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Wie ist die Lage, Herr Blender?

Autohäuser in Radolfzell und Konstanz, Feuerwehr, Kfz-Innung, Narrizella, Kreishandwerkerschaft:

Hansjörg Blender war sein ganzes bisheriges Leben sehr engagiert am Puls der Arbeitswelt, am Puls der Gesellschaft. Wie sieht er die Lage im Automarkt, in der Zukunft der Mobilität und im Handwerk als Arbeitgeber für eine Sicherheit suchende Jugend? Zum Schlussgeht es um einen Wunsch für die Gesellschaft …

 

Wochenblatt: Wie ist die Lage, Herr Blender?
Herr Blender: »Die Lage ist besser als zu dem Zeitpunkt, als wir die Läden geschlossen hatten. Aber die Leute sind noch etwas verunsichert. Uns im Autohaus trifft die Chipkrise. Wir bekommen 50 Prozent der Autos und von 50 Prozent wiederum sind nur 60 Prozent die Autos, die ich möchte, und die anderen 40 Prozent muss ich nehmen, um die Quoten zu erfüllen. Die Lage ist also komplex, Autohandel ist gerade nicht einfach.«


Wochenblatt: Wie gehen Sie damit um? Was machen Sie mit den Kunden, die ihr Wunschauto nicht bekommen?
Herr Blender: »Offen kommunizieren: Ich kann das so nicht liefern, es gäbe aber die Alternative a, b oder c. Die anderen Marken stehen meist vor den gleichen oder ähnlichen Zwängen.
Ich werde langsam nicht zum EU-Skeptiker, aber zum EU-Fragesteller: Die EU wird von Gremien bestimmt, die am weitesten weg vom Bürger sind. Und umso weniger nachvollziehbar werden die Entscheidungen. Vor 14 Tagen kam ein Ehepaar zu mir, die waren schon bei VW, Opel und Ford und die kamen zu mir und haben nach einem Kleinwagen für die Frau gefragt, zum Beispiel einem Twingo. Die gibt es derzeit nicht mehr außer zum Teil als Elektrofahrzeuge. Herrn Schwab (EU-Abgeordneter, Anmerkung der Redaktion) habe ich vor fünf Jahren schon geschrieben, dass die gesamte Gesetzgebung, was ein Auto alles drin haben muss, Kleinwagen unbezahlbar macht. Die Dinge, die heute alle drin sein müssen, machen bei einem Kleinwagen mittlerweile 20 Prozent des Kaufpreises aus. Das senkt die Nachfrage und die Rentabilität für die Hersteller. Dass wir so lange Frieden hatten, ist sehr wertvoll in der Geschichte und auch ein europäischer Verdienst. Aber halb so viel Bürokratie, halb so viele Abgeordnete, halb so viel EU und es würde uns nichts fehlen.«


Wochenblatt
: Was glauben Sie, wie das weitergeht, wenn der Mensch das Auto, das er möchte, nicht mehr bekommt, sondern eben das Auto mit viel von oben verordneter Technik? Ist das der Wandel, den es braucht, oder sehen Sie das ganz anders?
Herr Blender: »Ich bin für Umweltbewusstsein. Wir waren, bevor die Elektroautos verschleudert wurden, Marktführer in Südbaden in Sachen Elektroautos, weil wir uns schon seit neun Jahren für Elektromobilität engagiert haben. Wir haben dort viel Erfahrung, wir wollen es aus Überzeugung, nicht, weil wir müssen. Dies gilt für alle Verkäufer, da sich alle damit auskennen. Ich bin für klare CO2-Ziele, aber eben auch für Technologieoffenheit.
Wir waren in Norwegen. Norwegen ist das Musterland in Sachen Elektromobilität. Aber das gilt nur für Oslo und Bergen.«

Wochenblatt: Wann waren Sie in Norwegen?
Herr Blender: »Vor drei Jahren. Oslo und Bergen. Wenn Sie nach Kirkennes kommen, dann interessieren sich dort nur wenige für Elektromobilität. Da brauchen die Leute Autos, mit denen sie übers Land fahren können. Elektromobilität ist für 60 Prozent die richtige Lösung. Wasserstoff ist heute noch eine Technologie für Lkw und Züge. Meine Vision wäre der Brennstoffzellenzug von Basel nach Ulm mit zusätzlicher Oberleitung, also ein Hybridzug. Das wäre ein Musterbeispiel, wie man Zukunft leben würde.
Ein Hybridauto ist für viele heute auch eine gute Lösung. Dieses auch unter dem Gesichtspunkt, dass wir im letzten Monat 70 Prozent Elektroautos verkauft haben. Letztes Jahr waren es schon 45 Prozent.
Wir brauchen aber keine Festlegung auf die Technologie. Gebt den Ingenieuren die Freiheit, die Ziele mit ihren Mitteln zu erreichen. Da ist Andreas Jung ein gutes Beispiel: Er sagt auch mal: Da habe ich keine Ahnung davon. Was ist Dein Vorschlag als Fachmann?«

