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Weiter Weg bis zum barrierefreien Verkehr

ÖPNV barrierefrei
Bei einem vor Ort Termin machten Oswald Ammon, Behindertenbeauftragter des Landkreises, MdL Jürgen Keck und Uwe Negraßus, Fachbereichsleitung des Tiefbaus, auf die fehlenden barrierefreien Bushaltestellen in Radolfzell aufmerksam.swb-Bild: gü

Erst vier Haltestellen von 176 für Menschen mit Handicap geeignet

Radolfzell. Die Miene von FDP-Landtagsabgeordnetem Jürgen Keck zuckte ob dieser Zahlen kurz zusammen: Lediglich vier von 176 Bushaltestellen in Radolfzell sind barrierefrei und behindertengerecht sowohl für körperlich als auch sinnesbehinderte Menschen. Dies gab Uwe Negraßus, Fachbereichsleitung des Tiefbaus, bei einem Stadtrundgang des MdL zusammen mit dem Behindertenbeauftragten des Landkreises, Oswald Ammon, in der vergangenen Woche bekannt.
»Wir sind in Radolfzell hintendran«, sagte Keck auf Nachfrage des WOCHENBLATTES. Es gehe ihm nicht um Schuldzuweisungen, betonte der MdL, aber Keck erklärte auch, dass in Radolfzell der Blick für Menschen mit einem Handicap ab und an fehle. »Das ist ein Armutszeugnis. Diese Versäumnisse sind erschreckend«, so Keck weiter. So fehlen an der Bushaltestelle beim Gesundheitsamt etwa ein Leitstreifen im Boden sowie ein entsprechendes Einstiegsfeld, der Sehbehinderten den ungefährlichen Einstieg in den Stadtbus ermöglicht. »An einem Behördenzentrum sollte dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein«, sagte Keck. Bis 2022 müssen Bushaltestellen und Bahnsteige nach dem bundesweiten Personenbeförderungsgesetz barrierefrei sein.
Im Vergleich zu den Nachbarstädten Singen und Konstanz scheint man in Sachen behindertengerechte Bushaltestellen wahrlich hinterherzuhinken. 170 der über 300 Stationen in Konstanz sind beispielsweise bereits behindertengerecht eingerichtet worden. In Singen sind es etwa 85 von rund 250 Stationen.
Keck fordere, dass die Versäumnisse schnellstmöglich beseitigt werden. Dazu müsse die Stadt eine entsprechende Planung in Angriff nehmen, Geld bereitstellen und vor allem mit der Umsetzung beginnen - notfalls auch per Nachtragshaushalt.
Negraßus betonte, dass man bereits eine Prioritätenliste der Stationen in Radolfzell erstellen wolle, damit man dem Anspruch an eine behindertengerechte Stadt im ÖPNV nachkommen könne. In der Konstanzer Straße werden etwa derzeit sechs Bushaltestellen an die entsprechenden Richtlinien angepasst. Eine Bushaltestelle koste nach Angaben Ammons zwischen 40.000 und 50.000 Euro.
Trotz des Rückstandes im Bereich der behindertengerechten Bushaltestellen stellte der Behindertenbeauftragte des Landkreises der Stadt Radolfzell ein gutes Zeugnis aus, wie er im Gespräch mit dem WOCHENBLATT verdeutlicht: »Radolfzell lernt aus den Fehlern der Vergangenheit - das ist ein sehr gutes Zeichen«. Er sei sich sicher dass man bis 2022 eine 80-prozentige Barrierefreiheit erreichen könne - auch wenn begangene Fehler, wie etwa bei der Bushaltestelle am Gesundheitsamt, korrigiert werden.
Erfreulichere Nachrichten hatte Keck in Sachen Barrierefreiheit bei der Bahn zu verkünden: Ende dieses Monats sollen erste vertragliche Grundlagen mit den beteiligten Kommunen abgestimmt werden. Im Herbst 2018 soll dann schließlich mit der Erneuerung der Bahnsteige in Böhringen-Rickelshausen begonnen werden. »Es ist erfreulich, dass nun endlich ein genauer Zeitplan steht, nachdem die Umbaupläne in der Vergangenheit immer wieder nach hinten verschoben wurden.
Es gilt nun für alle Beteiligten den Zeitplan einzuhalten, so dass es Eltern mit Kinderwagen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität auch endlich an den genannten Bahnsteigen ermöglicht wird, unkompliziert am öffentlichen Personenverkehr teilzunehmen«, sagte Keck im Rahmen einer Pressemitteilung.

Wochenblatt Redakteur @: Matthias Güntert