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„Politik muss von der Zuschauerbank wieder zu den Menschen kommen“

SPD Jubiläum
Sie feierten mit den Gästen den 125. Geburtstag: Hans-Peter Storz als 2. Vorsitzender der Singener SPD, Andrea Bächtold von der Schaffhauser SP, Stadtrat Walafried Schrott, Fraktionssprecherin Regina Brütsch (mit dem Jubiläumsgeschenk der Schweizer Nachbarn, das wie die echten Bahnhofsuhren eine Sekunke pro Minute steht), der Schaffhauser Stadtpräsident Peter Neukomm und Andreas Stoch als Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag. swb-Bild: of

125 Jahre SPD in Singen mit Festakt und Neujahrsempfang im Bürgersaal

Singen (of). Ihren 125. Geburtstag feierte die SPD in Singen mit Festakt und Neujahrsempfang in einem. In die Geschichte blickte Stadtarchivarin Britta Panzer, die Fragen der Zukunft stellte der ehemalige Kultusminister Andreas Stoch, in Kunst verdichtete Antonio Zecca die Geschichte in 125 gemalte Sekunden.

„Die SPD ist mehr als alle anderen Parteien mit der deutschen Geschichte verbunden“, meinte Hans-Peter Storz als derzeit stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins. Das sei auch für der Grund gewesen, damals in diese Partei einzutreten, die der für fünf Jahre auch als Landtagsabgeordneter vertreten hatte. Es sei nach wie vor eine Partei, die für den solidarischen Ausgleich kämpfe, und der sei mehr gefragt denn je, so Storz, der zwar selbst keine Abgeordneten aus den regionalen Wahlkreisen zum nachgeholten Festakt begrüßen konnte, dafür den aktuellen Fraktionsvorsitzenden der SPD im Landtag, Andreas Stoch, der hier eine Standortbestimmung einer Volkspartei vornahm, die gerade ihre Zukunft noch sucht.

„Was er erwarten die Menschen von uns“, war seine Kernfrage im Rückblick auf das Jahr 2019, das ja in großen Personaldiskussionen verlief und vielen den Eindruck gemacht habe, dass man sich nur um sich selbst drehe. „Die SPD ist wahrscheinlich gut gutmütigste Partei des Landes“, befand Stoch, man regiere ja in den verschiedensten Konstellationen, sogar mit der CDU. Aber woran es fehle, sei, dass die Menschen nicht mehr erkennen würden wie so viele kleine Schräubchen etwas bewegen könnten.

„Wir müssen Visionen entwickeln, um den Demagogen im Land das Handwerk zu legen, die den Menschen Angst machen wollen“, hob Stotz hervor, der dafür deutlichen Applaus erhielt. Schon damals vor 125 Jahren sei es auch in Singen darum gegangen, Ängste vor Veränderungen zu nehmen. Das seine ein der Aufgaben von Politik die Menschen zu begleiten. Denn bei den aktuell anstehenden Veränderungen in einem immer schnelleren Tempo, begleitet von Wohnungsknappheit und der Furcht in der neuen digitalen Arbeitswelt nicht mithalten zu können, werde es eben der Markt eben nicht richten, wie immer wieder von den Liberalisten beteuert. „Politik muss von der Zuschauerbank wieder zu den Menschen kommen“ unterstrich er. Und dazu gehört für ihn zum Beispiel die Unterstützung von Kommunale Wohnungsbaugesellschaften, die hier ohne Profitzwang helfen könnten, die Wohnungsknappheit zu mildern. Bildung sei die Ausgangsüberzeugung bei der Gründung der Partei gewesen. Das solle auch jetzt noch im Mittelpunkt stehen mit der klaren Position zu den großen Herausforderungen im Bildungsbereich. „Wird brauchen für jedes Kind beste Chancen, keines darf zurückgelassen werden.“

Zeitreise zu den „Arbeitern“

Stadtarchivarin Britta Panzer nahm die rund 100 Gäste des Festakts mit auf eine Zeitreise durch die Highlights des Ortsvereins der Partei, die die älteste noch bestehende Partei Deutschlands ist. 1894 war es Johann Sanner gewesen, der mit den „Hergeloffenen“ der damals im Umbruch befindlichen Stadt mit seiner Frau Emma alle typischen Arbeitervereine in der Stadt begründete. Theodor von Wächter, damals Theologiestudent steuerte einem Vortrag zur Gründung  bei, der entkräftigen sollte, dass die Sozis keine Vielweiberei einführen wollen und auch nicht die Firmen enteignen.

