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Liebe Leserinnen und Leser,

Kontrovers – das heißt übersetzt widersprüchlich, gegensätzlich. Und wo Widersprüche sind, Gegensätze, deutliche Meinungsunterschiede, da haben wir gerade ein Problem in der Gesellschaft: Irgendwie glauben viele von uns, dass Widerspruch etwas Schlimmes ist, wir dulden ihn nicht mehr.

Dabei ist Widerspruch so wertvoll: Widerspruch macht Sichtweisen komplett, eröffnet Horizonte, lässt uns die anderen besser verstehen, ist Innovationstreiber und bringt uns aus dem Rechthabe- und Ignoriermodus in den Lernmodus. Insofern kann man sagen: Kontroversen machen intelligenter.

Mit dieser Ausgabe wollen wir einen Beitrag leisten, deshalb haben wir das Wochenblatt kurzerhand – aber von langer Hand vorbereitet – für eine Woche umbenannt in Kontrovers. Und so lesen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Woche Meinungsunterschiede zu den unterschiedlichsten Themen. Im einen oder anderen Fall wird dabei aus scheinbaren Gegensätzen Gemeinsamkeit, wo wir sie nicht vermutet hätten. Und so belegt auch diese Ausgabe, dass wir oft Gemeinsamkeiten finden, wenn wir uns trauen, Widerspruch nicht nur zu dulden, sondern entspannt anzuhören und in Ruhe zu bewerten und abzugleichen.

Was brauchen wir dafür? Loslassen. Loslassen müssen wir dafür die Angst, dass wir nicht recht haben könnten. Loslassen müssen wir die Annahme, dass andere sowieso keine Ahnung haben. Rauslassen müssen wir den anderen aus der Schublade, die wir für ihn im Hirn haben. Annehmen müssen wir den anderen Menschen, davon ausgehen, dass er auch gute Gründe für sich hat, so oder so zu denken, eben aus seiner Perspektive. Entwicklung findet außerhalb unserer uns schon vertrauten Denk- und Glaubenswelten statt.

Wenn wir solche Gespräche führen, Meinungsverschiedenheiten und Kontroversen zulassen und hinhören, dann kommen wir unweigerlich auf den Gedanken, dass sämtliche Allheilversprechen Humbug sind: die Digitalisierung als Allheilmittel, die Verweigerungshaltung gegenüber der Digitalisierung, der christliche Glauben, andere Glaubensrichtungen oder selbstgeschnitzte Spiritualität. Konsequentes Gendern oder die strikte Ablehnung von wirklich gelebter Gleichberechtigung. Vegane Lebensweise ohne weiterreichende Überlegungen zum Thema Ernährung und Umwelt, Heilpraktik mit Verteufelung der Schulmedizin auf der einen Seite und Schulmedizin, die andere Heilideen per se ausschließt auf der anderen Seite. Die Liste könnten wir über Seiten fortsetzen. Nein: Gute Zukunft entsteht nicht ohne Widerspruch. Systeme, die den inhaltlich begründeten Widerspruch für die meisten Menschen ausschließen, wie sie Facebook und Co. geschaffen haben, machen uns als Gesellschaft dümmer und anfälliger. Anfälliger für dumme Ideen, wie sie die Allheilmittel eben sind.

»Wahrheit gibt es nur zu zweien« schrieb Hannah Arendt, streitbare Politikdenkerin und Publizistin, und ich möchte hinzufügen: »die gemeinsam auf die Welt schauen und dann diskutieren«. Weil wir eben die Welt im Außen nicht ausklammern dürfen, wenn wir diskutieren.

Was wollen wir mit dieser Ausgabe? Für die Idee werben, uns inhaltlich auseinanderzusetzen, damit wir uns dann wieder zusammensetzen können. Eine klare Kante gegen die wachsende Spaltung der Gesellschaft setzen, die dadurch entsteht, dass statt inhaltlicher Auseinandersetzung Menschen in Schubladen gesteckt werden, aus denen sie nicht mehr rauskommen, nur weil wir zu bequem sind, uns inhaltlich konfrontieren zu lassen.

Heraus kommt dann öfter ein »Es kommt darauf an« oder ein »Wenn wir das tun, müssen wir auch das berücksichtigen«. Oder ein »Das habe ich gestern so gesehen, muss es aber heute so sehen«. Wir glauben, es würde uns dienen, eine irgendwie gute Zukunft zu bauen.

Viel Spaß und Lesevergnügen mit diesem außergewöhnlichen Wochenblatt und an dieser Stelle danke an die vielen Kundinnen und Kunden, die diese Ausgabe mit ihren Inseraten nicht nur für sich nutzen, sondern die Idee auch mittragen.

Carmen Frese-Kroll, Verlegerin
Anatol Hennig, Herausgeber
Oliver Fiedler, Chefredakteur
und das gesamte Wochenblatt-Team

Wochenblatt @: Singener Wochenblatt


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