Wochenblatt: Wenn wir den Fokus etwas wechseln: Ich höre immer wieder, dass die Elektroautos weniger Arbeit und damit weniger Umsatz in den Werkstätten lassen. Ist das so und wenn ja, was bedeutet das?
Herr Blender: »Es fahren derzeit 40 Millionen Autos auf Deutschlands Straßen, davon sind rund eine Million elektrisch. Das heißt, wir werden noch lange mit den Verbrennerautos zu tun haben. Aber der Wandel ist beständig. Wenn ich auf 60 Jahre Autohaus Blender zurückblicke, dann hat sich alles geändert. Früher haben wir durchgerostete Bodenbleche geschweißt, das ist heute kein Thema mehr …
Wir müssen den Wandel des Autohauses, den Wandel der Arbeit einfach annehmen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Die Zukunft heißt, dass sich mit den Elektroautos viel ändern wird.
Auch die Unfälle werden zurückgehen. In der Regel fährt ein Elektroautofahrer defensiver. Nur unsere Werbung und die Autofachmagazine schwärmen von den 800-PS-Elektroautos. Die Frage ist: wer braucht das? Ich darf das als Innungsmann gar nicht sagen eigentlich …«

Wochenblatt: Aber vielleicht dürfen Sie es mit Ihrer Erfahrung persönlich sagen, das können wir hier ja so etikettieren …
Herr Blender: »Das darf man persönlich sagen (lacht). Da ich jetzt schon neun Jahre elektrisch fahre, und ich schätze die ruhige Fahrweise. Wenn ich wollte, könnte ich jeden Porsche an der Ampel die ersten 30 Meter abziehen …«

Wochenblatt: … wenn es kein Elektroporsche ist …
Herr Blender: »… wenn es kein Elektroporsche ist. Dann setzt das Gehirn wieder ein und sagt: Eigentlich fährt man ein Elektroauto anders.«

Wochenblatt: Sie vermuten, dass die Elektroautos zu einer insgesamt gelasseneren Fahrweise führen und damit zu weniger Unfällen?
Herr Blender: »Ja, und das Thema autonomes Fahren trägt noch mehr dazu bei.
Und wir werden über Autoabo und Carsharing reden. Volkswagen spricht davon, dass ein Teil des Autothemas nicht mehr der unbedingte Besitz, sondern die Nutzung sein wird. Nicht für alle, aber für einige, vielleicht für 20 Prozent. Wenn ich schauen muss, wie ich am Sonntag ohne eigenes Auto auf den Schiener Berg fahren kann, wird es schwierig.
Ein Beispiel: Eine junge Frau hat von ihren Eltern einen Renault Zoe bekommen, die wohnen in Orsingen, sie arbeitet in Singen im Industriegebiet. Mit dem ÖPNV muss sie von Orsingen nach Nenzingen, dann nach Radolfzell, dann nach Singen und von dort irgendwie zum Arbeitsplatz. Das dauert eineinviertel Stunden, mit dem Zoe dauert das eine Viertelstunde.«

Wochenblatt: Das heißt, Sie plädieren für einen Wettbewerb der Ideen und aus Sicht des Konsumenten für die Verknüpfung von unterschiedlichen Modellen? Mobilität anders denken!
Herr Blender: »Ja. Aber ein kleines Opfer sollte man schon heute bereit sein, auf sich zu nehmen. Weil sonst werden wir irgendwann dazu gezwungen werden. Dann aber zu größeren Einschnitten.«

Wochenblatt: Ist das Opfer das, dass wir eben nicht mehr alles besitzen und das Auto kein ab geschlossener Raum mehr ist, weil wir mit dem Auto und dem Hersteller Daten teilen etc.? Was ist der Preis, den wir bezahlen müssen?
Herr Blender: »Ich fahre auch mit einem großen Auto nicht schneller als mit einem kleinen. Ich sage vielen Kunden, wenn Sie den Zoe zu Hause fahren, werden Sie überlegen, nach Villingen oder Freiburg mit dem Zoe zu fahren und nicht mit dem Großen. Die Verbrauchskosten sind dann halbiert. Zusätzlich bin ich gelassener und umweltschonender unterwegs.«

