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Virtuelles Teetrinken über das, was trennt

Trauerort
Der Trauergarten im Hospiz Horizont könnte ein geeigneter Ort sein, um nach der Pandemie Trauernde aller Religionen zu einem gemeinsamen Ritual zu vereinen. swb-Bild: Gerhard Lück

„Forum der Religionen Singen und Radolfzell“ kreist um die Corona-Krise

Singen/ Radolfzell. Das „Forum der Religionen Singen und Radolfzell“ kam zum „virtuellen Teetrinken“ zusammen – beim Treffen im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ ging es besonders um Corona. - um damit wiederum einen Bogen zur nicht ausgelebten Trauer zu schlagen.

Religionsgemeinschaften, gleich welcher Glaubensrichtung, leben intensiv ihr Miteinander. Sie teilen ihre Alltagssorgen, beten miteinander, suchen nach neuen Wegen gesellschaftlichen Lebens, tragen Leiden und Freuden gemeinsam – meist. Und trotz aller oft sehr klaren Trennlinien versuchen sie, miteinander ins Gespräch, in den Austausch zu kommen. Die Hegau-Metropole Singen beheimatet wie kaum eine andere Stadt im Süden des Landes eine Fülle aktiver Religionsgemeinschaften. Religiöse Vielfalt ist in und um Singen zur Normalität geworden. Neben dem traditionell verhafteten Christentum leben viele Menschen hier, die sich dem Islam, dem Buddhismus oder anderen Religionen verbunden fühlen. Und um all diese Gemeinschaften, die viel Gutes für ihre Mitglieder tun und wollen, in einen interreligiösen Dialog zu bringen, hat der Verein Integration in Singen „InSi e.V.“ 2019 das „Forum der Religionen Singen und Radolfzell“ ins Leben gerufen.

Doch bald kam Corona und viele mögliche und geplante Begegnungen konnten nicht mehr stattfinden. Da jetzt im März die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ ausgerufen waren, kamen die Initiatoren um den kommunalen Integrationsbeauftragten der Stadt Singen, Stefan Schlagowsky-Molkenthin, auf die Idee, zu einem „virtuellen Teetrinken“ via Zoom-Meeting einzuladen. Es sollte ein „informeller Austausch darüber werden, wie es uns in Zeiten des Corona-Virus geht und wie wir ein solidarisches Miteinander erhalten können“.

Zur großen Freude der Organisatoren nutzten immerhin 25 Frauen und Männer den Link und brachten sich in einen fast zweistündigen interreligiösen Dialog ein. Verständlich, dass dabei Corona mit all seinen traurigen und oft grenzwertigen Erfahrungen im Mittelpunkt stand.

Schon bei der Vorstellungsrunde kamen angesichts der Pandemie viele erlebte Defizite, die eigentlich bei allen Religionsgemeinschaften zum Kern ihres Wesens gehören, zur Sprache. Gottesdienste seien nicht mehr in gewohnter und stärkender Weise möglich, die Umarmung als Zeichen der Zusammengehörigkeit verboten – ja, selbst der gemeinsame Gesang und frohes Muszieren in Gottesdiensten oder bei Zusammenkünften seien nicht mehr gestattet. Viele Menschen hätten plötzlich große Einsamkeit empfunden, alle hätten die Gemeinschaft vermisst – und besonders ältere Menschen spürten viel Einsamkeit.

Im digitalen Gespräch kamen dann immer mehr auch die Erfahrungen mit den besonderen Umständen des Todes wegen oder mit Corona zutage. Ganz viel von noch lange nicht verarbeiteter Trauer war spürbar. So bedauerte ein Vertreter der muslimischen Gemeinde sehr stark, dass die üblichen großen Trauerfeiern in der Moschee nicht stattfinden durften oder zu den Begräbnissen in der türkischen Heimat nur noch wenige Menschen mitfliegen durften. „Ja, es tut weh, in dieser Zeit etwas zu verlieren“, stellte Oguz Akbudak traurig fest, „und Corona kennt keine Religion, keine Nation, keine Hautfarbe.“ Und dabei seien, so die Buddhistin Tsunma Jinpa, Rituale beim Trauern doch so wichtig.

Die Betroffenheit mancher Zoom-Teilnehmenden gerade beim Thema Trauern ermunterte die evangelisches Pfarrerin Andrea Fink-Fauser zu einem vielfach begrüßten Vorschlag: „Wir sollten uns nach Corona zu einem gemeinsamen Ritual am Interkulturellen Trauerort vom Hospiz Horizont treffen.“ Caritas-Geschäftsführer Wolfgang Heintschel berichtete, dass der dieser Trauerort immer mehr angenommen werde und berichtete von der positiven Corona-Erfahrung, dass viele Singener Schülerinnen und Schüler jüngst Briefe an Menschen im Hospiz geschrieben hätten, um so die Verbundenheit mit „der Welt von außen“ zu bekunden. Moderator Schlagowsky griff abschließend den Gedanken eines gemeinsamen Rituals auf: „So kann Trauer auch eine Brücke zwischen den Religionen hier in Singen schlagen.“                                                     Gerhard Lück

Wochenblatt @: Oliver Fiedler

Stichworte:
Trauerort | Hospiz | Dialog | Religionen

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