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Weshalb nach einem Jahr noch keine Strategie?

Lockdown
Ein Bild vom letzten Herbst, als es erst Heizpilzdiskussionen gab, um der Aussengastronomie die Saison zu verlängern, und dann doch alles zu gemacht wurde. Derzeit sind die Gärten der Gasthäuser noch nirgends „angerichtet“ denn es fehlt noch jegliche Perspektive auf Öffnung. swb-Bild: of/ Archiv

Gastronomen über ihre Lockdowns im Austausch mit Landtagsabgeordneter Dorothea Wehinger

Singen. Wenn man mal zusammenzählt: seit dem Beginn der Corona-Krise im letzten März  wurden die gastronomischen Betriebe acht Monate geschlossen, und auch aktuell fehlt es noch an einer Perspektive, wie hier eine Öffnung, wenn auch schrittweise geschafft werden könnte. Auch die Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger stuft die Lage als „existenzbedrohend“ ein und die Befürchtung ist keineswegs aus der Luft gegriffen, dass eine große Zahl von gerade kleineren Unternehmen die von der Politik verhängten Schließungen nicht überleben, trotz mancher Rettungsschirme.

Wehinger hatte deshalb einige Gastronomen aus ihrem Wahlkreis zur Standortbestimmung eingeladen. Ausgelöst wurde des Treffen via Videokonferenz durch Federica Fele vom Restaurant/ Aparthotel Sternen aus Bohlingen mit ihren in viele Richtungen verschickten Hilferufe. „Ich möchte aber an dieser Stelle Frau Wehinger danken, sie war die einzige Politikerin die da reagiert hat“, machte sie in dem Treffen deutlich. Sie selbst hat es als Starterin in die neue Selbstständigkeit doppelt hart erwischt. Schon die Eröffnung musste letztes Jahr wegen des Lockdowns verschoben werden, und nach dem ersten halben Sommer war schon wieder Schluss. Aufgrund der Größe des Orts machen „ToGo“-Angebote für sie wenig Sinn, und weil das Hotel auf Freizeit ausgerichtet ist, sind, sind auch Geschäftsgäste kein Standbein.  Deshalb hängt auch die am Tropf der verspätet ausbezahlten November und Dezemberhilfen und wartet auf einen nächsten Rettungsschirm den der Lockdown werde sich wohl mindestens bis Pfingsten hinziehen. Und manche rechnen damit, dass der Juni auch noch „zu“ bedeute.

„Gerade an Ostern blutet einem Hotelier natürlich das Herz“, bekannte Andreas Gnädinger von der „Krone“ in Rielasingen. „Da haben wir sonst immer volles Haus, nun sind es ein paar Geschäftsgäste“, sagte er in der Konferenz. „Ich muss im Moment drei Auszubildende Beschäftigen, für die die Kurzarbeit nicht greift, weshalb da auch die Reinigung der Zimmer dazu gehört. Und ich muss sagen, dass ich froh bin, wenn ein Gast aufs Frühstück im Hotel verzichtet, dann zahlen ich weniger drauf“, weist er auf die harte Lage hin. Die Hilfen seien, wenn auch verspätet gekommen und überlebenswichtig gewesen. Aber immer noch geht es in weiteren Verhandlungen mit dem Steuerberater weiter, der Aufwand sei immens. Für ihn ist das Thema Außengastronomie keine wirkliche Perspektive, da er dafür mitten Ort kaum Flächen hätte. Hart wird es für ihn in Sachen Personal, denn das sieht sich inzwischen nach anderen Jobs um, zum Beispiel in der Industrie.

„Ich verstehe einfach nicht, weshalb es nach einem Jahr Corona noch keine Strategie für einen Neustart nach der Krise gebe. Mein Eindruck ist einfach, dass die Politik zu kurzfristig denkt“, klagt Markus Jäger vom Hegauhaus am Tannenberg. Auch er liegt fernab der Stadt, muss sich an den Hilfsprogrammen durchhangeln. „Das ist für uns eine sehr unglückliche Situation bei der man die psychischen Auswirkungen immer mehr spürt“, macht er aufmerksam. „Wenn die Politik nicht öffnen wolle, müsse sie die Betriebe weiter unterstützen“, sagt er klar. Denn die Gastronomie habe gezeigt, dass sie Hygienekonzepte umgesetzt habe, die funktionierten.  „Wir werden das nicht mehr lange durchhalten immer die Hand aufhalten zu müssen.“

Auch Sebastian Kopitzki hatte erst im Herbst 2019 das „Kreuz“ am Singener Stadtgarten übernommen, mit vielen Ambitionen. Die Umstellung auf Take-Away-Menüs war für ihn erst mal mit einem Schock verbunden. „Es ist Wahnsinn, was da an Verpackungsmüll produziert wird, weshalb wir ganz schnell auf Papierschachteln umgestellt haben“ sagte er. Seine Ungeduld ist spürbar. Inzwischen hat er sogar einen Currywurst-Stand aufgemacht um etwas bieten zu können für die Gäste, denen nur nach einem Lunch ist. Seine Befürchtung ist dass 60 Prozent der kleinen Betriebe diese Krise nicht überleben. Die kleine Bierkneipe, oder wer nur Schnitzel und Pommes und Wurstsalat im Angebot habe, könnten bei dem Aufwand und den Beschränkungen, die sich da ankündigten, nicht mehr davon Leben.

„Wir hatten noch einen ganz guten Sommer nach dem ersten Lockdown, auch wenn wir nicht am See sind“, sagt Jürgen Veser vom „Adler“ in Wahlwies, davon zehre man derzeit noch. „Aber ich habe Angst davor, dass aufgemacht wird, und wir dann kein Personal mehr haben. Das deute sich jetzt schon an, denn die Hilfen waren nur für das Unternehmen, die Mitarbeiter mussten gänzlich in Kurzarbeit geschickt werden, ohne Trinkgeld! Das könne genau die Existenzbedrohung noch verstärken.  „Schicken sie doch einfach die aus Stuttgart mal bei uns vorbei, dann sehen die die Folgen ihrer Entscheidungen“, brachte es Federica Fele auf den Punkt. Dorothea Wehinger verwies freilich darauf, dass die Entscheidung die Politiker nicht alleine treffen würden, sondern dass ein größerer Kreis dazu gehöre, und das seien ja Fachleute. Befürchtet wird von allen übrigens, dass im Herbst durchaus eine neue Welle von Schließungen folgen könnte, wann man jetzt kein Konzept entwickle.

Wochenblatt @: Oliver Fiedler