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Volkstrauertag »entvölkert« sich

Volkstrauertag
Oberbürgermeister Martin Staab und Stadtrat Christof Stadler beim Niederlegen des Kranzes am Gefallenenmahnmal auf dem Luisenplatz. swb-Bild: eck

Radolfzell gedenkt der Gefallenen der Weltkriege

Radolfzell. Der Volkstrauertag findet mehr und mehr ohne das Volk statt. Eingeführt vor rund 100 Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, erfuhr der Gedenktag eine vielleicht noch tiefere und umfassendere Bedeutung nach den Gräuel des Nazi-Regimes. Nach mehr als 75 Jahre seit Ende des Zweiten Weltkrieges schwinden die Zahlen der Zeitzeugen und der Betroffenen, die Väter, Onkel oder Brüder im Krieg verloren, oder deren Angehörige gegen Kriegsende, während der Vertreibung und Flucht den Tod fanden. Der die Bevölkerung verbindende Schmerz über den Verlust der geliebten Nächsten fand immer ein bisschen mehr Linderung mit jeder nachfolgenden Generation. Einen persönliches Leid fühlen nur noch wenige, noch lebende direkt Betroffene. Heutige junge Generationen konnten nicht mehr das Geschehen, während und nach dem letzten Weltkrieg, aus lebendigen Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern erfahren und mitfühlen. Lediglich »sterile« Texte in Geschichtsbüchern vermitteln einen versachlichten Eindruck dieser Epoche. Deshalb erschien es auch nicht verwunderlich, dass sich die Zahl der auf dem Radolfzeller Luisenplatz versammelten Vertreter aus Gemeinderat, Verwaltung und örtlichen Organisationen, sowie der Mitglieder der Stadtkapelle sich die Waage hielt mit den wenigen älteren Besucher der Feierlichkeiten zum Volkstrauertag. So sprach es Christoph Stadtler, CDU Stadtrat, in seiner Festrede auch direkt an: »Wo ist das Volk?« Seine Frage »Welche Trauer?«, ist gleichzeitig die Antwort. Das Gros des Volkes fühlt die Trauer nicht mehr, die Anlass des Volkstrauertags ist. Es stelle sich die Frage nach einem sinnvollen Bedeutungswandel des wertvollen Gedenktags, so Stadler. Ein »offener und ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit als Bedingung für ein friedliches Miteinander« würde ein Fühlen und Verstehen dieser Vergangenheit bedeuten. Doch das kulturelle Gedächtnis, entgegen anderer Kulturen, scheint mehr auf Vergessen ausgerichtet zu sein. Stadler mahnte die aktuellen Tendenzen zur Radikalisierung an. Dies mache es umso wichtiger, die Vergangenheit im Bewusstsein zu behalten, und Parallelen in der Gegenwart nicht herab zu wiegeln. Um die Vergangenheit an diesem Tag der Erinnerung lebendig werden zu lassen, las Christoph Stadler aus den beklemmenden Aufzeichnungen zweier Radolfzeller Soldaten der Weltkriege, und aus der ernüchternden Chronik des Arztes Dr. Otto Mader, als Radolfzell zur Lazarettstadt wurde. Um dem mahnenden Charakter des Volkstrauertags gerecht zu werden, trugen zwei jugendliche Münstermücken Auszüge aus den ersten sechs Artikeln des Grundgesetzes vor: eine Mahnung an Gerechtigkeit und Freiheit. Im Anschluss erfolgte die Kranzniederlegung zur Ehren der Opfer der beiden Weltkriege, begleitet von Dietmar Baumgartners Trompetensolo «Ich hatt´ einen Kameraden«. Abschließend sprachen die Anwesenden gemeinsam das «Totengedenken«, das 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss eingeführt wurde.

Wochenblatt Redakteur @: Matthias Güntert