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Künstlerische Wiederbelebung

René Acht KKFF
RenéAcht,KKFFmitSchatten,1996, Scherenschnitt, Tusche (Ausschnitt). Foto: Bernhard Strauss, Freiburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Kunstmuseum Singen eröffnet Ausstellungsreihe zu René Acht am Sonntag

Singen. Wer war René Acht (Basel 1920 – 1998 Herbolzheim)? Obwohl er zu Lebzeiten, sowohl mit seinem informellen Werk der 1950er Jahre als auch mit den späten Scherenschnitten, ein international renommierter Maler und Graphiker war, ist das Gesamtwerk des deutsch-schweizerischen Künstlers einer größeren Öffentlichkeit heute nur noch wenig bekannt. Das zu ändern haben sich gemeinsam das Kunstmuseum Singen, das Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen und das Aargauer Kunsthaus Aarau vorgenommen.

Die Zusammenarbeit erfolgt in enger Kooperation mit dem Nachlass René Acht (Bärbel Acht und Andreas H.H. Suberg). Erste Station der Ausstellungsfolge ist das Kunstmuseum Singen, das vom 10. Oktober  bis zum 09. Januar 2022 rund 160 Gemälde, Gouachen, Zeichnungen, Scherenschnitte und einige Plastiken des Künstlers vorstellt, der von 1972 an im südbadischen Freiburg lebte. Ziel ist, den »ganzen« René Acht neu vorzustellen. Zur Wiederentdeckung erscheint deshalb der gemeinsame Katalog, für den der Kenner Andreas H.H. Suberg den grundlegenden Text verfasst hat.

Auf den ersten Blick könnten die Gegensätze im Werk René Achts größer nicht sein.

Nach dem Studium an der Allgemeinen Gewerbeschule in Basel (1936-40), nach Studienaufenthalten und Reisen nach Paris, Skandinavien und Italien (ab 1947), setzte sich der Künstler in der Nachkriegszeit intensiv mit der klassischen und zeitgenössischen Moderne in Frankreich sowie den Tuschzeichnungen des Künstlerfreundes Julius Bissier auseinander, schloss sich aber dann, ab Mitte der 1950er Jahre, dem internationalen Informel und dem französischen Tachismus an. Die Teilnahme an der documenta II und an der 5. Biennale von Sao Paulo 1959 machten ihn in der Schweiz, Deutschland und Frankreich bekannt. Bereits in der informellen Phase war Achts Haltung eigenständig, suchte er doch einen Ausgleich zwischen dem rein Gestischen und der gestalteten Form.

Seit den 1960er Jahren gehen in Achts Welt des bewegten All-over, der erdigen Farbmaterie und organischen Strukturen zunehmend geometrische Formen und immer großzügiger angelegte, leuchtende Farbflächen ein. Mehr und mehr setzt sich eine reduzierte, flächige, konkret-konstruktive Bildsprache durch, die zunächst Nähen zur Malerei des Hard Edge aufweist. Zeitlebens hat sich René Acht nicht nur mit westlich- europäischer Religion und Philosophie, sondern auch mit fernöstlichen Weisheitslehren auseinandergesetzt, die er synthetisch zu einem Ausgleich zu führen suchte. Die daraus folgende künstlerische Haltung beschrieb Acht mit dem Gegensatzpaar lyrisch- konkret. Im Zentrum der von ihm entwickelten archetypischen Gestaltformen stand bald die dem Quadrat verwandte Figur: HAUS, die er in eine Welt komplexer, psychogrammartiger Zeichen überführte, um so im Bild die Dreiheit des Menschen aus Körper – Seele – Geist ausloten zu können.

1967/68 folgten die ungewöhnlichen, ganz eigenständigen Scherenschnitte in schwarzen Fotokarton, die, stark kontrastierend, auf weiße Papiere aufgelegt wurden – eine Technik und Gattung, die das späte Oeuvre des Künstlers bestimmte. Übernahm er anfangs noch Motive aus der Ölmalerei, ließ René Acht diesen Ansatz in den 1970er/80er Jahren zugunsten strengerer Schnitte, aber auch seiner Ausgriffe in die dritte Dimension der Plastik wegen, hinter sich. Und »so vereinen diese Werke in sich Dualistisches: Dunkel – Hell, Abendländisches – Fernöstliches, Eines – Vieles, Dingliches – Abstraktes« (Stefanie Faccani-Baumann). Noch einmal entwickelte Acht ein komplexes System verdichteter Zeichen und Faltungen, als deren wichtigste Gestaltform sich die Kubus-Kreuz-Form-Faltung (KKFF) erwies. Sie vermittelt, so René Acht, bipolar zwischen Klarheit und unendlicher Fülle.

Was zu Lebzeiten des Künstlers als radikaler Bruch im Werk wirken musste, steht heute für eine eigene künstlerische Haltung. René Acht suchte in all seinen Zeichen, die er als eine Art Gefäß verstand, die Widersprüche und Weiten menschlichen Seins zu verbinden. Form und Gehalt suchte er in eins zu setzen. Bildsprache und Bilderfindung waren ihm wichtig. Die Ausstellung im Kunstmuseum Singen spannt dazu den Bogen von den frühen Anfängen in den 1950er Jahren bis zu den letzten Scherenschnitten, die Ende der 1990er Jahre entstanden.

Die Ausstellung – Ertrag einer mehrjährigen Forschungsarbeit und konservatorischen Aufarbeitung und ursprünglich zum 100. Geburtstag des Künstlers 2020 (Corona- bedingt verschoben) geplant – ist auch eine Danksagung des Kunstmuseums Singen für die großzügige Schenkung an Werken, welche die Stadt Singen aus dem Nachlass René Acht entgegennehmen konnte

Die Eröffnung der Ausstellung findet am Sonntag, 10. Oktober, 11 Uhr im Kunstmuseum statt - mit 3G Regeln und nach Anmeldung unter 07731 85 271, kunstmuseum(at)singen.de

Öffentliche Führungen sind für den jeweils im 11 Uhr für Sonntag, 17. Oktober, Sonntag, 31. Oktober, Sonntag, 7. November und Sonntag, 19. Dezember (mit Apéro) angekündigt. Auch da nach aktuellem Stand mit 3G und Anmeldung wegen beschränkter Kapazitäten.

 

 

Wochenblatt @: Oliver Fiedler


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