August Bebel war im Kaiserreich sogar auf dem Hohentwiel zu Gast, was ein Jahr nach Gründung des Ortsvereins ganze 4.000 Schaulustige anzog für eine „Großes Rotes Volksfest“, so der damalige Höhgauer-Erzähler. Erst 1999 wurde Singen zur Stadt, aber es ging schon rasant vorwärts durch die neue Industrie. Otto Korn begründete damals die „Allgemeinde Ortskrankenkasse“ in Singen. Die SPD bot  den Arbeitern ihr Sport- und Kulturkartell mit einem Turnvereinen oder den Naturfreunden, für Soziale kam die Arbeiterwohlfahrt dazu. Zu Beginn der Nazi-Zeit waren die Sozialdemokraten noch der Meinung, die Gegner würden sich an der Partei der Arbeiterklasse „die Zähne ausbeißen“, doch das war eine Illusion. Friedrich Vallendor und Heinrich Weber waren die lokalen Vertreter eines Wiederstands, die nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Adolf Hitler ihr Leben lassen mussten. Ebenso wie Max Porzig, dem ersten Lokalredakteur des  „Volkswille“.

Die Wahl Friedhelm Möhrle zum OB für 24 Jahre ab 1969 und der Besuch Willi Brands 1972  unter dem Hohentwiel sind für die die Highlights der Nachkriegszeit.

Dem OB auf den Thron geholfen

Singens OB Bernd Häusler betonte in seinem Grußwort, dass man stolz sei, die Stadt gemeinsam vorangebracht zu haben. Die SPD sei immer eine Partei gewesen die zum Staat stehe und auch in schwierigen Zeiten Verantwortung übernehme, auch derzeit in einer großen Koalition. In der Stadt gebe es eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, einschließlich der Unterstützung seiner Kandidatur als OB im Jahr 2013 machte er deutlich.

Peter Neukomm, aktuell Stadtpräsident für die SP in Schaffhausen, die zehn Jahre jünger ist als der Singener Ortsverein, hob auf die internationale Solidarität ab, die hier über die Grenze hinweg gepflegt werde. Man sei trotz grüner Tendenzen noch die Nummer zwei in der Schweiz und habe mit Martina Munz ja eine Frau aus dem Kanton im Nationalrat. Die Furcht vor sozialem Abstieg und das Erstarken populistischer Tendenzen , das sei in der Schweiz genauso Thema und bedürfe glaubhafter Anworten. „Die Welt braucht mehr sozialdemokratische Politik“, ist seine Botschaft des Abends, die mit Applaus bedacht wurde.

125 Jahre in zwei Minuten

Während der fast zwei Stunden an Reden, hatte sich freilich jemand versteckt unter einem Tuch neben der Bühne. Künstler Antonio Zecca, der erst zum Finale des Festakts enthüllt wurde, hatte freilich gut zugehört bei den ganzen Positionsbestimmungen. Die 125 Jahre SPD komprimierte er nun in 125 Sekungen, also etwas mehr als zwei Minuten in zwei in rot gezeichnete Gemälde, die zuvor noch die Leinwand zur Präsentation der Geschichte der SPD gewesen waren. Zecca selbst hat es ja aus Italien der Kunst wegen in den Hegau verschlagen, und irgendwie war SPD für ihn auch etwas wie neue Heimat.

Dank für lange Treue

Der Ortsvereinvorsitzende Stefan Dierking und Stadtrat Walafried Schrott nahmen die Ehrungen zum Abschluss vor, als Tradition aus den Neujahrsempfängen: ganze 50 Jahre sind Susanne Wolf und Dieter Möhrle mit dabei, seit 40 Jahren treu Pia Falk, Ernst Tussing und Helga Graf, 25 Jahre Steffen Lederle, Tobias Flemming, Irid Lingk, und auch vor 10 Jahren gab es neue Mitglieder mit Thorsten Rauber, Simon Kurreck und Marco Matt.

Danach gings zum munteren Jubiläumsmahl im Singener Bürgersaal – übrigens mit grüner Erbsensuppe. Dies aber eher in Erinnerung daran, als die „Maggi“ mit ihrem Produkten half, leere Mägen zu füllen.

Mehr Bilder vom Festakt gibt es in unserer Galerie.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler