die Waren zum Teil an der Kasse als zu verschenken aufgestellt, weil wir sie natürlich lieber kostenlos abgeben, als sie zu entsorgen.«

Wochenblatt: Mitten in diesen schwierigen Zeiten haben Sie den ersten Spatenstich für einen Erweiterungsbau in Singen getätigt. Wie wichtig ist es, gerade in so schweren Zeiten in die Zukunft zu investieren?
Pius Netzhammer: »Wir sind zum Glück in einer Region, in der es nicht so viele Tagungs- und Kongresszentren gibt, wie beispielsweise im Frankfurter Raum. Dort wird ein großer Strukturwandel stattfinden. Kongresse und Tagungen werden mit den neuen digitalen Möglichkeiten bestimmt nicht mehr in so großem Maße stattfinden wie vor der Krise. Wir sind hier aber in einer Urlaubsregion und ich glaube, das Thema Tourismus wird bei uns in Zukunft noch stärker. Insbesondere, nachdem viele Menschen im letzten Jahr gemerkt haben, dass man auch in Deutschland gut Urlaub machen kann. Vor diesem Hintergrund bin ich zuversichtlich, dass die Gastronomie nach der Krise wieder gut auf die Beine kommt. Deshalb war es für uns auch wichtig jetzt zu erweitern, denn stehen bleiben bedeutet Rückschritt.«

Wochenblatt: Aber warum gerade jetzt?
Pius Netzhammer: »Gerade junge Gastronomen kommen eher nicht mehr persönlich in den Markt, sondern bestellen ihre Ware. Dementsprechend hat sich bei uns der Umsatz in den letzten Jahren schon vom Abhol- zum Lieferumsatz hin verlagert. Zudem haben wir unseren Lieferradius in den letzten Jahren auch schon deutlich vergrößert. Insofern müssen wir unsere Logistik optimieren und dafür brauchen wir das neue Gebäude. Daneben haben wir auch schon seit längerem einen eigenen Onlineshop, über den die Kunden bestellen können, denn mit dem Generationswechsel in der Gastronomie verändert sich auch das Bestellwesen.«

Wochenblatt: Also ist es wichtig, die Präsenz vor Ort zu stärken, um auch im direkten Kontakt mit den Kunden zu sein?
Johannes Netzhammer: »Ja, durch den persönlichen Kontakt und den Austausch sind wir auch ein Partner für die Kunden. So haben wir im ersten Lockdown innerhalb von zwei Tagen als Kundendienstleistung eine »Support Your local Gastro« Seite aufgezogen, denn viele waren es ja überhaupt nicht gewohnt, Take-Away anzubieten. Auch jetzt ist der persönliche Austausch wichtig, wenn es darum geht, wie läuft es mit Überbrückungs- und Digitalisierungshilfen da ist der persönliche Austausch sehr wichtig und man kann sich dann auch wieder gegenseitig persönlich aufbauen. Gerade wenn ein Gastronom etwas spezielles sucht, beispielsweise einen neuen Kühlschrank, dann stehen wir auch in Konkurrenz zum Online-Handel. Unser Steckenpferd ist deshalb auch der Service. Der Kunde kann bis Nachmittags bestellen und hat die Ware am nächsten Tag in der Küche stehen und das gilt für das komplette Sortiment. Der Kunde muss also nicht verschiedene Stationen anlaufen.«

Wochenblatt: Corona hat viel Schlechtes gebracht, aber gibt es auch Entwicklungen, die jetzt in der Krise angestoßen oder beschleunigt wurden, die Sie gut finden und gerne mit in die Zukunft nehmen würden?
Johannes Netzhammer: »Ich glaube, dass die Leute nach sechs Monaten Abstinenz die Besuche in der Gastronomie wieder ganz anders wertschätzen werden. Man liest ja gerade, wie viel in der Schweizer Gastronomie los ist, nachdem die Gastronomie wieder geöffnet hat. Das wird auch bei uns wieder einen viel höheren Stellenwert bekommen und die Leute werden es zu schätzen wissen, wenn man leckeres Essen bekommt und freundlich bedient wird. Ich glaube zudem, dass sich der Boom in Sachen Urlaub im eigenen Land fortsetzen wird und davon auch nicht nur die Region direkt um den See, sondern auch das Hinterland stark profitieren wird.«

Wochenblatt: Was macht Ihnen im Moment besonders Mut?
Johannes Netzhammer: »Was mir Mut macht, ist die Eigeninitiative, die man jetzt oft sieht. Wenn man auf der politischen Seite sieht, was für ein großer Aufwand mit den Impfzentren getrieben wurde und wie schleppend das lief, und kaum waren die Hausärzte mit im Boot, funktioniert es reibungslos, dann ist das ein gutes Zeichen. Das erleben wir auch bei unseren Kunden. Die Wirte kümmern sich und das funktioniert auch. Im Moment ist das Ganze natürlich gebremst, aber ich bin zuversichtlich, dass das aufgrund der Eigeninitiative vieler Einzelner auch wieder alles gut anlaufen wird, sobald Öffnungen möglich sind.«
Pius Netzhammer: »Mut und Zuversicht gehören zum Unternehmertum. Wenn die Generation vor uns nach dem Krieg nicht den Mut gehabt hätte, etwas aufzubauen und Neues zu wagen, stände unser Unternehmen nicht da, wo wir heute sind. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass es nicht immer aufwärts gehen muss. Aber unsere schöne Region Schwarzwald/ Bodensee und das Rückbesinnen auf Regionalität macht mir besonders Mut, dass die Gastronomie und Hotellerie bei uns mit Zuversicht in die Zukunft schauen kann, wovon wir als Lieferant partizipieren werden.« 

Wochenblatt @: Dominique Hahn