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Liebe Leserinnen und Leser,

gefühlter Frühlingsbeginn und prompt kommt am Wochenende die erste positive Nachricht zum Thema Corona um die Ecke: Das Schebakrankenhaus nahe Tel Aviv verkündet, dass es bereits zwei bis vier Wochen nach der ersten Impfung von 7.000 Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeitern 85 Prozent weniger symptomatische Coronainfektionen gegeben hat und immerhin 75 Prozent weniger Infektionen insgesamt. Das berichtet das Ärztefachblatt »The Lancet«. Und zusätzlich gibt es eine Studie von Biontech, Pfizer und dem israelischen Gesundheitsministerium mit 1,7 Millionen Studienteilnehmern, die ähnliche Schlüsse zulässt, die allerdings nicht offiziell veröffentlicht ist. Und das lässt uns hoffen, dass uns die Impfungen irgendwann heraus aus der Coronakrise führen könnten. In Israel jedenfalls ist für Geimpfte der dortige Lockdown gelockert, der Alltag für alle mit dem grünen Pass fast wieder eingekehrt.

Nur darauf zu bauen und im Lockdown abzuwarten, kommt uns allerdings wenig sinnvoll vor: Die Mutanten von Covid-19 sorgen in der Region gerade für fast schon dystopische Verhältnisse: Wie in unserem Internetportal www.wochenblatt.net bereits am Freitag zu lesen war, musste in Singen Security eingesetzt werden, nachdem sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Stockacher Firma, in der die britische Mutante von Covid-19 entdeckt wurde, nicht an die Quarantäne gehalten haben. Die Wohnungen sind jetzt abgeriegelt und die Bewohnerinnen und Bewohner werden mit Lebensmitteln versorgt. So wird Unvernunft zur immer größeren Gefahr in der Krise. Trotzdem halten wir es für sinnvoll, dass die Straßen, in denen sich das abspielt, nicht veröffentlicht werden. Es wird dadurch nicht besser.

Wir hoffen nach wie vor zwei Dinge: Dass sich die Verantwortlichen in Bund und Ländern, vielleicht aber auch in den Kommunen und im Landkreis mit einer Erweiterung der Strategie beschäftigen, die den Schutz von besonders gefährdeten Menschen viel stärker einbezieht, die Impfungen beschleunigt und eine ausgeklügelte und professionell umgesetzte Teststrategie beinhaltet und dass die Hilfen endlich so konzipiert werden, dass sie der Situation der Betriebe gerecht werden. Es kann doch nicht im Ernst sein, dass hier nach Zufallsprinzip oder nach dem Gutdünken von Ministerien entschieden wird, welche Unternehmen nach der Krise nicht mehr da sind und wer überleben darf. Wo zum Schutz von Menschen Solidarität gelebt wird durch Verzicht auf unternehmerisches Tun, auf Einnahmen, die man zum Leben braucht, auf unternehmerische Verantwortung, da muss eben auch ein gesellschaftlicher Ausgleich organisiert werden. Das, was derzeit passiert, ist ein letztlich unglaublicher Eingriff in die Berufsfreiheit, der zum Schluss die Gerichte und damit die Gesellschaft sicher noch viele Jahre beschäftigen wird.

Was die Impfungen anbelangt, so gibt es allerdings ein Problem, das wir durchaus verstehen können: Jahrzehntelang hat man uns allen erzählt: höher, schneller, weiter, Produktivität steigern, man hat uns gezeigt und wir haben gelernt, dass wir höhere Effizienz leben müssen, immer höhere Prozentzahlen erreichen müssen. Im gleichen Zuge ist – natürlich – unser Anspruch stetig gestiegen. Und jetzt soll ein Impfstoff verimpft werden, der nicht 86 oder 97 Prozent Wirksamkeit verspricht, sondern nur 75 Prozent Wirksamkeit hat. Wer sich einmal entspannt zurücklehnt und sich unsere Gesellschaft so anschaut, dem wird schnell klar, warum Astra Zeneca ein Ladenhüter ist: Wir sind es einfach gewohnt, mit 75 Prozent Performance nicht mehr leben zu wollen. Schlimm ist, dass das in Verbindung mit dem schiefgegangenen Impfstoffeinkauf nun dafür sorgen kann, dass wir auch im Frühling nicht wirklich aus der Krise kommen. Da hat Israel gezeigt, wie es besser geht.

Wir wollen nun den Blick auf die Landtagswahlen richten. Wir haben für unsere Klartext-Seiten zur Landtagswahl bewusst entschieden, welche Bewerberinnen und Bewerber welcher Parteien unsere Fragen bekommen. Dabei wollen wir Verantwortung dafür übernehmen, dass die Gesellschaft im Gespräch bleibt. Denn solange wir im Gespräch sind, hoffen wir, geht es immer irgendwie weiter, ohne dass wir im Chaos versinken. Austausch ist heilsam, wenn er tatsächlich stattfindet, und deshalb hat unser Klartext für alle Kandidatinnen und Kandidaten klare Regeln. So eine Entscheidung ist nie einfach, weil wir wissen, dass wir es nur falsch machen können: Es wird immer genügend Menschen geben, die sagen: So geht das aber nicht.

