- Anzeige - (Wochenblatt-Werbung wirkt)

Kirche muss zu den Menschen – nicht um sie abzuholen

Talk Kirchen
Auf der Bühne in der Färbe: Dr. Jörg Lichtenberg, Rudolf Vögele, Moderator Walter Studer, Sabine Neufang und Michael Psczolla. swb-Bild: of

Starkes Interesse am Wochenblatt-Talk „Auf ein Wort“ am Sonntag in der Färbe

Singen. Das Thema „Auslaufmodell Kirche?“ bewegte viele Menschen am Sonntagvormittag in Singen, wo zu eben dieser Frage zum Wochenblatt-Talk in die Färbe eingeladen wurde. Und viele sagte danach, das so etwas ein Gottesdienst war, der hatte, was vielen anderen Gottesdiensten fehle, nämlich dass miteinander gesprochen werde.

Auf dem Podium diskutierten unter der Leitung von Walter Studer der kirchenkritische Buchautor Rudolf Vögele, Dr. Jörg Lichtenberg als Leiter der Kirchgemeinde Singen, Michael Psczolla von der evangelischen Gemeinde Gailingen-Büsingen, und Sabine Neufang von der Bezirkssynode des evangelischen Kirchenbezirks.

„Viele gehen aus unseren Kirchen heraus, und sind spirituell unterernährt“, vertritt Buchautor Rudolf Vögele, der sich sehr kritisch mit dem Thema auseinander setzt. Sein Standpunkt: Die Kirche predigt an den Menschen vorbei, denn die Menschen haben einfach andere Sorgen.

„Die Türen sind weit auf, aber es tritt niemand ein“, beschreibt Sabine Neufang ein Phänomen, doch die evangelische Kirche habe gelernt, dass die auf die Menschen zugehen müsse. Die Menschen müssten durch die Kirche das Gefühl haben, so angenommen zu werden wie sie sind.

„Die Kirche hat sich von den Menschen entfremdet“, befindet auch Dr. Jörg Lichtenberg. „Menschen erfordern auf der anderen Seite einen Service von der Kirche, wie etwa eine Beerdigung, bei der Gott möglichst nicht erwähnt wird“, spricht er die Ferne vieler Menschen zur Kirche an, mit der er aber eher eine Kirchenleitung meint. „Wir haben einen Kirchenapparat über uns, der manchmal eher hinderlich ist“, meint Michael Psczolla von der evangelischen Kirchengemeinde Gailingen-Büsingen. „Das Thema ist schon, warum schaffen wir es nicht, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind fragt er sich.  Als Arzt führt er sich eher noch als Seelsorger, denn er sei bei vielen Problemen der erste Ansprechpartner. „Wenn ich jemand abholen will, dann will ich ihn ja schon zu mir holen“, wiederspricht da Rudolf Vögele.

„Wer aus der Kirche austritt, gibt damit nicht unbedingt sein Christstein auf.“, fügt er angesichts der aktuellen Trends wie „Fresh Ex“ an, was auch hier immer stärker Fuß fasst und eine fast schon radikale „freie“ Kirche bedeutet.  „Volkskirche ist vorbei, aber die Kirche am Ort ist einfach viel mehr“, meint Dr. Lichtenberg und befindet, dass die Kirche vor Ort durchaus subversiv sein sollte gegenüber einer Kirchenleitung.

„Man benötigt viel mehr Zeit um Kirchenstrukturen zu erhalten, als sich um Seelsorge zu kümmern“, sagt Sabine Neufang, die übrigens aus dem Management heraus in den Kirchendienst hinein gegangen ist.  Man lerne dazu: „Wir investieren nicht mehr in Gebäude, sondern in Menschen. Wir sind da auf dem Weg, nur sieht man das noch nicht so richtig.“  Man müsse sich freilich schon um Strukturen kümmern, denn so wie es jetzt läuft, hat es sich aufgelaufen, fügte dem Dr. Lichtenberg bei „ Wenn ich etwas bewahren will,. muss ich etwas verändern um eine Kirche zu verlebendigen.“  

„Es gibt aber schon Kirchen die voll sind, und das sind die Freikirchen“, konterte Walter Studer. „Wir haben einen einzigen Gott, aber wir schaffen es nicht, hier besser zusammen zu arbeiten“, spielte Michael Psczolla auf die Frage der Ökumene an. Bestes Beispiel ist für ihn die evangelische Bergkirche in Büsingen, in der schon durch das Ambiente, auch viele Katholiken sich trauen lassen möchten, oder ihre Kinder taufen lassen möchten. Da erlebe man die ganze Kleingeistigkeit der Institutionen leibhaftig.

