- Anzeige -

So nah, und doch schon fast vergessen

Sonderausstellung WIrtschaftswunder
Radolfzell vor rund 60 Jahren: Auf dem Motorroller der Marke »NSU Lambretta« Rüdiger Specht, stellvertretender Leiter des Stadtmuseums Radolfzell; Angelique Tracik, Fachbereichsleiterin Kultur mit dem neuen dritten Band zur Lokalgeschichte und Dr. Angelika Merk, Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte.swb-Bild: eck

Neue Sonderausstellung im Stadtmuseum widmet sich dem Radolfzeller Wirtschaftswunder

Radolfzell. Die neue Sonderausstellung des Stadtmuseums Radolfzell führt die etwas Älteren zurück in ihre Kinder- und Jugendzeit, und wird von machen gar als eine »bessere Zeit« verehrt. Für die Jüngeren ist es bereits eine Zeitreise in eine unbekannte Vergangenheit. Unter dem Titel »Wirtschaftswunder-bewegte Jahre in Radolfzell« zeigt die Ausstellung »ein Panoptikum der Wirtschaft und der Lebensbedingungen im Radolfzell der 1950er und 1960er Jahre«. Elf Themeninseln spiegeln die Zeit seit Gründung von BRD und DDR bis zur Ölkrise 1973 mit den Sonntagsfahrverboten, erläutert Angelique Tracik, Fachbereichsleiterin Kultur. Heutzutage vielleicht kurios anmutende Gegebenheiten finden Erwähnung: Der aus Bern kommende Zug der Weltmeistermannschaft von 1953 hatte einen Aufenthalt im Radolfzeller Bahnhof. Spontan entstand eine improvisierte Autogrammstunde mit den Fußball-Helden.


Nierentisch und Wechsel-Plattenspieler

Die Sonderausstellung begleitet den dritten Band der Schriftenreihe zur Radolfzeller Lokalgeschichte mit dem Titel »Vom Marktflecken zum Mittelzentrum«, sagte Dr. Angelika Merk, Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte. Der Buchband beschreibt die Zeit von der Siedlungsgründung bis heute. Lebendig wird die wirtschaftliche Entwicklung über die Jahrhunderte bis hin zum Wirtschaftsstandort der Neuzeit. Als gefeiertes «Wirtschaftswunder« ging die bittere, durch einen Neuanfang geprägte Nachkriegsperiode in die Geschichte ein. Zeiten der Vollbeschäftigung beflügelten damals auch die Radolfzeller Gesellschaft. Von Unternehmen und Persönlichkeiten, die die Entwicklung mitprägten, werden lebendige Portraits gezeichnet.
Verlangt das Buch dem Leser viel Phantasie ab, um sich in die vergangenen Zeiten einzufühlen, so fordert die Sonderausstellung auf: bitte Platz nehmen im Wohnzimmer der 50er und 60er. Altes Vinyl auflegen, zurück lehnen und die alten Zeiten spüren. Neben dem Wohnen wird in anderen Räumen die damalige Arbeitswelt lebendig: Allweiler, die Firma Messmer und die Radolfwerke, ein ehemaliger Lebensmittelhersteller. Erstaunlich: die Deutsche Bahn war in dieser Zeit der drittgrößte Arbeitgeber am Ort, geht aus der Vorstellung der neuen Sonderausstellung hervor.
Nicht zu vergessen: Die Frauen hielten während des Krieges die heimische Wirtschaft am Laufen und hatten auch in der Nachkriegszeit ihren Platz in der Arbeitswelt. Das sich verändernde Selbstverständnis der Frauen nahm seinen Anfang. Nicht von ungefähr, stellte die heutzutage teils skurril anmutende Werbung der 50er Jahre die Frau wieder an den Herd.


Zeitzeugen berichten

Das Stadtmuseum hat eine Vielzahl verschiedener Objekt für die Ausstellung zusammengetragen, teils aus dem eigenen Fundus, teils als Leihgaben aus der Bevölkerung, so Rüdiger Specht, stellvertretender Leiter des Stadtmuseum. An zwei Medienstationen machen Zeitzeugen in audio-visuellen Berichten ihre Erlebnisse nachfühlbar, unter anderem die Flucht der Familie Deterling zur Zeit des Mauerbaus aus der ehemaligen DDR und ihr Neuanfang in Radolfzell. Andere Zeitzeugen berichten aus ihrer Arbeitswelt. Die Ausstellung kopiert eine Örtlichkeit, die nur wenige Jahrzehnte zurück liegt, aber krass erkennen lässt, wie sehr sich Wohnen, Leben, Arbeit und Gesellschaft in dieser relativ kurzen Zeit verändert haben. Eine Zeitspanne, nicht länger als vom Bakelit-Telefon in der einen Hand bis zum Smartphone in der anderen.

Wochenblatt Redakteur @: Matthias Güntert