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Liebe Leserinnen und Leser,

das war, wenn man so will, großes Kino in Radolfzell: Oliver Fiedler, Ute Mucha und Uwe Johnen waren am Sonntag für Sie live im Radolfzeller Rathaus, um die Auszählung der Oberbürgermeisterstimmen zu verfolgen und auf unserem Liveticker zu berichten. Kim Kroll war im Hintergrund, um die So­cialmediakanäle zu bedienen. Die Wahlcrew im Rathaus war schnell und der Erdrutschsieg für Simon Gröger war schon nach ein paar ausgezählten Wahlbezirken zu erwarten. Amtsinhaber Martin Staab bekam dann schlussendlich gerade noch 13,92 Prozent der Stimmen. Allzu oft passiert es nicht, dass ein Amtsinhaber so klar abgewählt wird. Um was ging es? Um den Politikstil, würden wir behaupten. Um einen Stil, der teilweise sicherlich
manipulativ, manchmal auch rücksichtslos war, getreu dem Motto »Der Zweck heiligt die Mittel«. Jetzt kann man die Reaktion der Bevölkerung auf zwei Arten lesen: Zum einen bediente der Amtsinhaber in Teilen geradezu perfekt das Bild vom Machtpolitiker, der andere gerne nutzt und benutzt. Und damit bediente er auch das männliche Feindbild, das in diesen Zeiten zur Zielscheibe wird, jahrzehntelang aber durchaus der Normalfall war.

Zum anderen geht es um Radolfzell: Das schwierige Verhältnis zwischen Gemeinderat und Stadtoberhaupt und die überaus spannende Dynamik zwischen den beiden Organen ist in Radolfzell immanent. Von Günther Neurohr über Jörg Schmid bis Martin Staab – es würde sich fast lohnen, darüber ein Buch zu schreiben: »Machtpsychologie am Untersee in drei Akten«. Nun wünschen wir dem neu gewählten Oberbürgermeister, dass er für sich und mit dem Gemeinderat ein Verhältnis findet, das die Stadt voranbringt und irgendwie menschlich leistbar ist.


Wir wechseln das Thema, und das zugegebenermaßen ein bisschen abrupt: Papier wird 50 Prozent teurer, Zucker 40 Prozent, Mehl wird 30 Prozent teurer, die Lebenshaltungskosten steigen um vier Prozent, was nicht heißt, dass es auf dem Sparkonto jetzt mehr Zinsen gibt. Und das wird noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein. Der Wohnraum verschlingt einen immer größeren Teil des monatlichen Gehalts weiter Teile der Bevölkerung, die Energiekosten steigen weiter. Perspektiven, wie der Weg da wieder herausgeht, scheint es derzeit keine zu geben. Da ist die Meldung, dass eine etwaige Ampelkoalition keine Steuererhöhung plant, nichts, was die Nerven beruhigt. In Teilen sind diese Teuerungen Coronanachwirkungen, in Teilen das Ergebnis politischer Entscheidungen oder Nichtentscheidungen. Und Nichtentscheidungen sind bekanntlich auch Entscheidungen.

Für viele, vielleicht auch für Sie, für uns auf jeden Fall, ist die Teuerung gerade jetzt, auf dem Weg heraus aus der Krise, der nächste große Stolperstein. Wir widmen uns dem Thema Teuerung an verschiedenen Beispielen in den nächsten Wochen. Wenn Sie Beispiele haben oder mit uns sprechen möchten, schreiben Sie uns gerne an seitedrei@wochenblatt.net. Wir möchten das Thema erst durchleuchten und dann verständlich machen für Sie.

Wir trauen uns fast gar nicht, den Blick einmal zu erheben und in die weite Welt schweifen zu lassen: Dort arbeiten für viele Branchen, für viele Industrieunternehmen, (Digital-) Konzerne und Unternehmen sogenannte Crowdworker, die sich anfallende digitale Arbeit quer über den Planeten teilen. Sie programmieren, trainieren autonomen Fahrsystemen das Sehen, bearbeiten Fotos, schreiben Produktbeschreibungen und Hotelrezensionen fürs Internet. Meistens sind die Crowdworker qualifizierte Kräfte. Wer den Auftrag bekommt, bestimmt der weltweite Markt mehr oder weniger in Echtzeit. Und so wird hier Arbeit teilweise nur für zwei bis drei Dollar pro Stunde geleistet, wohlbemerkt qualifizierte zukunftsgerichtete Arbeit. Das ist die Konkurrenz zum Versuch in diesem Lande, etwas mehr Wohlstand für alle zu organisieren.

Warum schreiben wir das? Weil die Zukunft eben nicht nur hier entsteht, sondern weltweit. Und in weltweiter Konkurrenz. Wenn man es stark vereinfacht, könnten man behaupten, die Spielregeln dieses Spiels sind: Absatzmärkte in die Hochlohnländer, Arbeitsmärkte in die Niedriglohnländer. Wieder ein Argument dafür, dass Mittelstand und Märkte, in denen Arbeit und Absätze nah beieinander sind, gestärkt werden müssen, weil sie die Wirbelsäule unseres Wohlstandes sind und sein werden, wenn es gut läuft. Oder liegen wir falsch, fragen wir uns und Sie etwas bang?

Nun fragen wir nichts mehr, sondern wünschen Ihnen in diesen verrückten Zeiten, dass Sie die Herbsttage genießen können. Und wenn es in den Dörfern einmal zu neblig sein sollte, dann schauen Sie das Nebelmeer einmal von oben an: Hohenstoffeln, Hohenhewen oder Witthoh laden ein dazu. Das hilft gegen Oktoberblues.

Wir haben die Wanderschuhe schon gerichtet.

Carmen Frese-Kroll, Verlegerin
Anatol Hennig, Herausgeber
Oliver Fiedler, Chefredakteur

Wochenblatt @: Singener Wochenblatt


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