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Liebe Leserinnen und Leser,

es hat sich im Laufe der letzten Monate – oder waren es doch Jahre? – etwas Neues eingeschlichen in unser Miteinander. Am direktesten kann man es vielleicht im Straßenverkehr wahrnehmen: Wenn jemand da einen Fehler macht oder nur noch kurz irgendwo rausfährt, obwohl er (oder sie) keine Vorfahrt hat, dann entschuldigt er sich oft nicht, sondern er schaut einfach weg. Schaut weg, so wie man wegschaut, wenn man gar nicht da sein will. So wie man wegschaut, wenn man sich nicht stellen will, wie man wegschaut, wenn man gar nicht mitbekommen will, wie der andere reagiert. Wie man wegschaut, wenn man Recht behalten will, ohne konfrontiert zu werden.

Warum schreiben wir heute darüber? Irgendwie schleicht sich bei uns die These ein, dass dieses Phänomen, was im Straßenverkehr beobachtbar ist, in unserer ganzen Gesellschaft grassiert.

Wir kommunizieren aneinander vorbei, stellen uns nicht mehr, wollen uns nicht mehr stellen, wollen einfach unser Ding machen, gleichgültig, was es für die anderen bedeutet, ein bisschen wie trotzige Kinder. Vielleicht weil wir zu gestresst sind, alles zu kompliziert ist, jeder für sich gerade gut damit fährt, nur nach sich und seinen Vorteilen, Lösungen, Weisheiten zu schauen. Das haben wir doch lange so vor uns hergebetet: Kümmer dich um dich selbst, dann ist für alle gesorgt. Und irgendwie stehen wir nun da, vor uns viele Probleme, die wir viel klarer sehen als früher (Beispiel Klimaerwärmung, Probleme im Gesundheitssystem, Probleme, die die Digitalisierung (die an sich kein Problem ist) und die Globalisierung uns gebracht haben) – und wir suchen die Lösungen, indem wir nur von uns ausgehen, anstatt auch nach den anderen (Andersdenkenden) zu schauen, sie irgendwie versuchen abzuholen, um sie für unsere Lösungen zu begeistern …

Wir nennen ein paar Stichworte – und das ist an dieser Stelle wichtig – in einer Reihenfolge, die wir nicht gewertet haben möchten:

Unbeantwortete Briefe und Brandbriefe an Politikerinnen und Politiker aus Branchen, deren Geschäftsbetrieb aufgrund der Corona-Krise ganz oder teilweise eingestellt wurde.
Unternehmer, die die Corona-Realität in den Krankenhäusern ausblenden.

Schauspielerinnen und Schauspieler, die die Coronapolitik anschauen und die sich teilweise ohne jedes Mitgefühl für die direkt Betroffenen inszenieren.

Reaktionen darauf von Medizinern, ohne jedes Gefühl für die Menschen, die seit Monaten ihrem Beruf nicht mehr richtig nachgehen können.

Auf der einen Seite Gefühllosigkeit gegenüber Flüchtlingen und auf der anderen Seite wegschauen gegenüber denen, die Angst davor haben, dass mehr Zuwanderung für sie Nachteile bedeuten könnten.

Auf der einen Seite Menschen, die weiterleben wollen wie bisher, was den Umgang mit der Umwelt angeht, und auf der anderen Seite Menschen, die ohne Rücksicht auf die soziale Wirklichkeit ihre Vision von Ernährung oder Verkehr für alle durchdrücken wollen.

Die Liste ließe sich unendlich verlängern.

Und sie alle versuchen ihre Konzepte oder ihre Welt und ihren Besitzstand, so kommt es einem immer mehr vor, mit Gewalt durchzudrücken, nicht mit körperlicher Gewalt, sondern indem sie die Andersdenkenden einfach ausblenden, in Schubladen stecken, aus denen sie nicht mehr rauskommen, indem sie sich als besonders gute Menschen stilisieren oder bewusst als die letzten Aufrechten inszenieren, immer mit einer gewissen Dramatik und mit einer unglaublichen und meistens völlig unangemessenen sprachlichen Vehemenz.

Weiter kommen wir so nicht. Weiter kommen wir, indem wir wieder anfangen uns gegenseitig zu stellen, indem wir verstehen lernen, dass wir über uns hinausdenken lernen müssen, wenn wir gemeinsam in die Zukunft wollen, weil wir nur so wirklich lernen ...

Wir wünschen Ihnen, dass Sie gut durch die Woche kommen

Carmen Frese-Kroll, Verlegerin
Anatol Hennig, Herausgeber
Oliver Fiedler, Chefredakteur

Wochenblatt @: Singener Wochenblatt


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