Wochenblatt: Sie schildern eine begüterte deutsche Mittelstandsfamilie, die wählen kann zwischen dem Zoe und einem größeren Wagen. Es gibt sicherlich auch viele, die haben Angst, dass die Benzinkosten immer weiter steigen und sie sich mit einem Auto, was sie sich jahrelang vom Mund abgespart haben, das Autofahren irgendwann nicht mehr leisten können …
Herr Blender: »Heute morgen hat mich ein Kunde gefragt, ob er mit seinem Auto E 10 fahren kann. Ich habe ihm gesagt, dass das eine gute Möglichkeit, aber nur für längere Strecken ist. Was ich mit meinem Nachfolger als Obermeister, Paulo Rodrigues, ausgemacht habe, ist, wir machen jetzt eine Informationskampagne: ›Wie fahre ich sparsam?‹ 50 Prozent ist Technik beim sparsamen Fahren, 50 Prozent ist der Gasfuß des Fahrers und die Frage, ob ich z.B. die Schubabschaltung nutze. Wenn ich sehe, wie manche an unserem Autohaus vorbeirasen, dann sollte der Sprit fünf Euro kosten. Aber: Die meisten Autofahrer könnten durch eine entsprechende Fahrweise locker 1 Liter Kraftstoff auf 100 km einsparen.«

Wochenblatt: Ich würde gerne die Perspektive etwas abrupt wechseln: Mir hat vor Kurzem ein Handwerker gesagt, dass er in den letzten Jahren einige Leute an Verwaltungen verloren hat. Wie geht es Handwerk und Mittelstand? Wie geht es dem Handwerk und dem Mittelstand als Arbeitgeber?
Herr Blender: »Dem Handwerk geht es nicht schlecht. Man sagt ja, Handwerk hat goldenen Boden. Gerade das Bauhandwerk hat eine lange und gute Perspektive. Das Problem ist, dass die Politik zu weit weg ist.«

Wochenblatt: Welche Erkenntnisse und welche Sichtweisen fehlen Politikerinnen und Politikern da?
Herr Blender: »Dass wir uns bemühen, mit dem Gesundheitsschutz so sorgsam wie möglich umzugehen: Masken, Plexiglasschutz. Wie Mittelstand funktioniert und was für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter da getan wird, sollte eben mal erlebt werden. Wer Lehrer wird oder Politiker, sollte das Handwerk im Praktikum oder Lehre oder vielleicht wenigstens ein freiwilliges soziales Jahr erlebt haben. Wenn ein Unternehmer in die Politik geht, muss er schauen, wie der Laden weiterläuft, weil das seine Altersvorsorge ist. Ich habe bei den Grünen mit einem Bäckermeister gesprochen, aber das ist nicht die Norm.«

Wochenblatt: Sie meinen, die Hürden für Unternehmer, in die Politik zu gehen, sind hoch, und deshalb sind in der Politik die Themen Eigenverantwortung, unternehmerisches Denken, Mut und Risiko unterrepräsentiert?
Herr Blender: »So ist es. Für den Unternehmer ist es ein Existenzrisiko, in die Politik zu gehen. Wir brauchen eine bessere Durchmischung oder müssen andere Beteiligungsformen finden, wie Unternehmer anders mitwirken können in der Politik zusätzlich zu den Kammern.«

Wochenblatt: Wir haben das Gefühl, dass junge Leute derzeit in einer unübersichtlichen Welt Sicherheit suchen. Was würden Sie den jungen Menschen gerne sagen?
Herr Blender: »Ich erlebe es gerade wieder bei dem jungen Mann, der seine Ausbildung abgeschlossen hat. Er hat nun eine gute Basis und er macht jetzt das Gymnasium fertig: Andere studieren oder machen den Meister, der ja dem Bachelor gleichkommt. Der Weg nach oben zu kommen, ist über das Handwerk immer einer der Kürzesten.«

Wochenblatt
: Das heißt, dass Unternehmen den jungen Menschen etwas bieten müssen, was über die Ausbildung und den bloßen Freiraum hinausgeht? Was würden Sie den Unternehmern gerne dazu sagen?
Herr Blender: »Ein Beispiel ist das Schreinerhandwerk. Schreiner wissen von vorneherein, dass ein Viertel bis die Hälfte danach in Richtung Architektur etc. weitermachen. Das Handwerk muss damit leben, dass nicht alle bleiben. Aber: Das Handwerk bietet aber viel mehr Sicherheit als z.B. die Industrie. Unternehmen müssen aber auch klare Grenzen setzen in der Ausbildun: Fördern und fordern.«

Wochenblatt: Wenn eine gute Fee zu Ihnen käme und sagen würde: »Herr Blender, Sie haben einen einzigen Wunsch frei für diese Gesellschaft.« Was würden Sie sich wünschen?
Herr Blender: »Lernen wir wieder, die Meinung des anderen zu respektieren.«

Wochenblatt: Herlichen Dank Ihnen


Das Interview führte Anatol Hennig

Wochenblatt @: Anatol Hennig


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