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»Malerei als hochprofessionelle Saubeutelei«

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Sonderausstellung Engen
Gerd Heinrich Wollheim, Das Selbstbildnis mit der Weinflasche, 1921, Städtisches Museum Engen swb-Bild: Bernhard Strauss

Das »Selbstbildnis mit der Weinflasche« von Gerd Heinrich Wollheim in der Sonderausstellung „Hölle & Paradies in Engen

Engen. Einen höchst eigenwilligen Rotschopf gibt es im letzten Raum der aktuellen Sonderausstellung „Hölle & Paradies“ im Engener Museum zu betrachten: Ein Selbstbildnis des Künstlers Gert Wollheim, das ihn anno 1921 mit Weinflasche und, so suggeriert die Darstellung, im Vollrausch zeigt. Nun muss man wissen, dass Wollheim das „enfant terrible“ unter den Expressionisten war, was schon einiges zu heißen hat.

Seine Kunst, die zwischen Phantastik, Symbolismus und einem etwas abgedrehten Realismus hin- und herpendelte, löste bei der damaligen Kritik Stürme der Entrüstung aus. Wollheim ließ sich einfach in kein Schema einordnen, das sorgte für Irritationen. Wäre nicht ein Großteil seines Werkes im Zweiten Weltkrieg verbrannt, der Reichtum seiner Erfindungsgabe, die Unbändigkeit seiner Malleidenschaft und seine künstlerische Unabhängigkeit würden ihn als einen der führenden Künstler seiner Zeit ausweisen. Ein Hochkaräter vom Schlage eines Otto Dix, mit dem er auch befreundet war. Neben dem ganz persönlichen Eigensinn ist Wollheims Unangepasstheit auch darauf zurückzuführen, dass er im Ersten Weltkrieg durch einen Bauchschuss schwer verletzt wurde, und ihn die Sinnlosigkeit des Erlittenen radikalisierte. „Wir brauchen keinen Stil, wir brauchen eine menschliche Aussage“, war sein Credo. 1919 geht er nach Düsseldorf und schließt sich dem Kreis um Johanna Ey an, der berühmten Bäckereigaleristin und Promoterin von jungen avantgardistischen Künstlern.

Das „Selbstbildnis mit Weinflasche“ zeigt neben dem Rotschopf die maskierten Gesichtszüge des Künstlers. Und es stellt mehr dar als nur seinen ganz persönlichen Suff, nämlich die Trunkenheit an sich. Das merkt man daran, dass das Bild, trotz der wie hingekritzelten Pinselstriche, sehr durchdacht komponiert ist, und es seine weinselige Spontaneität nur vorgibt. In Wahrheit haben wir hier eine Art zu malen vor uns, die 50 Jahre später als „bad painting“, also eine bewusst „schlechte“ Malerei in die Kunstgeschichte eingehen sollte. Sozusagen Malerei als hochprofessionelle Saubeutelei. Das Publikum soll sich schließlich nicht so ohne weiteres in die wohlgefällige Komfortzone des „Wahren, Schönen und Guten“ zurückziehen können.

Das Ölbild konnte übrigens Dank des Sponsorings eines Engener Unternehmens von unserem Museum erworben werden. Es bildet nun eine wertvolle Bereicherung der Sammlung.

 

 

 

Wochenblatt @: Ute Mucha

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