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Keine »Feuerwehr« in Sachen KiTa

Politischer Aschermittwoch
Auf dem Podium des WOCHENBLATTs diskutierten (v.li.): Prof. Sonja Perren, Susanne Pantel, Wolfgang Heintschel, WOCHENBLATT-Chefredakteur Oiver Fiedler, Volker Schebesta und Ute Seifried. swb-Bild: mu

Diskussion über die »Baustelle« Kinderbetreuung beim 10. Politischen Aschermittwoch des WOCHENBLATTs

Singen. Früher oder später trifft das Thema die meisten Menschen einmal: Kinderbetreuung. Während gerade von Seiten der Politik immer wieder betont wird, wie wichtig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist, zeigt sich immer deutlicher, dass die Betreuungssituation in den Städten und Gemeinden angespannt ist. Und das obwohl die Kinderbetreuung vielerorts zu den größten Einzelposten in den kommunalen Haushalten zählt. In dieses Spannungsfeld zielte das WOCHENBLATT mit seinem diesjährigen politischen Aschermittwoch in der Singener Scheffelhalle. Das Thema der zehnten Veranstaltung in dieser Reihe lautete: »Baustelle Kinderbetreuung – zwischen Vision, Anspruch und Realität«.

Auf dem Podium diskutierten Volker Schebesta, parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes, Ute Seifried, Bürgermeisterin der Stadt Singen, Caritas-Geschäftsführer Wolfgang Heintschel, Susanne Pantel, die Vorsitzende des Radolfzeller Gesamtelternbeirats für Kindertageseinrichtungen, Prof. Sonja Perren vom Binationalen Zentrum »Frühe Kindheit« an der Uni Konstanz und der PH Thurgau Kreuzlingen, mit WOCHENBLATT-Chefredakteur Oliver Fiedler. Rund 250 Gäste konnte das WOCHENBLATT zu der Veranstaltung in der Scheffelhalle begrüßen.

Statistiken gaben falsche Sicherheit

Zu diskutieren gab es viel, denn die Nachfrage nach KiTa-Plätzen, besonders im Bereich für unter dreijährige Kinder, ist in den letzten Jahren rasant angestiegen. Eine Entwicklung, die auf Seiten der Politik nicht absehbar war, wie Schebesta auf Nachfrage von Oliver Fiedler konstatierte. Man habe sich auf die Statistiken verlassen, die den Anstieg der Geburtenraten sowie die Zuwanderung nicht abgebildet, sondern sinkende Kinderzahlen vorausgesagt hätten. »Wir stehen allerdings mit den kommunalen- und den kirchlichen-  und freien Trägern im Gespräch, wie wir die Rahmenbedingungen finanziell und inhaltlich weiter verbessern können«, so Schebesta.

Susanne Pantel hatte dafür wenig Verständnis. »Es überrascht uns Eltern, dass die Politik davon überrascht ist, dass wir Kinder kriegen«. Das Problem sei, dass die Eltern zwar einen Rechtseinspruch auf KiTa-Plätze haben, aber oft genug trotzdem keinen bekommen. »In Radolfzell gibt es seit Jahren zu wenig Plätze«, betont sie. So gebe es derzeit 94 unversorgte Kindergartenkinder in der Stadt. Ein weiteres brennendes Problem sieht Pantel bei der mangelnden Bedarfsorientierung. »Eltern können weder das pädagogische Konzept noch den Ortsteil oder die Betreuungszeiten auswählen«, so Pantel.

Das sind Probleme, die auch Wolfgang Heintschel als Vertreter eines kirchlichen Trägers nur zu gut kennt. Besonders angesichts dessen, dass man ein Projekt betreibt, dass Familien dazu bewegen soll die Kinder in eine KiTa zu geben. »Wenn diese Familien am Ende dann keinen Platz bekommen, ist das besonders dramatisch«, so Heintschel. Dass es aus entwicklungspädagogischer Sicht für die Kinder enorm wichtig ist eine KiTa zu besuchen, betonte Prof. Sonja Perren.

Ute Seifried betonte, dass nicht nur der Anstieg der Geburtenrate und der Zuzug von Familien aus dem europäischen Raum für den Engpass bei den Betreuungsplätzen gesorgt habe, sondern auch die steigende Nachfrage auf Seiten der Eltern. »Früher waren die Kinder für fünf Stunden in der KiTa, heute werden oftmals sieben bis acht Stunden nachgefragt. Der Bedarf ist also von verschiedenen Seiten angestiegen. Das ist für uns eine  richtig große Herausforderung«. Hierbei sei der U3 Bereich weniger das Problem.  Bei den drei- bis sechsjährgen Kindern gebe es hingegen eine Warteliste.

Gegensteuern will man vielerorts mit Modul- oder Containerlösungen, so auch in Singen. Das sei aber keine Feuerwehr-Aktion, sondern im Hinblick darauf, dass die Kinderzahlen irgendwann wieder zurück gehen und dann wieder weniger Plätze gebraucht werden, eine sinnvolle, gut durchgeplante Lösung, ist Seifried überzeugt.

Zu wenig Personal

Natürlich hängt die angespannte Lage auch mit einem Mangel an Fachkräften zusammen. Zwar sei im Zeitraum zwischen 2008 und 2018 die Zahl der in Kindertageseinrichtungen beschäftigten in Baden-Württemberg von 50.000 auf 90.000 angestiegen, betonte Schebesta, trotzdem fehlt es an vielen Orten an Personal. Gute Erfahrungen hat die Stadt Singen mit der praxisintegrierten Ausbildung gemacht. Hiermit soll gegengesteuert werden. Ein Raunen ging durch den Saal bei Fiedlers Nachfrage in Richtung Schebesta, ob dieser eine Notwendigkeit sehe, den Beruf der Erzieherin/ des Erziehers aufzuwerten. Schebesta wich aus. Man könne nicht im Landtag einfach beschließen, dass das Berufsbild nun mehr Ansehen bekommt.

Das Problem mit der Sprache

Ein Problem, das auf dem Podium sehr deutlich herausgestellt wurde, ist die mangelnde Sprachkompetenz der Kinder. Nicht nur bei Zuwanderern, sondern auch bei deutschen Kindern. Entsetzt zeigte sich etwa Bürgermeisterin Seifried darüber, dass es fünfjährige Kinder gibt, die keinen geraden Satz herausbekommen, aber dafür Meister im Umgang mit dem Smartphone sind. Für Prof. Perren ist hier die Politik in der Pflicht Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gute sprachliche Integration der Kinder mit solchen Defiziten ermöglichen. Zwar gibt es  unter dem Titel »Kolibri« von Seiten des Landes ein Programm zur Sprachförderung, dieses wird jedoch von verschiedenen Seiten als unzureichend kritisiert.

Überhaupt musste Schebesta im Laufe des Vormittags einiges an Kritik einstecken. So seien viele Landesprogramme schlicht ungenau formuliert oder zu kurzfristig ausgelegt. Gerade auch im Hinblick auf das Gute-KiTa-Gesetz. Diverse Programme laufen zudem am Ende ins Leere, weil sie mit hohen Folgekosten für die Kommunen verbunden sind. »Eine Anschubfinanzierung bringt uns nichts, wenn die Last am Ende dann doch bei der Stadt hängen bleibt«, so Ute Seifried. Auch in der abschließenden Fragerunde zeigte sich, dass das Thema Kinderbetreuung die Menschen bewegt.

Bilder vom politischen Aschermittwoch gibt es in unserer Galerie

Wochenblatt @: Dominique Hahn