Dabei ist uns wohl bewusst, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz im März 2020 den rechten Flügel der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft hat. Die AfD war in den ersten Monaten der Krise seltsam inaktiv und versucht jetzt, kurz vor der Wahl, nicht zuletzt die abzuholen, die unzufrieden sind. Mit »Lockdown beenden jetzt« fängt man Leute. Eine differenzierte Wahrnehmung, die der Sache gerecht wird und die sich nach besserer Zukunft anfühlt, ist es nicht. Und die Art vieler Populisten, persönlich anzugreifen und Zitate von politischen Gegnern aus dem Kontext zu reißen, sie in die eigene Argumentation zu übernehmen und damit den Sinn des Gesagten zu entstellen, sie würde die Gesellschaft, behaupten wir, in dunkle Zeiten führen. Sie sorgt dafür, dass sich die oder der Zitierte beschmutzt und manipuliert fühlt. Wir würden uns freuen, wenn möglichst viele sich mit diesen letzten Sätzen einmal in Ruhe beschäftigen würden, ihn einmal abgleichen würden mit ihrem gesunden Menschenverstand.

Ja, wir glauben seit vielen Monaten, dass wir eine sehr differenzierte Sicht der Dinge brauchen, um in eine sinnvolle Zukunft zu kommen. Diese Fähigkeit zur differenzierten Sicht würden wir eher in der politischen Mitte sehen, möchten aber gleichwohl auch bei den hiesigen Wahlkampfvertreterinnen und -vertretern dafür werben, dass es kein »Weiter so« geben darf. Unsere Gesellschaft (und das zeigt Corona und unser Umgang damit) hat mittlerweile so viele Probleme, dass es nicht getan ist – mit ein paar Floskeln und gut inszenierten Zoomkonferenzen, in denen man mit viel zur Schau gestelltem Verständnis sich mit Einzelhändlern kurz vor der Pleite zeigt oder mit Pflegekräften redet und danach alles offen lässt, vor allem das, für was man sich wirklich einsetzen will. Nein, es wäre eine ganz andere Energie notwendig, um die Probleme, die sich zeigen, wirklich anzugehen. Und dabei könnte, so ist unser Traum, viel Energie von dort kommen, wo die Gegenwart fühlbar ist und die Zukunft tatsächlich gemacht wird: aus den Regionen, dort ist der Praxisbezug da, dort leben wir. Deshalb haben wir diese Woche den Kandidatinnen und Kandidaten auch eine sehr gezielte Frage in diese Richtung gestellt. Seien Sie mit uns gespannt auf die Antworten auf Seite 6.

Wenn wir gerade über die Regionen sprechen: Der Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck geht jetzt baurechtlich gegen nicht genehmigte Sammelwohnungen, in denen viele Amazon-Fahrer untergebracht seien, in der Innenstadt vor. Diese Sammelunterkünfte in Tuttlingen seien die Folge der Ansiedlung des Amazon-Logistikzentrums in Messkirch. Für die Sammelunterkünfte, in denen zweitweise bis zu 30 Personen leben würden, würden teilweise keine Baugenehmigungen vorliegen. Beck wolle keine Verhältnisse wie bei Tönnies. Dabei ist Beck wichtig, dass sich die Aktion nicht gegen die Fahrer richte. »Das sind Menschen, die für wenig Geld hart arbeiten.« Man habe eher diejenigen im Visier, die aus der Situation Profit schlagen. Die bessere Welt, die uns die Internetgiganten versprochen haben, wie wird sie wirklich sein?

Bleibt, uns in eigener Sache zu korrigieren: Uns wurde vorgeworfen, dass wir mit unserem Aufdruck auf der Titelseite Corona-Hysterie schüren würden. Nein, das wollen wir nicht. Aber wir haben offensichtlich einen Kommunikationsfehler begangen, zu dem wir hiermit stehen. Das Wort Lockdown-Notausgabe ist bei vielen von Ihnen falsch angekommen: Lockdown-Notausgabe steht auf unserer Titelseite, weil wir Ihnen aufgrund der aktuellen Coronapolitik nicht das bieten können, was wir Ihnen normalerweise bieten können, weil wir unseren Betrieb aufgrund der Auftragslage erheblich herunterfahren mussten und wir möchten, dass das klar ist. Unsere Kunden sind größtenteils der Nichtlebensmit-telhandel und Organisatoren von Veranstaltungen unterschiedlicher Art. Wir haben unser rotes Band, das auch Mahnmal sein soll, ab dieser Woche angepasst, werden es aber so lange auf dem Titel führen, bis wir wieder uneingeschränkt unsere systemrelevante Aufgabe als unabhängiges, weil von vielen unterschiedlichen Unternehmen, Organisationen und Verwaltungen finanziertes Medium wahrnehmen können, das Sie jede Woche kostenlos in den Haushalt bekommen.

Eine sonnige und irgendwie auch gute Woche

Carmen Frese-Kroll, Verlegerin
Anatol Hennig, Herausgeber
Oliver Fiedler, Chefredakteur

Wochenblatt @: Singener Wochenblatt


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