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Unvergessliche Allerheiligen-Erkenntnis

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Hinter dem Friedhof unbekannte SS-Schiess-Stände entdeckt

Wie gehen wir mit unserer SS-Vergangenheit um? Radolfzell tut sich am Louisenplatz weiterhin schwer mit der Erinnerung. Können Friedenstauben von Markus Daum helfen? Im kommenden Monat soll der Gemeinderat entscheiden, wie die Gedenkstätte mit Anstand für die Zukunft gestaltet werden kann. Die kulturbeflissene Ausschussmehrheit votiert für sieben Friedenstauben von Markus Daum. Ob damit ein dauerhafter Frieden hergestellt werden kann, ist eher ungewiss, denn die Namenstafeln bleiben an der Gedenkwand: Opfer und Täter nebeneinander. Und die Skulptur steht unter Denkmalschutz.

 

Der November ist unser Gedenkmonat. Allerheiligen/Allerseelen bis zum Totensonntag. Und zwischendrin der Volkstrauertag. Letzterer ist ein durchaus schwieriger Termin, denn es geht um geschichtliche Daten mit ganz unterschiedlicher zutiefst menschlicher Sicht: 70/71, 14-18, 39-45. Viele Familien haben Opfer beklagt, Lücken von existentieller Bedeutung hat ein mörderischer Krieg in unsere Gesellschaft gerissen. „Versöhnung über den Gräbern“ hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge propagiert. Wer einmal einen Einsatz jugendlicher Helfer geleitet hat, hat andere Perspektiven dazugelernt. Soldatenfriedhöfe als Orte der Mahnung: Als wir 1976 in Wassigny (Nordfrankreich) auf einer Anlage aus dem Ersten Weltkrieg, ziemlich zentral im Ort gelegen, arbeiteten, hörten wir von Einwohnern, es sei an der Zeit, dass sich die Deutschen um ihre Kriegsopfer kümmerten!

 

Aber haben wir uns in Deutschland selbst genügend um unsere Kriegsopfer gekümmert? In Radolfzell zogen nach Kriegsende Franzosen in die alte SS-Kaserne ein. Als man beim Umbau ins RIZ immer noch SS-Runen als „Zierde“ auf Treppengeländern fand, wurde dies totgeschwiegen. Gab es denn keine Hitler-Gedenkbilder mehr im Keller? Archivar Markus Wolter hatte die SS-Geschichte aufgearbeitet, selbst in der offiziellen Ortschronik der Stadt beinhaltete dank Achim Fenner die dunkle Vergangenheit. Dann kam für mich vor fünf Jahren der Allerheiligentag. Mein Freund Gerd Zahner rief mich an, ob ich Zeit hätte, er wolle mir etwas zeigen. Zwei Stunden später stand ich mit meiner Frau mitten in der SS-Schiessanlage hinter dem Radolfzeller Waldfriedhof. Wir stapften über nassen Waldboden zu gigantischen Betonbauten. Trampelpfade zeigten uns, dass das, was uns ungläubig machte, anderen sehr wohl bekannt sein musste! Den Hang zum großen Schiessplatz riskierte ich nicht, gab aber meine Kamera meiner Frau mit. Die Bilder schockierten mich: Eine frische Grillstelle vor dem riesigen Kugelfang!

 

In der nächsten Wochenblatt-Ausgabe schockten die Bilder aus dem Wald. Die Diskussionen verliefen auf verschiedenen Ebenen. Viele fühlten sich berufen, doch nur wenige durften sich auserwählt fühlen. Gerd Zahner schrieb „Die Flüsterstadt“, die im „Scheffelhof“ vom Theaterforum „Doppelgänger“ uraufgeführt wurde. Gerd Zahner hatte den Opfern ein Gesicht gegeben. Und auch das offizielle Radolfzell fragte nun „Was tun?“ Der nächste Volkstrauertag konnte nicht länger mehr der alte sein. Mit Dr. Jörg Schmidt hatte Radolfzell einen Oberbürgermeister der richtigen Worte. Mit Norbert Lumbe und Christof Stadler mühten sich Gemeinderäte um die richtige Gestaltung der Gedenkstätten. Aber ein Problem blieb: Der Louisenplatz.

 

Die aktuelle Frage ist, ob der Louisenplatz durch sieben Tauben von Markus Daum zukunftsfähig wird. Oder hätte man besser einen Wettbewerb ausgeschrieben? Jetzt gibt es schon eine zusätzliche Erinnerungstafel an dem Kriegerdenkmal. Und dann noch eine weitere Aussage? Ich habe mehrfach Gedenkfeiern dort erlebt: Jugendliche mahnen – Senioren erinnern sich. Und schon einmal sah ich eine Alternative: Warum nicht eine Gedenkfeier auf dem Radolfzeller Waldfriedhof? Und wieder kommt die Frage, was wir am Volkstrauertag aussagen wollen? Früher nannte man ihn „Heldengedenktag“, das war die Sprache der Kriegsteilnehmergeneration. Ihre Denkmale wurden in den 30er Jahren von dem Nazi-Regime bewusst zur Einstimmung auf die kommende große kriegerische Auseinandersetzung errichtet. Auch ein Grund für einen Standortwechsel.

 

Gerd Zahner hat in Singen zum zweiten Mal einen Kulturförderpreis des Singener City-Rings erhalten. Der erste war für „Gütterli“, die Aufarbeitung des Zwangsarbeiterschicksals in der Theresienkapelle in Singen. Es geht eben nicht um Flüstern sondern um klare Positionsbekenntnisse. Dies hat Gems-Chef Andreas Kempf bei seiner Laudatio herausgestellt. Zahner hat vor Jahresfrist die RAF-Festnahmen von Verena Becker und Günter Sonnenberg im Kulturzentrum aufgearbeitet. Unvergessen ist 2011 am Heiligen Abend die „Boger“-Inszenierung in der St. Michaels-Kapelle in Singen neben dem Seniorenknast, wo Wilhelm Boger, der Teufel von Auschwitz, Weihnachten Besuch von einem Singener Christenmenschen erhielt. Der Dialog ging zu Herzen, ans Eingemachte. Erinnern tut eben bisweilen weh! Der Zuhörerkreis verdichtete sich zu einer mitleidenden Gemeinschaft. Der Nachmittag vor Christmetten und Geschenkparaden schuf Solidarität. Handschlag in der ersten Reihe: Bürgermeister Bernd Häusler, Siegmund Kopitzki und ich. Bekenntnis gegen Flüsterstädtisches . . .

Wochenblatt Redakteur @: Hans Paul Lichtwald

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