Interessant für Rudolf Vögele ist, dass unlängst vor dem Dom in Trier 1.500 Menschen demonstrierten, die die „Kirche im Dorf lassen wollen“, also nicht immer noch größere Kirchgemeinden. In der Schweiz gibt es inzwischen Gemeindeleiter ohne theologisches Studium, als Seelsorger. „Vor ein paar hundert Jahren wären sie wohl als Ketzer verbrannt worden“ scherzte Walter Studer.

Dr. Lichtenberg machte aber deutlich, dass in Singen in einer für ihn beispielhaften Ökumene zu den Menschen gehe, zum Beispiel mit der jährlichen Vesperkirche. man mache die Einschulungsgottesdienste zusammen, die doch eine schöne Resonanz haben.

Er vertritt das Singen eigentlich den nächsten Schritt wagen sollte und  zum Beispiel mit den Muslimen mehr zu kooperieren, die ja schließlich in der Stadt schon einen Anteil von mehr als 20 Prozent hätten. Das sei ein Thema für die Stadt, da es ja auch hier einen politischen Islam gebe, oder zum Beispiel auch die Gülem-Bewegung über das Prisma-Bildungszentrum. Dazu machte aber Walter Studer eine gewisse Mutlosigkeit aus. Auch aus Beiträgen aus dem Publikum war zu spüren, das Glaube und Kirchen zwei ganz schön verschiedene Stiefel für die Besucher sind, die in der Kirche ihren Rahmen für ihren Glauben suchen. Für einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung hält Rudolf Vögele da die letzte Enzyklika von Papst „Laudato si“, die sich nicht nur an die Katholiken sondern „alle Menschen guten Willens“ richte.

„Menschen treten aus der Kirche aus, sie bleiben aber alle Christen. „Haben die Menschen nicht mehr den Mut, zu ihrer Ethik zu stehen, tauchte als Frage auf. „Es gibt den Glauben an Gott und die Religion, die von Menschen gemacht ist. Jede Religion ist für mich gleichwertig, schickt Michael Psczolla in Richtung der Muslime. Es gehe darum, den Menschen etwas Gutes zu tun, das sei Gottesdienst. „Der Gott der Christen ist nicht der Gott der Kirchen“ dachte dazu Rudolf Vögele lauf nach.  Man müsse in die aktuelle  Zeit schauen mit Trump, Populisten der gar neuen Nationalisten, die mit neuen Dogmen auftreten.

Für Dr. Lichtenberg ist klar, dass man Werte nicht nur zu betonen, sondern sie auch leben sollte. Sabine  Neufang macht daran den Erfolg verschiedener Freikirchen fest, denn es gehe darum   authentisch zu leben von was man spreche, wenngleich es ja auch nicht gleich ein Entertainment im Gottesdienst für sie geben soll.

Auf eine Frage aus dem Publikum zum Thema Predigten folgerte Michael Psczolla, dass es auch eine Frage der Empathie sei. „Wir haben ja mit Menschen zu tun, und das ist eine der schönsten Aufgaben der Welt.“  „Gott ereignet sich zwischen den Menschen, die Kirche müsse den Menschen nicht erst den Glauben bringen“, ein Fazit zu einer anderen Frage. Marion Czajor als Gast bemerkte: „Was der Kirche fehlt, ist eigentlich der Dialog mit der Gesellschaft.“ Den gab es an diesem späten Sonntagvormittag freilich in sehr spannender Form.

Wochenblatt Redakteur @: Oliver Fiedler