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Liebe und Krieg im Götterkuss

Färbe Applaus
Im Schlussapplaus spürte man die Erleichterung des Färbe-Ensembles, besonders darüber, dass die Bühne nicht wieder gesperrt wurde und über eine doch ganz eigene Inszenierung. swb-Bild: of

Färbe inszeniert den »Cyrano de Bergerac« im Existenzialisten-Format

Singen. Der Applaus war das große Signal zum Abschluss der Premiere des »Cyrano de Bergerac« in der Basilika. Das Publikum konnte hier eine personell sehr reduzierte, dafür eben aufs Erhebliche konzentrierte Inszenierung durch Andreas von Studnitz erleben. Dem Ensemble dürften gleich eine Reihe von Steinen vom Herzen gefallen sein, denn am letzten Freitag kündigte die Regierung doch harte Maßnahmen an, um der verschlafenen vierten Corona-Welle etwas Paroli bieten zu können, zum Beispiel mit erneuten Einschnitten gegen die Kultur.

Die Premiere am letzten Freitag war eine sehr reduzierte, was das Publikum anbetrifft, denn schon eine Woche zuvor wurde die Kapazität für Veranstaltungen arg beschnitten. Und das Stück hätte eigentlich schon genau vor einem Jahr Premiere feiern können, war auch schon aufführungsreif geprobt, und dann kam ein Lockdown, der überhaupt längste, der die Schauspieler bis zum Sommerstart ins Off geschickt hatte. Aber nun ist es geschafft.

Der »Cyrano de Bergerac« in der ursprünglichen Fassung von Edmont Rostand aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist eigentlich ja bestes Degentheater, denn die tragische Liebesgeschichte wird munter mit Patriotismus und Kriegslust gemischt, denn der Cyrano ist einer, der mit seinem Degen selbst Huntertschaften außer Gefecht setzen kann und mit seiner Kompanie der Gascogner so manches Scharmützel entscheidet. Und Cyrano, eben mit der berühmtesten Nase nach der von Pinocchio, zeigt es mit seinem Degen allen, die sein riesiges Riechorgan verspotten. Doch das meiste davon lässt Andreas von Studnitz weg in der Färbe-Inszenierung, die schon seine vierte des Stücks ist, wie er selber sagt. Der Singener »Cyrano« konzentiert sich mit dem perfekt besetzten Ensemble auf das Wesentliche der Story, und der Mut zum Weglassen zahlt sich aus, weil das Stück auf der Bühne dadurch viel gewinnt.

Cyrano (Alexander Klages) also, der Draufgänger, der so an der unerfüllten Liebe zu seiner Cousine Roxanne (Milena Weber) leidet, und das noch mehr, weil er sich in Selbstzweifeln um sein Äußeres zerfleischt, der sich gebrandmarkt sieht mit seiner Nase. Denn Roxanne schwärmt für einen neuen jungen Kadetten, Christian de Neuvilliette (Reyniel Ostermann), wegen seiner Erscheinung. Und da ist eben noch Graf Guiche (Elmar F. Kühling), der sich Roxanne zur Gelieben machen will, ihres Körpers  und seiner Begierde und seines Machtanspruchs wegen. Ist es ein Plan, dass Cyrano nun beginnt, seine Liebesschwüre über Christian zu transportieren, der zwar enorm hübsch ist, aber leider nicht mehr als drei Worte zusammenbringt, wenn er von der Ausstrahlung Roxannes geblendet wird, die die Regeln genau aufgestellt hat, wie man sie lieben sollte? Es ist wohl eher die Not des Verliebten auf dem Abstellgleis, wie in so vielen Szenen spürbar wird. Er scheibt die Briefe für den in Worten so untalentierten Kadetten Chistian nicht für ihn, sondern um den Druck aus der Seele zu bekommen. Doch spätestens in der so berühmten Balkonszene, sicher die beste nach Romeo und Julia, wird selbst Christian klar, dass er da nur eine Hülle ist für die Liebe eines anderen. Immerhin, die Liebesnacht gelingt vor dem Auszug in die Schlacht noch, und eine Heirat auf die Schnelle, bevor die Rache des gehörnten Graf Guiche zuschlägt und die Romanze zur Tragödie macht.

Was spürbar wird: der Kampf der Figuren mit sich selbst – so unbarmherzig, bis zum tragischen Ende, bei dem die Worte der Liebe erst auf dem Sterbebett gesprochen werden können, wo sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt. Das sind die eigentlichen Scharmützel in diesem Stück, die bewegen bis hin zum »Götterkuss«, den diese Inszenierung sicher bekommen hat, auch nach einem Jahr warten. Man kann ihn eben doch neu erfinden, sogar im »alten« Kostüm, macht Alexander Klages als »Cyrano« unter der Regie von Andreas von Studnitz deutlich. Nur ein Quartett der Innenleben war es beleibe nicht, denn die ganzen Rollen, die man trotz allem nicht weglassen kann – Kadetten-Kamrat Le Bret etwa, den Kapuziner, der als Liebesbote auch missbraucht wird und der seine Satisfaktion mit der Trauung ins Unglück des jungen Paars bekommt, oder den Schauspieler Montfleury, der von Daniel Leers in Szene gesetzt wird – halten damit eben die Verbindung an den Stoff, aus dem auch dieser Cyrano gestrickt ist.

Dem Stück ist es im scharfen Wind der aktuellen Lage, der eben nicht von den Schlachfeldern der Pandemie, sondern aus den Amtsstuben der Poltiker weht, hoffentlich vergönnt, auch noch an Silvester sein Publikum begeistern zu können. Gespielt wird in der Basilika im »Warnstufe 2: 2G plus«- Modus und den seit dem Wochenende gültigen Ausnahmen davon jeweils von Mittwoch bis Samstag bis in die erste Januarwoche – ab 20 Uhr. Karten unter 07731/64646 oder www.diefaerbe.de

Wochenblatt @: Oliver Fiedler

Stichworte:
Färbe | Studnitz | Cyrano | Basilika

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