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Mehr Miet-und Seniorenwohnungen statt Neubaugebiete

Lebhafte Debatte bei der SPD-Veranstaltung um Leerstände in Radolfzell
Referent Stefan Flaig, Ökonsult Stuttgart; Hannes Ehlerding, SPD-Vorsitzender Ortsverband Radolfzell; Ursula Hanser, SPD-Kassiererin; Luitgard Matatko, Stellvertretende SPD-Vorsitzende (v.l) im Zunfthaus der Narrizella. swb-Bild: Bg

Lebhafte Debatte bei der SPD-Veranstaltung um Leerstände

Radolfzell. Wegen der zeitgleichen Gemeinderatssitzung fehlten am Dienstag zwar wichtige LokalpolitikerInnen in der gut besuchten SPD-Versammlung zum Thema »Wohnraumfrage in Radolfzell«, aber Referent und Geograph Stefan Flaig vom Stuttgarter Büro Ökonsult gelang es trotzdem, diesem »äußerst schwierigen Thema«, so SPD-Vorsitzender Hannes Ehlerding, brisante lokale Seiten abzugewinnen, wie die lebhafte Diskussion im Zunfthaus der Narrizella zeigte.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Flaig damit, wie sich der unbestechliche demografische Wandel auf die Kommunen auswirkt. Und die Zahlen lügen nicht: Die Bevölkerung, auch in Radolfzell, wird zusehends älter, die Gruppe der Senioren wächst, die Zahl junger Familien hingegen sinkt, die Zuwanderung mildert dies nur ab. Daraus folgt für Flaig, dass es genug Wohnraum für Familien im Bestand gäbe, wenn es nur gelänge, die Interessen von Jung und Alt zusammenzuführen – eine zentrale Zukunftsaufgabe der Kommunen.

Denn ältere Menschen, so zeigen Umfragen, schätzen sehr wohl einen Aufzug, einen Hausmeister, ein barrierefreies Bad, Nähe zum Arzt, zum Nahverkehr, zum Einkauf, zu sozialen Kontakten, zu Betreuung. Ihre Gartennutzung sinkt zwar, aber in altersgerechten, ausreichend großen Wohnungen können sie einfach länger selbstbestimmt leben, ein zentraler Wunsch vieler Senioren. Kommunen bräuchten deshalb mehr altersgerechten Wohnraum, sonst stünden sie bald vor steigendem, unerträglichem und unsozialem Leerstandspotenzial in vielen Straßen mit Blick auf geschlossene Rollläden.

Die Hoffnung der Enkel, das alte Haus und Grundstück dann versilbern zu können, sei trügerisch, denn »die Schere zwischen Angebot und Nachfrage öffnet sich drastisch« so Flaig, »sozial Schwache und Singles kaufen keine Häuser«, die absehbar jedoch in großer Zahl auf den Markt drängten – und Erlöse drücken würden. Jetzt sei der Verkauf »noch günstig, um eine Senioren-Wohnung zu erwerben oder zu mieten«.

Die Nachfrage junger Familien solle hingegen auf diesen älteren Bestand gelenkt werden, der »sarniert und modernisiert« gehöre, was günstiger sei als teure Neubaugebiete mit Einfamilienhäusern. »Leerstehende Häuser müssen auf den Markt«, so Flaig, »wir brauchen mehr seniorengerechte Wohnungen statt Einfamilienhäuser auf ›Enkelgrundstücken‹!« Damit könne auf ökonomisch und ökologisch unsinnigen und teuren Flächenverbrauch verzichtet werden, wie schon das Oettinger-Prinzip mit »Netto-Null« dem Ländle einst vorgab. Die Bedarfsberechnungen der Kommunen über Belegungsdichten gingen jedoch an dieser Interessenrealität der Altersgruppen vorbei – es würde weiterhin nach Köpfen gerechnet statt nach Zielgruppen geplant. Hier sei neues soziales Denken gefragt.

Der neue Wohnraummanager in Radolfzell könne solche Gespräche suchen, das kommunale »Raumteiler-Konzept« könne attraktiv ausgebaut werden. Zentral sei die Bewahrung „kommunaler Macht über Grund und Boden, um die goldene Fruchtfolge – Acker, Frucht, Bauland!« durch eine Politik des kommunalen Aufkaufs und die Vergabe von Grundstücken in Erbpacht auf 99 Jahre abzulösen. »Wohnungsbaupolitik macht man für 40 bis 50 Jahre«, schloss Flaig, »Mehr Bauland ausweisen ist Quatsch!« Flaig verwies zudem auf die grundgesetzliche Sozialbindung des Eigentums und forderte wirksame Leerstandsabgaben ein. Auf WOCHENBLATT-Rückfrage stellte Ehlerding in Aussicht, dass sich die SPD-Fraktion ähnlich intensiv wie in Singen mit dem Thema Leerstände beschäftigen werde.

Wochenblatt Redakteur @: Graziella Verchio